14:35:41 | Mittwoch, 6. Juni 2007
Limburger LaiInnen entwickeln aus einer vermurksten Bibelsicht über eine vermarxte Weltsicht eine vermasselte Aussicht. Von Hubert Hecker.

Die Anti-Globalisierungs-Gruppe ‘attac’ demonstriert in Rostock am 2. Juni
(kreuz.net) Zum jüngsten Papstbuch „Jesus von Nazareth“ schrieb das Wochenmagazin ‘Der Spiegel’:
„Der
päpstliche Autor hält nichts von den Uminterpretationen dieses Jesus’ in alle möglichen Rollen – vom
antirömischen Revolutionär bis zum sanften Moralisten.“
Doch ein Aufruf kirchlicher Gruppen aus dem
Bistum Limburg zum G 8 Gipfeltreffen in Heiligendamm preßt Jesus in die Schablone des antirömischen
Agitators:
„Wir folgen dem Beispiel Jesu, der die Tische der Geldwechsler und Opfertierhändler im Tempel
umgestoßen hat, der römischen Herrschaft Widerspruch entgegengesetzt und eine Alternative radikal gelebt
hat.“
Die Limburger LaiInnen fordern die Deutschen auf, in der Nachfolge Jesu „Bündnisse mit globalisierungs-
und kapitalismuskritischen Gruppen einzugehen“.

Schutzzaun für den G8-Gipfel an der Jemnitzer Schleuse bei Heiligendamm
Das hat offenbar auch der abgehalfterte CDU-Politiker
Heiner Geißler (77) gehört: Kürzlich trat er in die Anti-Globalisierungs-Gruppe ‘attac’ ein.
Bei diesem
globalisierungskritischen Schwung ist es offenbar leicht, das Beispiel Jesu der aktuellen Zeitgeistströmung
anzupassen:
Das Umstoßen der Geldwechslertische wird dann als Widerstand gegen die Politik des Internationalen
Währungsfonds und gegen die Kreditpolitik der Industrieländer gegenüber den Entwicklungsländern ausgedeutet.
Das Umwerfen der Händlertische ist der Vorläufer des Protestes gegen „unfaire Handelsbedingungen“ für
Drittweltländer.
Schließlich motiviert der jesuanische Widerspruch gegen die römische Weltherrschaft
die antiimperialistischen Limburger LaiInnen-Gruppen, den Kampf gegen die Weltherrschaftsbestrebungen
der USA und ihrer imperialistischen Lakaien aufzunehmen.
Die Limburger stellen fest, daß die Politik
der G8-Staaten an den „global ungerechten Strukturen, sei es im Welthandel, im Bereich der Schuldenpolitik,
der Privatisierung der Wirtschaft“ schuldig ist.
Bekanntlich muß ein guter Öffentlichkeitsaufruf auch
das Gemüt ansprechen.
Darum wird mit der „Trauer um die Menschenleben“ auch eine Träne für Kinder
abgedrückt, „die ihrer Zukunft beraubt wurden“.

