18:19:22 | Sonntag, 23. Januar 2005
Europa im christlichen Zeitalter: geprägt von verschiedenen Sprachen, Kulturen, Nationen und Völkern, in geschwisterlichen Banden zusammengehalten, von der heiligen Mutter Kirche hervorgebracht. Ein Essay von Joachim Volkmann.
(Bild: Sorbische Kinder; Die Sorben sind ein westslawisches Volk, eine nationale Minderheit in der Bundesrepublik
Deutschland.
(kreuz.net) Volk und Nation sind Begriffe, die immer wieder neu und unterschiedlich definiert
wurden. Wenn auch Franzosen keinerlei Identitätsprobleme haben, dann liegt das an einer relativ offenen
Definition des Begriffes: die Revolution von 1789 bestimmte (es sei erlaubt, zu vereinfachen; die Geschichte
ist etwas komplizierter), daß Franzose sei, wer auf französischem Territorium geboren wird. Daß dem
so einfach nicht ist, erfährt das Land ganz aktuell, indem es nämlich nunmehr Franzosen gibt, die weder
in der kulturellen Tradition Frankreichs stehen noch auch nur die Sprache annehmbar beherrschen.
Ein
anderes Beispiel: wenn wir annehmen (im Sinne von „akzeptieren“), daß das Elsässische ein deutscher
Dialekt ist; wenn wir feststellen, daß das Elsaß teilweise ein Bilderbuch von Typischem ist, so haben
wir doch jetzt keine Probleme damit, zu sagen, daß von der Staatlichkeit her das Elsaß und die Elsässer
Franzosen sind. Sind nun die Elsässer französisierte Deutsche? Sind sie einzig Elsässer? Vom Volkstum
deutsch, von der Staatsangehörigkeit Franzosen? Nichts von alledem?
Wie steht es mit den Bewohnern der
ostbelgischen Kantone, die von Dialekt, Lebensweise und Charakter ihren ripuarischen Nachbarn jenseits
der deutsch-belgischen Grenze so ähnlich sind, und die seit 1919 denn doch unbestritten zur belgischen
Staatlichkeit gehören? Und jene Belgier in Fouron, an der Grenze zu den Niederlanden, deren Dialekt von
ihnen selbst als ein deutscher bezeichnet wird, die aber als Hochsprache französisch reden und schreiben
(da sie in wallonische Schulen gegangen sind), deren Zuweisung zum ihnen völlig fremden flämischen Teil
Belgiens zu wütendem Aufruhr geführt hat und bis heute nicht verziehen ist?
Und die Dänen im deutschen
Schleswig? Und die Deutschen im dänischen Schleswig? West-, Ost-, Nordfriesen in den Niederlanden, in
Deutschland und in Dänemark? Sorben?
Es muß sicher nicht betont werden, daß mit diesen Beispielen
niemand „heim ins Reich“ geholt werden soll – nichts liegt ferner. Die Problematik in diesem Bereich ist
uns auch in unserem eigenen Vaterland deutlich genug: wie sehr unterscheiden wir uns, wie unterschiedlich
sind unsere Prägungen! Romanisch geprägt, slawisch geprägt, nordisch geprägt, und doch so typisch
deutsch, daß man uns in aller Verschiedenheit relativ schnell identifiziert.
Der Kölner, der noch heute
dem vermutlichen Erbe seiner Vorfahren aus jener römischen Legion aus der Gascogne frönt, die lange
im römischen Köln lag (die Gascogner sind noch heute in ganz Frankreich für ihre Neigung zu Scherz
und Spott bekannt), dieser Kölner ist nicht mehr oder weniger deutsch als der Niedersachse, der sich
immer noch, dem Brauche seiner germanischen Vorfahren folgend, gekreuzte Pferdeköpfe (inzwischen Gott
sei Dank aus Holz) an den Hausgiebel nagelt.
Wir sind dem Geheimnis auf der Spur, und wir wollen es an
zwei Enden „begreifen“: ganz spontan fällt ein, daß der hl. Augustinus, nordafrikanischer Kirchenvater
aus dem 4./5. Jahrhundert, vermutlich eine erheblich dunklere Hautfarbe als unsereins hatte. Mit der größten
Selbstverständlichkeit, ohne irgendeine Bedeutung für Rasse, gar „Nation“ (die gab es ja noch nicht)
war er christlich, war er katholisch.
