16:27:01 | Sonntag, 17. Juni 2007
Was ist der Unterschied zwischen dem Juni 1964 und dem Juni 2007. Diese Frage ist schnell beantwortet. Von Hubert Hecker.

Rauch aus der Euthanasie-Anstalt Hadamar
(kreuz.net) Im Jahr 2006 erschien das Buch „Hadamar. Heilstätte – Tötungsanstalt – Therapiezentrum“.
In dessen Vorwort heißt es:
„Wirtschaftswunderzeit und Kalter Krieg ließen die Aufarbeitung und rechtliche
Sühne der Verbrechen in den Hintergrund treten. Von den Tätern und Opfern sprach bald keiner mehr.
Mit den Studentenunruhen von 1968 (…) brach jedoch eine Zeit an, in der das Schweigen über die nationalsozialistischen
Verbrechen in der Psychiatrie und ihre Opfer nicht mehr hingenommen wurde.“Das Interpretationsschema
„Verdrängen der nationalsozialistischen Verbrechen im ‘Mief der Adenauerzeit’ und Bewältigen der Hitlerzeit
seit den 68ern“ ist bis heute in fast alle Köpfe eingeschweißt.
Doch selbst in den weiteren Kapiteln
des oben genannten Buches erweist sich diese These als linke Verdrehung der Wirklichkeit.
Schon 1947
informierte die Presse über die Ermordung von mehr als 14.000 kranken und behinderten Menschen in der
„Landesheilanstalt Hadamar“. Die Berichterstattung stand im Kontext der Hadamar-Prozesse in Frankfurt,
bei denen sechs Todesurteile gefällt und drei achtjährige Zuchthausstrafen verhängt wurden.
Dabei war der Begründungsbezug der Richter auf das Naturrecht – und damit die Negierung des gesetzten
oder vereinbarten Rechts der Nationalsozialisten – grundlegend:
„Über dem Befehl des Tyrannen stehen
die ewig gültigen Gesetze der Ethik. Wenn es keine unwandelbare Ethik und Moral gibt, dann, meine Herren
Richter, zerreißen Sie ihre Roben“ – sagte der damalige sozialdemokratische Anklagevertreter Adolf Arndt.
Im Jahr 1960 nahm der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer erneut die Ermittlungsverfahren gegen
29 in den Nachkriegsjahren „nicht auffindbaren Beschuldigten“ auf.
Im Februar 1964 begann am Landgericht
Limburg der Prozeß gegen hochrangige Organisatoren der nationalsozialistischen Krankenmorde.
Einer der
Angeklagten, der berüchtigte Obergutachter Dr. Werner Heyde, verübte eine Woche vor Prozeßbeginn Selbstmord.
Mordkiste HadamarMit der Übernahme der Landesheilanstalt Hadamar in den Landeswohlfahrtsverband Hessen
1953 wurde eine erste symbolische Gedenkstätte im Eingangsbereich der Anstalt errichtet.
Ein Relief
mahnt bis heute „Zum Gedächtnis“ an die Toten aus der Terrorzeit „1941 -1945“.
An der Einweihungsfeier
am 13. März 1953 nahmen Schüler und Lehrer des Hadamarer Gymnasiums teil. Landesrat Dr. Friedrich Stöffler
(† 1982) hielt die Gedenkrede.
Dabei erklärte er, daß das Programm zur Beseitigung sogenannt lebensunwerten
Lebens – das lange vor der Hitlerzeit in weiten Kreisen der Bevölkerung virulent war – „vom Nationalsozialismus
in grauenhafter Weise in die Tat umgesetzt“ worden sei.
„Diese Tat bedeutet die Abkehr von dem abendländischen
Sittengesetz, das den Menschen gebietet, den Nächsten zu lieben wie sich selbst und in lapidaren Worten
gebietet: Du sollst nicht töten.“
1961 veröffentlichte der gleiche Dr. Stöffler als inzwischen pensionierter
zweiter Landesdirektor des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen eine historische Arbeit unter dem Titel „Die
‘Euthanasie’ und die Haltung der Bischöfe im hessischen Raum 1940 – 1945“.
Das Werk erschien im „Archiv
für mittelrheinische Kirchengeschichte“, Band 13.
Im selben Jahr publiziert der Autor Alfred Hermanns
in Dortmund das Buch „Die Mordkiste von Hadamar“. Es enthält eine Erzählung aufgrund authentischer Dokumente
und wahrer Begebenheiten.
Im Bertelsmann-Verlag Gütersloh erschien schon im Jahre 1955 das Buch der
Hadamarer Schriftstellerin Maria Mathi († 1961) „Wenn nur der Sperber nicht kommt“.
