18:59:53 | Freitag, 21. Januar 2005
Der selige Papst Pius IX. war mit jener Tugend ausgezeichnet, die man iucunditas nennt. Iucunditas ist nach dem hl. Thomas von Aquin die Fähigkeit, Gehörtes und Gesehenes – wo möglich und angebracht – mit Humor zu nehmen und in Heiterkeit zu verwandeln. Belegstellen von Ulrich Nersinger.
Ein päpstliches SouvenirSeine Aufenthalte in Castelgandolfo, der Sommerresidenz der Päpste in den
Albaner Bergen, nutzte Pius IX. zu Ausflügen. Eines Tages kam der Papst am frühen Morgen unangemeldet
in eine Klosterkirche und kniete auf dem Betstuhl vor dem Altar nieder. Dem Papst fiel auf, daß sich
die Kirche nicht im besten Zustand befand und die Ordensleute es an der nötigen Sorgfalt für das Gotteshaus
fehlen ließen. Nach dem Gebet begab er sich in das Kloster und unterhielt sich leutselig mit den Mönchen.
Diese baten ihn beim Abschied schüchtern um ein Andenken an seinen Besuch. Der Papst erwiderte, er habe
eines an der Stelle zurückgelassen, wo er niedergekniet sei. Als die Mönche nachsahen, fanden sie in
dem Staub, der das Betpult dicht bedeckte, einen Namenszug – „Pius Pp. IX.“.
FolgerichtigLouis Veuillot
(1813-1883), der berühmte französische Publizist und Herausgeber der Zeitschrift Univers, war einer
der eifrigsten Verteidiger der Rechte des Papstes und der Kirche. Bei einem Romaufenthalt im Jahre 1838,
während einer Audienz, die ihm Gregor XVI. gewährte, hatte er sich zum katholischen Glauben bekehrt.
Veuillot suchte jedoch erst wieder 1853 die Ewige Stadt auf. Unmittelbar nach seiner Ankunft wurde er
vom Papst in Privataudienz empfangen. „Sie waren während meines Pontifikates noch nicht in Rom?“ fragte
ihn Pius IX. „Nein, Heiliger Vater“, antwortete der Publizist, „denn sonst hätten Sie mich schon gesehen.
Ich bin vor etwa fünfzehn Jahren nach Rom gekommen, um mich zu bekehren.“ – „Oh, damals kamen Sie also
zur Taufe her, und jetzt möchten Sie gefirmt werden!“
ZeitungenLouis Veuillot erzählt in einem seiner
Briefe, wie er Pater Carrière, den Generaloberen der Sulpizianer, bei Pius IX. einzuführen hatte. Nachdem
der Papst den Ordensmann mit großer Freude begrüßt hatte, bat er ihn, Platz zu nehmen. Der bezeichnete
Stuhl war jedoch mit Zeitungen bedeckt. Der Gast, etwas verwirrt, machte Anstalten, sie zu entfernen.
„Ach“, sagte der Papst, „das sind revolutionäre Zeitungen, da können Sie sich ruhig draufsetzen.“
Eine
kleine SakramentenlehreEines Tages sprach der Papst mit Pater Jean-Baptiste-Henri Lacordaire OP über
Frédéric Ozanam (1813-1853), den Wegbereiter der Laiencaritas und Gründer der ersten Vinzenzkonferenz.
„Mein Freund Ozanam“, sagte der Dominikaner traurig, „ist in die Falle der Ehe geraten.“ – „Wie kann das
sein?“, entgegnete der Papst. „Wollen Sie behaupten, unser Herr hätte sechs Sakramente und eine Falle
eingesetzt?“
Asche aufs HauptDer Römische Karneval erfreute sich in den vergangenen Jahrhunderten
weltweit größter Bewunderung. Sein Ruf hatte nur mit dem von Venedig zu konkurrieren. Der Karneval lockte
viele ausländische Gäste in die Ewige Stadt. Auch eine Französin mit bekanntem Namen war deswegen nach
Rom gekommen. Nur nebenbei suchte sie um eine Audienz beim Papst an, die ihr auch gewährt wurde. Der
Papst, über die Dame bestens unterrichtet, fragte im Verlaufe der Unterhaltung, wann sie abzureisen gedenke.
Bis zum Ende des Karnevals werde sie bleiben, antwortete sie, denn sie wolle sich am Aschermittwoch noch
von Seiner Heiligkeit das Aschenkreuz geben lassen. „Madame“, entgegnete der Papst, „Madame, wenn es Ihnen
nur um die Asche geht, dann fahren Sie am besten nach Neapel. Der Vesuv ist wieder in Tätigkeit, und
der besorgt Ihnen Asche in jeder beliebigen Menge.“
Quelle:
Humor und Weisheit Papst Pius’ IX.Graf
Giovanni Maria Mastai-Ferretti (1792-1878) wurde 1840 Kardinal und 1846 Papst. Die 32 Jahre seines Pontifikats
sind die längste Amtszeit eines Papstes in der Geschichte der katholischen Kirche. 1854 verkündete Papst
Pius IX. das Dogma von der unbefleckten Empfängnis der Muttergottes. 1869/70 tagte das 1. Vatikanische
Konzil unter seiner Leitung. Zusammen mit Papst Johannes XXIII. wurde Pius IX. am 3. September 2000 von
Papst Johannes Paul II. seliggesprochen.
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