Und am anderen Ende finden wir jemanden, der aus einer deutschen
Kaufmannsfamilie stammte, sich selbst als Deutscher empfand; gemeint ist Nikolaus Kopernikus, dessen ostpreußische
Heimat im 16. Jahrhundert noch ein Lehen des polnischen Königs war. Das aber, und darum geht es, bedeutete
nun ganz und gar nicht, daß Kopernikus Pole gewesen sei, ebenso wenig, wie etwa die Straßburger 1682
Franzosen geworden sind. Er war Untertan seines Lehensherren, so wie die Straßburger dann eben Untertanen
des französischen Königs waren.
Diese Beispiele zeigen, wie wenig wichtig diese Dinge im christlichen
Zeitalter waren. Diese Kultur war universal, sie legte Wert auf ganz andere Werte. Die Zeiten haben sich
erst seit dem französischen Staatsmann Richelieu geändert, der im 17. Jahrhundert die Interessen des
eigenen Staates über alles andere stellte, und natürlich seit der Revolution von 1789, die Begriffe
wie Staat, Volk, Nation uminterpretierte und für ihre Ziele nutzte. An diesen neuen Bedeutungen leiden
wir noch heute, an den Trennungen, an den Abgrenzungen, an den künstlich erzeugten Feindschaften zwischen
Völkern, die Feindschaften in diesem Sinne vorher nie gekannt hatten. Warum denn gegen die Franzosen
ins Feld ziehen? Oder gegen irgendwelche Völker sonst? Welchen Sinn sollte das denn haben?
Seinen Lehensherrn,
seinen Beschützer zu verteidigen (genau das!), seine Pflicht in seinem jeweiligen Beziehungsgeflecht
zu tun, das hat Sinn. Aber mit dem eigenen Volk gegen ein ganzes anderes Volk kämpfen, gegen einen „Feind“,
den man nicht einmal kennt? Das konnte jene Epoche vor Richelieu, vor der Revolution nicht begreifen.
Deshalb mußten unsere jeweiligen Vorfahren ja künstlich aufgeputscht werden mit Haßreden und Haßliedern.
Das christliche Zeitalter hatte ganz andere Werte, und die waren nichts anderes als faszinierend. Da
die Gesellschaft nicht aus staatlicher Organisation, sondern aus Beziehungen von Menschen untereinander
bestand, setzte die Kirche alles daran, in diese Beziehungen Frieden hineinzubringen.
Der „Gottesfriede“,
die „treuga Dei“ hatte auch handfeste Bedeutung: am Donnerstag sollte wegen der Einsetzung des Altarssakramentes
Frieden herrschen, der Tod des Herrn verbot natürlich Kämpfe am Freitag, desgleichen die Grabesruhe
Christi Kämpfe am Samstag, und ein kampffreier Sonntag versteht sich von selbst. Im Laufe der Zeit wurden
mit Festen, Feiern, Gedenktagen immer mehr Gründe gefunden, Kampf zu verbieten. Wiederum zeigt sich die
segensreiche Wirkung der Christianisierung: die Zeiten und das Leben werden objektiv friedlicher.
Das
christlich geprägte Zeitalter kennt keine Auseinandersetzungen in den Dimensionen neuzeitlicher Kriege,
weil es eben ein christliches Zeitalter war. Das war eine jahrhundertelange Friedensbewegung, die es schaffte,
kriegerischen Raufbolden das Ideal des christlichen Ritters zu vermitteln, eine Leistung, die sogar in
unserer heutigen Sprache noch einen Nachhall hat, wenn wir von ritterlichem Verhalten sprechen. Welche
Strahlkraft bis in unsere Zeit!
Andere Werte. Der böhmische Herzog Wenzel wird nach seiner Taufe von
seinen Untertanen erschlagen, desgleichen Olaf von Norwegen 1036, der Dänenkönig Knut IV 1086 (zusammen
mit seinem Bruder, nach der Beichte vor dem Altar knieend!), Erich IX. von Schweden, der Ungarnkönig
Stephan (Weihnachten 1000). Sie alle werden als Heilige verehrt und haben ihren Völkern den Weg ins christliche
Europa geebnet.
Vor allem Stephan von Ungarn ist ein schönes Beispiel, deswegen ist er chronologisch
unrichtig an letzter Stelle genannt: die Ungarn sind von ihrem Herkommen her kein europäisches Volk.
Erst des Königs Blutopfer, erst die Christianisierung hat sie zu Europäern gemacht, und dies vollständig,
nachdem sie lange, lange die Geißel Europas waren. Interessanterweise erfolgte die Christianisierung
aus dem heute frankobelgischen Wallonien – vor kurzer Zeit erst hat man Gemeinsamkeiten bis in Volkslieder
hinein erkannt und wissenschaftlich erforscht.
