16:17:06 | Mittwoch, 11. Juli 2007
Herr Bischof, ich habe mich getäuscht. Ich hatte Sie für einen Vater gehalten. Von Michel De Jaeghere.

Primizmesse am 7. Juli in Berlin eines Neupriesters der Priesterbruderschaft St. Pius X.
© fsspx.info(kreuz.net) Man sagt mir, Exzellenz [Erzbischof von Toulouse, Robert Jean Louis Le Gall], daß Sie beunruhigt
sind und daß Sie seit einem Jahr häufiger nach Rom reisen, um dem Heiligen Vater Ihre Sorge mitzuteilen.
Ich höre, daß Sie Ihre Bedrängnis auch vor den Presse kundgetan haben. Sie haben sich dabei zum Sprachrohr
von Protesten gemacht, die in Ihren Pfarreien aufsteigen.
Sie sind beunruhigt und Sie haben Gründe,
es zu sein. Die Hoffnung ist übernatürlich. Sie ist nach Péguy eine „überwundene Hoffnungslosigkeit.“
Nach einer Untersuchung, die im Oktober 2006 für ‘Le Monde des religions’ durchgeführt wurde, bezeichnen
sich 51% der Franzosen als katholisch.
Im Jahr 1986 waren es noch 81%. In zwanzig Jahren haben Sie fast
ein Drittel Ihrer Herde verloren.
Im Jahr 2000 wurde zum ersten Mal weniger als die Hälfte der in Frankreich
geborenen Kinder getauft. Menschlich gesehen können die Zahlen also nur noch schlechter werden.
Nicht
weniger überrascht der Glaube dieser Katholiken. 8% von Ihnen haben erklärt, jeden Sonntag an der Messe
teilzunehmen. 9% gehen ein oder zwei Mal im Monat in die Kirche. 31% für die großen Feste. 46% nur für
Familienanlässe.
6% der Katholiken besuchen nie einen Gottesdienst. 29% beten „nie“. 12% können das
Vaterunser nicht auswendig, 19% nicht das Ave Maria.
17% glauben nicht an die Existenz Gottes. Von ihnen
gehen 6% zweimal im Monat zur Messe. 30% haben „keine Meinung“.
Wie sagte doch einer Ihrer Mitbrüder
über die Zeit nach dem Pastoralkonzil: „Wir haben an Qualität gewonnen, was wir an Quantität verloren
haben.“
Sie sind beunruhigt, Exzellenz, wie es der Generaldirektor eines Bankrottunternehmens sein könnte.
Es fehlt Ihnen auf eine erschreckende Weise an Priestern, die diesem geschundenen Volk die Gute Nachricht
bringen könnten.
Im Gefolge des Zweiten Vatikanums haben die Priester ihr Amt in Scharen verlassen.
Die Bischöfe haben die Großen und die Kleinen Seminarien geschlossen. Im Jahr 1965 gab es in Frankreich
49.100 aktive Diözesanpriester. Im Jahr 2005 waren es noch 13.510.
Gemäß der Anzahl der gegenwärtigen
Priesterweihen – etwa 100 im Jahr – wird die Kirche in Frankreich in den nächsten zehn Jahren noch etwa
4.500 Priester zählen, die jünger sind als 65 Jahre.
Dieser Zusammenbruch bringt unermeßliche Probleme
für die Weitergabe des Glaubens und für das sakramentale Leben.
Es gibt Gemeinden mit einer Messe alle
vier Monate.
In anderen Ortschaften werden Kirchen abgerissen, weil sie verlassen sind, während man
in Frankreich Moscheen baut.
Es stimmt, daß es lebendige neue Gemeinschaften gibt – die Gemeinschaft
des Heiligen Johannes, Emmanuel, die Gemeinschaft des Heiligen Martin. Auch die altgläubigen Gemeinden
dehnen sich relativ aus – etwa zwanzig Priesterweihen pro Jahr.
Aber diese Gruppen sind verstreut und
bewässern in Wirklichkeit kleine lebendige Inseln, die sich ansehen wie die Christen in moslemischen
Ländern.
Die Zukunft der Weitergabe des katholischen Glaubens liegt im Netz der Pfarreien und nicht
nur in der Existenz vereinzelter, eifriger Gemeinschaften.
Sie sind beunruhigt, Exzellenz, und Sie sind
damit nicht alleine. Die Päpste sprechen vom „leisen Glaubensabfall“ der Länder des alten Christentums,
von der „Diktatur des Relativismus“, welche wirksamer als der Kommunismus gerade dabei ist, das Christentum
aus Westeuropa auszurotten, vom „triumphierende Hedonismus“, der in unserem Rechtssystem zahllose Gesetze
hat einschreiben lassen, die den Vorschriften der natürlichen Moral widersprechen.
„Wenn nichts geschieht“ –
so der Soziologe Marcel Gauchet in einem Interview im Jahr 2002 – „wird in einem Jahrhundert vom Christentum
nicht mehr viel übriggeblieben sein“ („Chrétiens, tournez la page“, Verlag Bayard).
Exzellenz, am Ende
dieses Briefes habe ich noch einmal ihre Stellungnahme gelesen. Verzeihen Sie mir: Ich hatte vorhin zu
schnell gelesen.
Was sie beunruhigt, ist die Publikation des Motu Proprios zur Freigabe der Gregorianischen
Messen, die auch Messe des Heiligen Pius V. genannt wird.
Sie sind beunruhigt, weil es den Priestern,
die es wünschen, erlaubt sein wird, jene Messe zu zelebrieren, die Sie selber gefeiert haben, als Sie
zum Priester geweiht wurden.
Möge es Ihnen möglich sein, die Dutzenden von Priestern, die Sie ohne
Amt, im inneren Exil, suspekt lassen, weil sie die Alte Messe zelebrieren, in Dienst zu nehmen.
Sie sind
beunruhigt, weil dieser Schritt zu einer Wiederversöhnung mit den Gläubigen führen könnte – der erste
jemals erreichte ökumenische Erfolg! –, die nach dem Konzil in Widerspruch traten, weil sie das Gefühl
hatten, daß das Erbe von Jahrhunderten in der Kirche nicht mehr so verteidigt wurde.
Ich habe Sie falsch
beurteilt, Exzellenz. Ich habe Sie für einen Vater gehalten.
Der Schriftsteller und Journalist Michel
De Jaeghere ist Herausgeber des Werkes: „Wird das Christentum verschwinden“ – „Le christianisme va-t-il
disparaître ?“, Verlag Renaissance catholique, 368 Seiten.Weitere Bilder der Primizmesse
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