13:43:20 | Montag, 2. Juli 2007
Während des Konzilstaumels landete ein brillianter Philosoph und Konzilsperitus aufgrund seiner messerscharfen Analysen im kirchlichen Abseits. Nun ist die Tür zur Abstellkammer ein stückweit aufgegangen.

Links: Romano Amerio, ein scharfer Kritiker des Zweiten Vatikanums
(kreuz.net) Bereits am 17. März veröffentlichte die vatikanische Zeitschrift, ‘Civiltà Cattolica’ einen
Artikel über den italienischen Philologen und Philosophen Romano Amerio (1905-1997).
Die ‘Civiltà Cattolica’
wird von den Jesuiten publiziert und gilt als inoffizielles Publikationsorgan des vatikanischen Staatssekretariates.
Der Artikel enthält die Rezension eines im Jahre 2005 erschienen Werkes des Amerio-Schülers Enrico
Maria Radaelli. Es trägt den Titel: „Romano Amerio: Über Wahrheit und Liebe“ und enthält ein Vorwort
des Dekans der philosophischen Fakultät der Päpstlichen Lateranuniversität.
Der Verfasser der Rezension
ist der Psychologe Giuseppe Esposito.
Ein scharfer Denker in einer umnachteten ZeitAmerio lehrte an
der Universität von Lugano im italienischsprachigen Südschweizer Kanton Tessin.
Er war Berater der
Vorbereitungskommissionen des Zweiten Vatikanums und wirkte als Konzilsperitus des damaligen Bischofs
von Lugano.
Sein Hauptwerk ist das 1985 veröffentlichte Buch „Iota Unum. Eine Studie über die Veränderungen
in der katholischen Kirche im 20. Jahrhundert“.
Die Arbeiten am Manuskript begann Amerio bereits im Jahr
1935. In 42 Kapiteln kritisiert er darin die kirchlichen Veränderungen, die sich im vergangenen Jahrhundert
zugetragen haben.
Er befaßt sich mit dem Zweiten Vatikanum, dem Priestertum, den Orden, dem Feminismus,
dem Ökumenismus, dem Glauben, der Moral, der katholischen Kultur oder der Liturgie.
Dabei zitiert er
Ideen, Ereignisse sowie Aussagen von Päpsten, Kardinälen, Bischöfen und Bischofskonferenzen und stellt
sie katholischen Prinzipien gegenüber.
Auf diese Weise zeigt Amerio den Unterschied zwischen Entwicklung
und Veränderung.
Amerio stellt fest, daß Bekehrung und Apologetik im nachkonziliaren Dialog von einem
„positiven Austausch“ verdrängt wurden: Der Dialog könne bekehren, aber auch pervertieren und von der
Wahrheit in den Irrtum führen.
Messerscharf fragt Amerio: „Oder will man annehmen, daß die Wahrheit
immer wirksam ist und der Irrtum niemals?“
Romano Amerio
„Oder will man annehmen, daß die Wahrheit immer
wirksam ist und der Irrtum niemals?“
Der Dialog werde zu einem unmöglichen Unterfangen, wenn es kein
gemeinsames Prinzip gebe, worauf man die Argumente stütze.
„Iota Unum“ erschien auch auf Französisch,
Englisch, Spanisch, Portugiesisch, Deutsch und Holländisch.
Ein zweiter Band „Stat Veritas: Fortsetzung
von Iota Unum“ erschien im Jahr 1997 postum.
Außerhalb der winzigen katholischen Zirkel, die nach der
kirchlichen Revolution der 60er Jahre übrigblieben, wurde Amerio nach dem Konzil totgeschwiegen.
Eine
neue ZeitDie Rezension in der ‘Civiltà Cattolica’ ist vielleicht der Startschuß zu einer weitreichenden
Rezeption der Gedanken von Romano Amerio.
Das Urteil des Rezensenten ist durchwegs positiv, auch wenn
er nicht Amerios Buch, sondern ein Werk darüber bespricht.
Esposito würdigt die Bedeutung von Amerios
philosophisch-theologischer Arbeit für die gegenwärtige Kirche.
Er schreibt von der „Ächtung“, die
sich Amerio 1985 nach dem Erscheinen von „Iota Unum“ zuzog. Das Buch über sein Werk wolle dem Philosophen
den Platz zurückgeben, der im zustehe.
Amerio sei als Traditionalist, vorkonziliar und Lefebvrist abgestempelt
worden. Dabei sei er sogar ein Kritiker der von Erzbischof Marcel Lefebvre († 1991) im Jahr 1988 vollzogenen,
unerlaubten Bischofsweihen gewesen.
Esposito stimmt dem geächteten Philosophen aber nicht in allem zu.
Seine Gedanken bräuchten eine intensivere „Diskussion“. Es sei „natürlich“ nicht möglich, Amerios
negatives Urteil über das ganze Zweite Vatikanische Konzil und dessen „positiven Früchten“ zu teilen.
Doch zugleich sei es zu einfach, das Werk Amerios – und seines Schülers Radaelli – als nostalgischen,
heute bedeutungslosen Traditionalismus hinzustellen.
„Wenn sich jemand von fundamentalistischen Vorurteilen
befreit, wird der Kern von Amerios Überlegung zum Denkanstoß.“
Sie haben eine Meinung zu diesem Artikel? Dann verfassen Sie einen Beitrag. Bleiben Sie in Ihrem Kommentar sachlich und bemühen Sie sich um eine erträgliche Diskussionsatmosphäre. Bedenken Sie, daß Ihr Beitrag noch über Jahre hinweg abrufbar und durch Suchmaschinen im Internet auffindbar ist.
Die Redaktion übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der Leserbeiträge. Sie behält sich das Recht vor, Beiträge zu löschen oder Leser aus der Debatte auszuschließen.