19:26:43 | Donnerstag, 28. Juni 2007
Wie der Gefreite aus Braunau und zukünftige Reichskanzler im Jahr 1932 von katholischen Wählern abgekanzelt wurde. Von Hubert Hecker.

Die Politik Adolf Hitlers forderte 50 Millionen Menschenleben – allein sechs Millionen Juden
(kreuz.net) In den 80er Jahren versuchten linksorientierte Fernsehjournalisten der Bevölkerung von
Hadamar
eine Kontinuität mit der braunen Gesinnung zu unterstellen.
Deren Haltung hätte die Betreibung der
berüchtigten nationalsozialistischen Krankenmordanstalt im Ort begünstigt.
In Wahrheit lag der Anteil
der Hitlerpartei-Wähler in Hadamar bei den letzten freien Wahlen im November 1932 mit 24,2 Prozent zehn
Prozente unter dem Reichsdurchschnitt.
54 Prozent der Wähler Hadamars hatte die katholische Zentrumspartei
gewählt.
Die Bevölkerung in der Westerwälder Kleinstadt war zu 80 Prozent katholischer Konfession,
17 Prozent waren Protestanten und 3 Prozent Juden.
Wahlergebnisse in den Kreisgemeinden
LimburgIm gesamten Landkreis Limburg war die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei – NSDAP –
nur auf durchschnittlich 25 Prozent gekommen, obwohl Hitler noch sechs Tage vor der Wahl auf dem Marktplatz
in Limburg eine Wahlkampfrede gehalten hatte.
Hinter diesem Durchschnittsergebnis verbergen sich allerdings
höchst unterschiedliche Einzelergebnisse in den Kreisgemeinden.
In den acht Orten des Landkreises, in
denen überwiegend Protestanten wohnten, wurde die Hitlerpartei im Mittel zu 65 Prozent gewählt.
Die
42 Dörfer mit überwiegend
Die katholisch ausgerichtete Zeitung ‘Nassauer Bote’ 1932:
„Standhaft und fest
werden wir auch in Zukunft den Nationalsozialismus als Feind des Katholizismus bekämpfen.“
katholischer
Bevölkerung wählten im Durchschnitt nur zu 19 Prozent die NSDAP.
Aber auch hinter dieser Zahl steckten
sehr unterschiedliche Wahlergebnisse – von 2,6 Prozent NSDAP-Stimmen in der katholischen Westerwaldgemeinde
Fussingen bis zu 61,3 Prozent im zehn Kilometer entfernten gleichfalls katholisch geprägten Dorchheim.
Ähnliche Diskrepanzen bleiben für die fünf Dörfer mit gleichartiger Sozialstruktur und gleicher katholischer
Tradition festzustellen, die heute in der Großgemeinde Dornburg zusammengefaßt sind:
Im katholischen
Wilsenroth wählten nur 19 Bürger – das waren 4 Prozent – die Hitlerpartei, in Dorndorf 5 Prozent, im
gleichfalls katholischen Langendernbach 26 von Hundert, in Thalheim mehr als 41 Prozent und im Zentralort
Frickhofen – ebenfalls katholisch – wählten 42,7 Prozent die NSDAP.
Nach einer Mikro-Studie des Autors waren es vor allem Meinungsführer und Großsprecher in
den zahlreichen örtlichen Vereinen, die andere Vereinsmitglieder mitgerissen haben.
In Frickhofen hatte
die Hitlerpartei schon im September 1930 – bei den sogenannten Erbitterungswahlen – 35 Prozent der Stimmen
erreicht. Die Arbeitslosigkeit war in den Westerwaldgemeinden hoch.
Mit großer Sicherheit waren die
NSDAP-Wähler auf den Dörfern nicht antisemitisch eingestellt, auch weil der Hitlersche Antisemitismus
in den damaligen Wahlkämpfen nur eine marginale Rolle spielte.
In Thalheim ist für 1935 eine deutliche
Unzufriedenheit bei den Wählern der NS-Partei dokumentierbar, weil die vollmundigen Versprechen Hitlers
nach wirtschaftlicher Besserung nicht eingetreten wären.
Die Katholiken hielten zu großen Teilen der
katholischen Zentrumspartei die Treue.

