13:28:35 | Montag, 24. Januar 2005
„Sehr viele Menschen werden sterben, trotzdem lassen sich mehr denn je in San Francisco, San José und Santa Rosa nieder.“ Ein Interview mit dem Geologen und Buchautor Simon Winchester über Naturkatastrophen und die Unfähigkeit der Menschen zu lernen.
(kreuz.net)
Simon Winchester beschreibt in einem seiner Bücher die bis dahin gewaltigste Flutwellenkatastrophe
der Neuzeit, die der Ausbruch des Vulkans auf Krakatau 1883 verursacht und die 36 000 Menschen das Leben
gekostet hat. Krakatau liegt zwischen Java und Sumatra, wo auch das Seebeben des vergangenen Dezembers
die Flutwelle auslöste.
Mit Frühwarnsystemen sei es allerdings nicht getan. So gebe es auf den Philippinen
ein Dutzend hochaktiver Vulkane, die mit unerbittlicher Regelmäßigkeit ausbrechen. Fünf Jahre nach
jedem Ausbruch lebten dort wieder Menschen wie eh und je. Die Böden um Vulkane herum seien oft besonders
fruchtbar und die Küsten sind weltweit wohlhabende Landstriche. Darum verdrängen die Leute noch so hohe
Risiken. Das sei auch so in Kalifornien. Die dortige San Andreas-Spalte werde relativ bald wieder aufbrechen:
„sehr viele Menschen werden sterben, trotzdem lassen sich mehr denn je in San Francisco, San José und
Santa Rosa nieder.“
Statt sich um reale Gefahren aus der Natur zu kümmern, pflege man lieber die Endzeitstimmung
und erwarte unwahrscheinliche Ereignisse wie Meteoriteneinschläge, Polsprünge oder das Jüngste Gericht.
Akute Gefahren würden ignoriert.
Die grausamen Erfahrungen mit der Natur seien schnell vergessen. Schauen
Sie nur auf die jüngste Zeit. Fast auf die Stunde genau ein Jahr vor dem Beben von Sumatra war das Erdbeben
von Bam im Iran: am 26. Dezember 2003. Zwischen Bam und Sumatra gab es eine ganze Reihe anderer schwerer
Vorfälle: den durch Erdstöße entgleisten Hochgeschwindigkeitszug in Japan, Tsunamis in China, schwere
Erdbeben in Marokko und Algerien, den Wiederausbruch des Mount St. Helens, gar nicht zu reden von dem
schweren Riß an der San Andreas-Spalte einhundert Meilen südlich von San Francisco.
Auf die Frage,
ob es für die Häufung der Beben geologische Gründe gebe meint Winchester: „Es gibt dazu eine neue Theorie
-die Gaiatheorie des britischen Geologen James Lovelock. Er geht davon aus, daß auf dem planetarischen
Gebilde Erde alles tektonisch miteinander verbunden ist. Wenn es einen verstärkten Schwefelausstoß aus
den Tiefen der Erde in Chicago gibt, wird der von einem Karbonausstoß in Australien ausgeglichen. Alles
auf diesem Planeten hält sich in der Balance. Da alle tektonische Platten miteinander verbunden sind,
sollte man sie auch in ihrer Abhängigkeit voneinander betrachten – was viele nicht tun.“
Vieles hänge
bei Erdbeben von der Bautechnik ab. Winchester: „Eines der schlimmsten Beben der Moderne ereignete sich
1976 in Tanschan in China – damals kamen 250 000 Menschen ums Leben. Aber die dortigen Gebäude waren
ähnlich wie in Bam meist so instabil konstruiert, daß sie alle zusammenstürzten und, weil das Beben
bei Nacht kam, die Leute unter sich begruben.“ In San Francisco dagegen würden die meisten Gebäude,
die heute gebaut werden, ein Beben wie jenes in China überstehen. Und die Brandschutzvorkehrungen würden
ein Feuer wie beim Erdbeben 1906, das so schlimm in San Francisco gewütet hat, verhindern.
Wie gehen
denn diejenigen Kulturen mit Naturkatastrophen um, die ihnen viel öfter ausgesetzt sind? Die Inselvölker
im Südpazifik zum Beispiel, die andauernd mit Erdbeben, Vulkanausbrüchen und Tsunamis zu kämpfen haben?
Dort herrsche allgemein ein ziemlich düsterer Fatalismus. Die Bewohner Indonesiens, der seismisch wohl
aktivste Ort der Welt und zugleich ein dichtbevölkertes Land mit 170 Millionen Einwohnern, nehmen das
Risiko als Teil ihres Lebens hin, kaum anders als die Bewohner Londons, die Regen als alltäglich empfinden.
Fördern Naturkatastrophen die Religion? Eine höhere Instanz ist ja oft die einfachste Erklärung für
eine Übermacht der Natur. Das sei richtig, meint Winchester. Der Ausbruch von Krakatau habe ein enormes
Interesse am fundamentalistischen Islam ausgelöst. Viele hätten die Katastrophe so interpretiert, daß
Allah auf sie zornig sei, weil sie den Holländern erlaubt hatten, sie zu beherrschen. Aus diesem Grund
habe man damit begonnen, die Holländer aus dem Land zu jagen.
Ähnliches sei beim Erdbeben von 1906
in den USA passiert: „Eine Woche zuvor wurde die kleine Kirche des Azuza Street Revival in Los Angeles
eröffnet. Dann ereignete sich das Beben. Die Pastoren predigten, das sei ein Zeichen Gottes, und schon
pilgerten Tausende zu der Kirche, um dort im Wort Gottes Erlösung zu finden. Schließlich breiteten sich
die Pfingstler wie kaum eine andere Kirche in diesem Land aus.“ Das habe den USA all die Jimmy Swaggarts,
Pat Robertsons und die rechtsgerichteten protestantischen Kirchen beschert.
Wie steht es mit den Gruppen,
die ihre Missionare aussenden, um bei ihrer Nothilfe an Katastrophenopfern diese gleich mitzukonvertieren?
„Wann immer sich im Südpazifik eine Katastrophe ereignet wie in Tonga, Samoa oder den Fidschis“ – so
Winchester – „sind sofort die Mormonen da und sagen, das war ein Urteil Gottes, glaubt an unseren Glauben,
dann wird euch nichts mehr passieren.“
„Aber wir alle vergessen natürlich auch, weil immer wieder neue
Naturkatastrophen oder neue Terroranschläge das letzte Ereignis überschatten. Sogleich setzt eine Mitleidsmüdigkeit
ein. Auch diesmal werden wir uns ein paar Monate entsetzen. Dann gehört unsere Aufmerksamkeit der nächsten
Tragödie.“
Sie haben eine Meinung zu diesem Artikel? Dann verfassen Sie einen Beitrag. Bleiben Sie in Ihrem Kommentar sachlich und bemühen Sie sich um eine erträgliche Diskussionsatmosphäre. Bedenken Sie, daß Ihr Beitrag noch über Jahre hinweg abrufbar und durch Suchmaschinen im Internet auffindbar ist.
Die Redaktion übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der Leserbeiträge. Sie behält sich das Recht vor, Beiträge zu löschen oder Leser aus der Debatte auszuschließen.