Darin wird die Ermordung
der Behinderten im Krankenhaus hoch über der Stadt als Bedrohungskulisse für die Deportation der Juden
dargestellt.
Schließlich wurde im Jahre 1964 der anstaltseigene Friedhof, auf dem die nationalsozialistischen
Krankenschlächter 4.000 Opfer würdelos in Massengräbern verscharrt hatten, zu einer Gedenklandschaft
umgestaltet.
An den Kosten beteiligten sich die hessische Landesregierung und die damalige Adenauer-Regierung.
Im Mittelpunkt des Gedenkfriedhofs steht bis heute die Stele mit der Aufschrift: „Mensch achte den Menschen“.
Die örtliche Zeitung berichtete damals, daß weitere Gedenksteine daran erinnern sollten, „daß hier
in der nationalsozialistischen Terrorzeit Menschen verschiedenen Glaubens und verschiedener Nationen den
Tod gefunden haben“.
2.000 JugendlicheDer damalige Präsident der evangelischen Landeskirche von Hessen
und Nassau, Martin Niemöller († 1984) stellte bei der Einweihungsfeier am 18. September 1964 die Frage,
ob aus den nationalsozialistischen Verbrechen die nötigen Lehren gezogen würden:
„Genügen Menschlichkeit
und guter Wille?“ fragte auch der katholische Stadtpfarrer Hans Schlitt in seinem Grußwort.
Er mahnte
die Ehrfurcht vor der Heiligkeit des Lebens an, die in Gott, dem Schöpfer des Lebens, begründet ist.
Drei Monate vorher hatte das Bistum Limburg zu einer Großveranstaltung nach Hadamar aufgerufen.
2.000
katholische Jugendliche waren am 17. Juni aus allen Dekanaten des Bistums mit ihren Gruppenfahnen und
Vortragskreuzen nach Hadamar gekommen, um in einer Gedächtnis- und Sühnewallfahrt an die unzähligen
Opfer des nationalsozialistischen Terrors zu erinnern.
Bei einer Statio auf dem Marktplatz in Hadamar
legte der damalige Diözesan-Jugendpfarrer, Hw. Christian Jung, in einem detaillierten und „nüchternen
Bericht die Schandtaten dar, die zwischen 1940 und 1945 nur ein paar hundert Schritte entfernt von dieser
Stelle in der Landesheilanstalt an wehrlosen Kranken und Gefangenen verübt wurden“ – so die ‘Nassauische
Landeszeitung’ vom 19. Juni 1964.
Anschließend zog die Gedächtnis-Wallfahrt zur Gnadenkapelle des Herzebergs
hoch über der Stadt.
Auf diesem Berg – ein Pendant zu der Anhöhe gegenüber, auf dem die nationalsozialistischen
Krankenmorde begangen wurden – hatten die Jesuiten vor 300 Jahren eine Gnadenkapelle zur Mater Consolatrix
erbaut, zur Ehren Marias, der Mutter der Betrübten.
Auf dem Platz vor dem barocken Marienheiligtum zelebrierte
der damalige Weihbischof von Limburg, Mons. Walter Kampe († 1998), eine Heilige Messe, in der er auch
predigte:
„Was muß geschehen“ – fragte der Weihbischof – „um die Unmenschlichkeiten des Hitlerreiches
nicht wieder aufleben zu lassen?“
Zur Antwort auf diese Frage müsse man – gerade am 17. Juni – einen
Blick über den Eisernen Vorhang und die Mauer in Berlin werfen, wo die Menschen einem ähnlichen Druck
ausgesetzt seien wie unter dem Nationalsozialismus.
Wo die Gottlosigkeit beginne, da fange die Gefahr
für die Menschen an.
Er rief die Christen dazu auf, diesen gefährlichen Tendenzen das Zeichen des Kreuzes
entgegenzusetzen.
In diesem Zusammenhang erinnerte der Weihbischof an die „beispielhafte Haltung der
Limburger Bischöfe, Mons. Antonius Hilfrich († 1947) und Mons. Ferdinand Dirichs († 1948), die in Zeiten
größter Bedrohung durch die Nationalsozialisten Widerstand leisteten sowie jene Hadamarer Bürger, die
ihre Bischöfe über die in den Mauern ihrer Stadt begangenen Untaten unterrichteten“.
Der Weihbischof
entließ die Jugendlichen mit dem Aufruf, die Kenntnisse und die Lehren aus den mörderischen Ereignissen
von Hadamar im ganzen Land zu verbreiten.
Das war im Juni 1964. Im Juni 2007 ist die Euthanasierung lebensunwürdigen
Lebens schon längst wieder ein Thema.
Der Autor war 13 Jahre pädagogischer Mitarbeiter der Gedenkstätte
Hadamar.
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