10:19:01 | Montag, 11. Juni 2007
Die Stadt ist ein „Gedicht aus Stein“. Aber der Inhalt der Strophen läßt das Blut in den Adern erstarren. Von Prof. Dr. Rudolf Grulich, ‘Kirche in Not’.

Erzbischof Ignatius Maloyan; rechts das Andachtsbild des Vatikan zur Seligsprechung
(kreuz.net) Heute begeht die Kirche den Gedenktag des seligen Erzbischofs Ignatius Maloyan († 1915).
Papst Johannes Paul II. sprach den armenisch- katholischen Erzbischof von Mardin in der Südosttürkei
am 7. Oktober 2001 selig.
Schoukrallah Maloyan – so sein bürgerlicher Name – wurde am 18. April 1869
in der Stadt Mardin geboren.
Der Ort hatte damals 40.000 Einwohner. Fast die Hälfte waren Christen.
Es gab dort mehr als sechstausend Armenier und siebentausend syrisch-orthodoxe Christen, außerdem über
3.000 mit Rom unierte syrische Gläubige, 1.200 Chaldäer und einige Hundert Protestanten.
Mardin war
nicht nur seit Jahrhunderten Sitz eines syrisch-orthodoxen, sondern seit 1832 auch eines chaldäischen
und seit 1850 eines armenisch-katholischen Bischofs.
Durch seinen Pfarrer, Hw. Josef Tscherian, erhielt
der junge Choukrallah mit vierzehn Jahren die Möglichkeit des Studiums im Libanon, der damals ebenfalls
zum Osmanischen Reich gehörte.
Am 6. August 1896 wurde er zum Priester geweiht.
Im Gedenken an den
großen Bischof der Alten Kirche, Apostelschüler und Märtyrer Ignatius von Antiochien († 107), nahm
Maloyan den Namen Ignatius als Rufnamen an.
Der Neupriester wirkte zuerst in Alexandrien und Kairo. Dann
holte ihn der Patriarch als seinen Assistenten nach Istanbul.
Völkermord an den Armeniern

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Ein langer Weg in den TodMaloyan war hoch gebildet. Er beherrschte neben Armenisch, Türkisch und Arabisch
unter anderem auch Italienisch, Französisch und Englisch.
Am 22. Oktober 1911 wurde er zum Erzbischof
von Mardin ernannt.
Schon 1895 und 1908 war es in der Türkei zu Übergriffen gegen die Armenier gekommen.
Mons. Maloyan trat ein schweres Amt an.
Bis zum Ersten Weltkrieg schätzten ihn die Behörden des Sultans
als loyalen Staatsbürger des Osmanischen Reiches.
Im Jahr 1915 kam jedoch durch die Jungtürken der
Plan der „Endlösung“ für die Armenier.
Am 25. April setzten Deportationen ein – zunächst in Istanbul,
dann in ganz Kleinasien.
Am 3. Juni 1915 zerrten die Behörden in Mardin den Erzbischof mit 27 Katholiken
vor Gericht.
Der türkische Polizeichef Memdouh Bey ließ außerdem weitere 395 Christen – darunter acht
Priester – festnehmen: 226 Armenier, 112 Syrer, 30 Chaldäer und 27 Protestanten.
Am 10. Juni wurden
die Gefangenen in Nachbardörfer geschleppt. Der Bischof hatte den Hals in Eisen und war gefesselt.
Die
ersten Gefangenen wurden in einem Steinbruch erstochen.
In einem kurdischen Dorf, wohin die Todeskarawane
weiter geprügelt wurde, bot der Polizeichef an, jene freizulassen, die zum Islam übertreten würden.
Erzbischof Maloyan sprach für alle: „Verräter an der christlichen Religion zu werden, niemals!“ Ein
Laie namens Razcallah Murcho trat aus der Reihe der Gefangenen und ergänzte: „Tötet mich und ihr werden
sehen, wie ein Christ stirbt!“
Die ersten einhundert Männer wurden bei den Grotten von Scheikhan ermordet,
weitere einhundert durch Steinigung, Dolchstöße und Keulenschläge bei der alten Festung Zerzewan.
Zum Schluß erschoß der Polizeichef den Erzbischof mit seiner Pistole.
Die Seligsprechung von Erzbischof
Maloyan steht stellvertretend für Tausende weiterer Märtyrer des Jahres 1915 in Mardin und Anatolien.
Am 14. Juni 1915 wurden 278 weitere Gefangene abgeführt, darunter fünf armenische und sieben syrisch-katholische
Priester, 262 katholische Laien und vier Protestanten. Sie wurden alle ermordet.
Im Dorf Tell-Armen wurden
1500 Christen in der Kirche abgeschlachtet, die Kinder buchstäblich auf dem Altar. Ähnliches geschah
in anderen Dörfern.
Anfang Juli kamen Tausende verschleppter armenischer Frauen aus dem Norden nach
35 Tagen Fußmarsch in Mardin an.
Die Männer waren längst ermordet. Von den deportierten Frauen und
Kindern gelangten nur wenige Tausend bis Mardin. Über zehntausend waren im Juni zwischen Diyarbakir und
Mardin massakriert worden.
Von weiteren 80.000 Frauen und Kindern aus Sivas und Karput, die zur Verschickung
in die heute irakische Stadt Mossul bestimmt waren, kamen am 14. September nur viertausend bis Mardin.
Beim Verlassen von Diyarbakir waren es noch 12.000 gewesen. Achttausend von ihnen wurden von Kurden auf
dem Weg bis Mardin getötet.
Die Zahl der in Harems verschleppten Frauen und Mädchen ist nicht bekannt.
Von ursprünglich 600 katholischen Frauen aus Siirt war kaum ein Drittel übrig, als sie beim Herabsteigen
von einem Berg vor Mardin von Kurden gesteinigt wurden.
Türkei leugnet bis heute VölkermordMan kann
nur Begriffe wie Hekatomben oder Blutbäder für die Massaker gebrauchen.
Die europäischen Konsulate
meldeten ihren Botschaften aus Mossul, daß wochenlang Leichen auf dem Fluß Tigris trieben.
Bis heute
leugnet die Türkei den Völkermord an den Armeniern und anderen Christen in Kleinasien und bezeichnet
die damaligen Opfer als Kollateral-Schaden während kriegsbedingter Umsiedlungen.
Aber die Fakten des
Völkermordes sind gesichert und durch Dokumente, Augenzeugen und Überlebende beweisbar.
Die Berichte
der Konsulate verschiedener Regierungen in den großen Städten Kleinasiens, Briefe und Tagebücher von
deutschen, amerikanischen, dänischen und schweizerischen Missionaren belegen die Ausrottung ebenso wie
Berichte deutscher Offiziere und Reisender verschiedener Nationen.
Heute schwärmen Broschüren des türkischen
Tourismus-Ministeriums von der Schönheit Mardins.
Die Stadt sei ein „Gedicht aus Stein“. Was hier und
in vielen Städten Kleinasiens im Jahr 1915 geschah, wird aber verschwiegen.
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