Die nur teilweise friedlichen G8-Proteste arten am Mittwoch in Krawalle und Barikaden aus
Zum Schluß muß das „biblische Jobeljahr“ herhalten,
um die Menschenwürde gegen das „fortdauernde Unrecht“ der Globalisierung zu verteidigen.
Die Verkehrung
Christi in einen antiwirtschaftlichen und antirömischen Aktivisten zeugt von einer vermurksten Bibel –
und vermarxten Weltsicht.
Seit den 68er Tagen der „antiimperialistischen Kampfsolidarität“ besteht in
allen linkslastigen Bewegungen – vom katholischen ‘pax Christi’-Verband bis zur militanten ‘attac’-Gruppe –
ein festgeklopfter Konsens, daß die kapitalistischen Industrieländern für alle Wirtschafts- und Armutsprobleme
der Welt verantwortlich sind.
Als Beispiele werden gerne die überschuldeten Länder Afrikas angeführt.
Das Bistum Limburg bemüht sich zum Beispiel um einen weitgehenden und auflagenfreien Schuldenerlaß
für das Sub-Sahara-Land Sambia, das mit der Diözese vielfältig verbunden ist.
Sambia galt bis Mitte
der 70er Jahre als eines der reicheren Länder Afrikas – mit Bodenschätzen, landwirtschaftlichen Ressourcen
und einer jungen, engagierten Bevölkerung.
Als die Weltmarktpreise für Rohstoffe ab 1974 fielen und
die Ölpreise stiegen, reagierte die damalige Regierung nicht mit wirtschaftlichen Effektivitätsanstrengungen,
sondern mit einer sozialistischen Plan- und Zwangswirtschaft.
Alle größeren Rohstoff- und Industriebetriebe
wurden verstaatlicht, ausländische Investitionen abgeschnürt, Währung und Staatshaushalt künstlich
aufgebläht, der Bevölkerung großzügige Konsum-Subventionen gewährt.
Das Land leistete sich auf schmaler
ökonomischer Basis einen üppigen Wohlfahrtsstaat – der im kirchlich-progressiven Jargon als „Option
für die Armen“ vernebelt wurde.
Die sozialistische Verschwendungswirtschaft wurde mit steigenden Krediten
finanziert. Anfang der 90er Jahre stand Sambia vor dem Staatsbankrott.
In einer solchen Situation fungiert
der ‘Internationale Währungsfond’ als Berater und Sanierungsinstanz für Schuldnerländer.
Sambia mußte
seine ineffektiven verstaatlichten Betriebe privatisieren, den Binnenmarkt für ausländische Investitionen
öffnen, die horrende Inflation bekämpfen und unproduktive Staatsausgaben kürzen.

Eskalationon: Die Polizei muß das G8-Treffen mit Tränengas und Wasserwerfern verteidigen
Diese Strukturanpassung
führte bei der subventionsverwöhnten Bevölkerung naturgemäß zu Einschnitten. Etwa Zehntausend unnötig
eingestellte Beamte wurden entlassen.
Nach diesen Maßnahmen zeigte sich schnell eine Perspektive des
Wohlstands und wirtschaftlichen Aufbruchs.
Sambia wurde wieder kreditfähig. Ein Teil der internationalen
Schulden wurde gestrichen.
Doch kirchliche Globalisierungskritiker wollen diese erfolgreiche Verknüpfung
von Teilschuldenerlaß und marktwirtschaftlicher Strukturanpassung kappen.
So polemisiert das genannte
Limburger Bündnis gegen die vom ‘Internationalen Währungsfond’ und den G 8-Staaten geforderten „Privatisierungen“.
Es sehnt sich offenbar nach der alten sozialistischen Verschwendungswirtschaft.
Das Limburger Ordinariats-Referat
„Weltkirche“ fordert seit Jahren einen vorbehaltlosen und auflagenfreien Gesamtschuldenerlaß für Sambia
und für andere überschuldete Entwicklungsländer.
Eine solche Politik wäre für diese Länder eine
Ermutigung, mit dem alten Schlendrian weiterzufahren.
Es wird auch verlangt, daß die durch Teilschuldenerlaß
freiwerdenden Gelder nicht in eine leistungsfähige Infrastruktur für eine produktive Wirtschaft angelegt,
sondern, wie gehabt, für wohlfahrtsstaatliche Maßnahmen verbraten werden.
Das Programm der kirchlichen
Globalisierungskritiker ist eine Demonstration wirtschaftspolitischer Ignoranz – verbrämt mit einem biblisch-theologischen
Etikettenschwindel.
Bilder: Creative Commons
Titelbild: Wiki-Benützer „Alex1011“
Bild Schutzzaun: public
domain
Weitere Bilder: Sebastian Schwaner
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