Ähnliches gilt für Bulgarien: ursprünglich kein europäisches
Volk, wurden die Bulgaren von den hll. Kyrill und Methodius bekehrt, christianisiert – und ihre Zugehörigkeit
zu Europa ist heute unbestreitbar, damals dienten sie gewissermaßen als Glaubensbrücke für die anderen
Völker des Ostens.
Um das Jahr 1000 herum entsteht ein berühmtes Bild, das Kaiser Otto III. auf dem
Thron zeigt. Ihn stützen Bischöfe und Ritter, und ihm huldigen vier Frauen, die als Frankien, Germanien,
Italien und Slawien gekennzeichnet sind. Damit ist umrißartig die damalige Christenheit in ihrer geographischen
Ausdehnung dargestellt. Und etwas anderes ist dargestellt: die Kirche hat nie künstliche Gleichheit geschaffen,
ein Egalitätsprinzip ist ihr völlig fremd. Wenn die Dänen Christen wurden, mußten sie nicht etwa ihr
Dänentum aufgeben, sondern die Kirche förderte sie und machte eben bessere Dänen aus ihnen – desgleichen
mit Franken in Ost und West, mit Germanen, Slawen und, wie wir gesehen haben, auch mit außereuropäischen
Völkern.
Ein Bild sei erlaubt: die Kirche hat, als Mutter der europäischen wie auch aller anderen Völker,
in ihrer Weisheit den unterschiedlichen Charakter ihrer Kinder immer gekannt, und wie eine gute Mutter
hat sie versucht, bei der Erziehung die guten Charaktereigenschaften des jeweiligen Kindes zu fördern,
zu stärken, die schlechten Eigenschaften hingegen zu dämpfen, wenn sie schon nicht auszuschalten sind.
Der Kontakt mit der Kirche, mit dem Glauben, schaffte weder die Völker ab noch die gottgegebenen und
geschichtlich gewachsenen Unterschiede zwischen ihnen. Dieser Kontakt sorgte für ein Zusammenleben der
christlichen Welt, welches, es sei noch einmal gesagt, selbstverständlich nicht konfliktfrei war, Konflikte
wie die der Neuzeit aber gar nicht zuließ, weil man trotz aller Unterschiede im anderen, auch im anderen
Volk grundsätzlich Gottes Geschöpf und den christlichen Bruder begriff.
Und diese christliche Welt
war so zusammenhängend, weil der katholische Glaube und die lateinische Sprache (die zumindest von den
Gebildeten überall, auch auf den Inseln, verstanden und gesprochen wurde) ein starkes Band der Einheit
waren.
Zwei Schilderungen privater Art seien erlaubt, weil sie diese Katholizität und ihre immer noch
vorhandene Strahlkraft besonders eindrücklich verdeutlichen. Vor einiger Zeit näherte sich ein Bekannter
seinem Wohnhaus, in dem seine Frau bei geöffnetem Fenster vernehmlich die gregorianischen Gesänge für
den kommenden Sonntag übte. Vor dem Haus kehrte der türkische, keineswegs katholische Ladenbesitzer
die Straße: und pfiff die Gregorianik mit! Das sagt nicht nur etwas über die Gregorianik, welche die
katholische Musik überhaupt ist, sondern auch über den Glauben, der diese Musik geschaffen hat und dessen
Ausdruck sie wiederum ist.
Und vor kurzem kniete im sonntäglichen Hochamt meiner Heimatgemeinde vor
mir eine junge Russin mit offensichtlich polnischem Gebetbuch, neben ihr ein halbwüchsiger Russe, der
offensichtlich von seiner Schwester (nicht jener anderen Russin neben ihm) mit Hilfe eines kleinen Meßbuches
in kyrillischer Schrift in die Geheimnisse der Messe eingeführt wurde. Neben der Schwester eine junge
Frau, von der ich weiß, daß sie aus Syrien kommt, und zwei Reihen davor eine schwarze Afrikanerin mit
französischem Vornamen.
Aus nostalgischen Gründen verfolge ich die lateinischen Meßtexte mit Hilfe
eines „französischen Schott“ (es waren aber auch viele, viele weitere Deutsche in der Kirche!), und alle
zusammen waren wir in unserer gemeinsamen Messe, dem Ausdruck unseres gemeinsamen Glaubens, und sangen
in lateinischer Sprache. Weit, weit oberhalb von Nation, sogar oberhalb von Volk, allumfassend, wie das
europäische, christliche Zeitalter.
Die christlichen Wurzeln EuropasDie Ursprünge des christlichen
EuropaEuropäische Völker und NationenMehr als 60 Heilige und Selige christianisierten das spanisch-portugiesische
AmerikaIm wörtlichen Sinne: Stirbt Europa?Von intellektueller Leistung und hoher KulturLaßt uns
Kathedralen bauen!
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