Mitte der 1920er Jahre: eine Frau feuert ihren Kachelofen mit Inflationsgeld
Sogar in Frickhofen blieb der Anteil der Zentrumspartei zwischen
1930 und 1932 stabil bei 45 Prozent. In Hadamar fiel er nur leicht von 58 auf 54 Prozent.
In vielen katholischen
Gemeinden erhöhte sich sogar der Zentrumsanteil – durch Wähler aus der regionalen ‘Landvolkpartei’.
Diese konnte ihren Wähleranteil in den 20er Jahren teilweise bis auf das Niveau von dreißig Prozent
steigern. Das entsprach dem Anteil jener, die damals in Land- und Forstwirtschaft beschäftigt waren.
Bei den Novemberwahlen 1932 stieg der Zentrumsanteil in der Gemeinde Fussingen von 86,8 Prozent (1930)
auf 89,4 Prozent.
Die Zentrumspartei wurde von den katholischen Vereinen, kirchlichen Organisationen
und auch den Bischöfen unterstützt.
Widerstand der KircheIm Januar 1932 wurde eine Friedenskampagne
mit einem Abrüstungsappell der Bischöfe eröffnet, den auch der Bischof Antonius Hilfrich von Limburg
(† 1947) unterstützte.
Bei einem „Friedenssonntag“ in Hadamar forderte der Stadtpfarrer sowie der Hauptredner –
der Direktor des Hadamarer Gymnasiums – dreihundert katholische Jugendliche auf, den Appell des „Friedensbundes
deutscher Katholiken“ mit zu unterzeichnen.
Im Februar 1932 stellte die katholisch ausgerichtete Regionalzeitung
‘Nassauer Bote’ anläßlich eines prominenten Überläufers vom ‘Zentrum’ zur NSDAP fest:
„Standhaft
und fest werden wir auch in Zukunft den Nationalsozialismus als Feind des Katholizismus bekämpfen.“
Die weitere Auseinandersetzung beendete der ‘Nassauer Bote’ mit der Feststellung:
„Eine Irrlehre ist
Hitlers Behauptung, daß katholische Glaubenslehren im Widerspruch mit der wissenschaftlichen Forschung
ständen und daß der Mensch nur eine besondere Tierrasse sei. Eine Irrlehre ist die Ablehnung des Alten
Testaments durch den Nationalsozialismus.“

Eine Frau sucht mitt einem Schild auf der Straße Arbeit
Eine interessante Bemerkung: Hitler propagierte als moderner
Darwinist die Gleichschaltung von Mensch und Tier.
Hundert Meter vor dem ZielBei den Reichspräsidentschaftswahlen
im April 1932 erhielt der bisherige Amtsinhaber Paul von Hindenburg († 1934) mit Unterstützung von Zentrum
und SPD für eine zweite Amtszeit 53 Prozent der Stimmen – Hitler allerdings auch 36,8 Prozent.
Der katholische
Reichskanzler Heinrich Brüning († 1970) verbot nach diesen Wahlen die SA und SS – paramilitärische Organisationen
der Hitlerpartei – , welche die „öffentliche Sicherheit sowie die Staatsautorität“ bedrohten.
Zum Teil
als Antwort darauf – „hundert Meter vor dem Ziel“ seiner Reformpolitik, wie Brüning in seinen Memoiren
schrieb – wurde er am 30. Mai vom Reichpräsidenten Paul von Hindenburg als Reichskanzler abgesetzt.
Hindenburg war gerade mit der Hilfe der Zentrumspartei wiedergewählt worden.
Mit dieser Entscheidung
war die Weimarer Republik nach ihren eigenen Verfassungsregeln unregierbar geworden.
Das Verhängnis
nimmt seinen LaufDie Neuwahlen am 1. Juli 1932 bescherten den Nationalsozialisten 37 Prozent und den
Kommunisten 14 Prozent. Damit gab es eine parlamentarische Blockademehrheit der links- und rechtsradikalen
Parteien.
Die Weimarer Verfassung hatte es versäumt, ein Verbot für die Feinde der Freiheit und für
antiparlamentarische Parteien festzuschreiben.
Das reine Verhältniswahlrecht ohne Sperrklauseln zersplitterte
die demokratischen Parteien, sodaß stabile Regierungsmehrheiten – und damit stabile Regierungen – kaum
möglich waren.
Dazu kam das Mißtrauensvotum des Parlaments, das die Position der Regierungschefs ebenfalls
schwächte.
Dagegen besaß der Reichspräsident mit den politischen Instrumenten Notverordnung, Kanzlerernennung
und Parlamentsauflösung eine quasi ersatzkaiserliche Macht.
Mit der Einsetzung des Politikers Franz
von Papen († 1969) als Kanzler, der mit der Präsentation seines Adelskabinetts aus dem Zentrum austrat,
nahm das Verhängnis seinen Lauf.
Der Reichstag sprach das Mißtrauen gegen von Papen aus. Die danach
notwendigen Neuwahlen wendeten nicht die politische Not. Der neue Kanzler Kurt von Schleicher († 1934)
war ebenfalls machtlos.
Man drängte den greisen Reichspräsidenten, seine Abneigung gegen den polternden
„Gefreiten aus Braunau“ abzulegen und Hitler zum Kanzler zu machen.
Nach seiner Ernennung zum Reichskanzler
am 30. Januar 1933 wandte Adolf Hitler alle Trümpfe der Weimarer Verfassung noch einmal an.
Er ließ
sofort den Reichstag auflösen. Die daraufhin angesetzten Neuwahlen im März 1933 sollten nach Hitlers
Willen „die letzten Wahlen“ sein, da die NSDAP die absolute Mehrheit im Reichstag anstrebte.
Schließlich
setzte Hitler nach dem Reichstagsbrand drastische Notstandsgesetze durch – angeblich „zum Schutz von Volk
und Staat“.
Auf deren Grundlage erließen die Nationalsozialisten weitere Unterdrückungsgesetze – unter
anderem auch das Verbot katholischer Verbände im November 1937.
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