14:17:40 | Dienstag, 12. Juni 2007
Man muß sie nur zwanzig Jahre verwahrlosen lassen und die Gefahrenzone mit einer roten Absperrung markieren. Dann ist ihr Abbruch keine Schande, sondern sogar geboten.

In Frankreich läßt der Staat Kirchen verwahrlosen, dann abreißen und durch moderne Kapellen oder Gebetsräume
ersetzten.
© Etienne Cazin, Creative Commons(kreuz.net) Die Kirchen in Frankreich ziehen immer weniger Gläubige an. Ihr Unterhalt ist teuer.
„Es
gibt keinen Zweifel, daß inzwischen große, schwarze Wolken über den kleinen Landkirchen Frankreichs
hängen.“
Das erklärte die Pariser Tageszeitung ‘Le Figaro’ am 18. Mai.
In Frankreich gibt es etwa
15.000 Landkirchen. 2.800 von ihnen sind bedroht. Zu dieser Erkenntnis kam ein Bericht des Französischen
Senates.
Die katholischen Kirchen, die vor 1905 gebaut wurden, gehören in Frankreich dem Staat und müssen
von ihm unterhalten werden.
Die Bürgermeister spielen darum mehr und mehr mit dem Gedanken, Kirchen
abzureißen, weil ihr Unterhalt oder ihre Restauration zu teuer sind.
Christian Prunier, der Webmaster
der französischen Kirchen-Homepage
‘clochers.org’ erklärt, daß es einfach ist, eine Kirche abzureißen.
Man müsse das Gebäude nur zwanzig Jahre lang verwahrlosen lassen und es dann mit roten Absperrungen
umgeben, um die Gefahrenzone zu markieren:
„Dann ist der Abbruch keine Schande mehr, sondern sogar zu
angeraten.“
In der früher sehr katholischen Vendée – einem Departement in Westfrankreich – wurden im
19. Jahrhundert viele Kirchen und Kapellen gebaut.
Jetzt beginnt man damit, sie abzureißen, weil das
Geld für ihren Unterhalt fehlt.
Respektvollere DekonstruktionEin Beispiel ist die Pfarrkirche der
1.500-Seelen-Ortschaft Saint-Georges-des-Gardes im westfranzösischen Departement Maine-et-Loire.
Das
Gotteshaus wurde im Jahr 1870 errichtet und im vergangenen August abgerissen.
Der Bürgermeister spricht
lieber von „Dekonstruktion“. Dieser Begriff sei „respektvoller“.
In seiner Gemeinde gibt es noch eine
weitere Kirche. Der Bürgermeister konnte das Geld für die Restauration des abgerissenen Gotteshauses –
mehr als eine Million Euro – nicht aufbringen.
Gérald Eloire unternahm alles, um die Zerstörung der
Kirche aufzuhalten. Er schrieb einen Offenen Brief an den Bürgermeister, gründete einen Verein und mobilisierte
die Medien. Vergebens. Eloire ist ein überzeugter Atheist.
Er siedelte sich im Dorf an, weil er von
dem – inzwischen abgerissenen – Kirchengebäude fasziniert war.
An die Stelle des abgerissenen Gotteshauses
will der Bürgermeister jetzt ein kleines Gebetshaus im modernen Stil errichten.
Die Kirche von Saint-Georges-des-Gardes
dürfte in der Umgebung nicht die einzige bleiben, die abgerissen wird.
Die Gegend ist voller Kirchen,
die im 19. Jahrhundert gebaut wurden, als der Glaube blühte und die Bevölkerung wuchs.
Kirche Saint-Martin
Nur 18 Kilometer entfernt befindet sich die Kirche Saint-Martin in der Gemeinde Valanjou. Sie soll ebenfalls
abgerissen werden.
Der Klerus stellt dem Ansinnen des Bürgermeisters keinen Widerstand entgegen. Die
Messe wird in einer anderen Kirche gelesen. In der Gegend gibt es etwa fünfzig Kapellen, Gebetshäuser
oder Kreuzwege.
„Der Kirchenbesuch ist in den letzten zehn Jahren massiv zurückgegangen und die praktizierenden
Katholiken akzeptieren die Entscheidung“ – erklärt der Bürgermeister von Valanjou.
In seiner Gegend
sei es nicht üblich, Kirchen anzurühren: „selbst wenn die Messe eine entfernte Erinnerung ist“. Aber
es gebe keinen anderen Ausweg.
Pfarrkirche Gesté45 Kilometer weiter befindet sich die 2.500 Seelen
Ortschaft Gesté. Dort hat der Gemeinderat gerade beschlossen, die große Pfarrkirche abzureißen. Sie
ist das einzige Gotteshaus des Ortes.
Noch wird darin die Messe gelesen. An der Stelle der Kirche will
der Bürgermeister einen „Saal mit 500 Plätzen“ errichten.
Er kann unterteilt werden, ist leicht zu
heizen und sei für die Jugendlichen anziehend.
Der Pfarrer des Ortes, Hw. Pierre Pouplart, hält sich
bedeckt: „Das ist die Sache der Gemeinde. Ich verstehe, daß sie sich über die Unterhaltskosten Sorgen
macht.“
Die Kirche gehört zur Diözese Angers. Dort ist Hw. André Boudier zuständig für die kirchliche
Kunst. Auch er hat mit dem Abriß keine Probleme:
„Qualitativ hochstehende Kirchen sollen erhalten werden.
Bei den anderen muß man einen Abriß akzeptieren, damit an ihrer Stelle Gebäude errichtet werden, die
den heutigen Bedürfnissen besser entsprechen.“
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