18:16:21 | Donnerstag, 12. Juli 2007
Ein Bonner Liturgieprofessor hat dem Publikum kürzlich erstaunliche Thesen aufgebunden. Ein Kommentar.
(kreuz.net) Professor Albert Gerhards (56) ist Liturgiker an der Universität Bonn. Kürzlich
äußerte
er sich im ‘Kölner Stadt-Anzeiger’ zum Motu Proprio über die Freigabe der Alten Messe. Zitat:
„Es wird
so getan, als hätten damals ein paar Experten vom grünen Tisch aus einen Ritus zerstört, den der Heilige
Geist Papst Gregor dem Großen im 6. Jahrhundert direkt in die Feder diktiert hätte. Beides ist Quatsch.
Große Teile der Meßordnung von 1570 wurden erst in der Zeit um 1500 so zusammengestellt. Von wegen uralt!“
Man staunt.
Daß „große Teile“ der Römischen Messe „erst“ in der Zeit um 1500 „zusammengestellt“ worden
seien, ist eine These, die man nicht so häufig hört.
Will der Professor damit sagen, daß im 16. Jahrhundert
nicht nur bei den Protestanten, sondern auch bei den Katholiken eine liturgische Revolution stattfand?
Hat sich vor fünfhundert Jahren etwas ereignet, was damit zu vergleichen wäre, was man heute – zugegeben
etwas euphemistisch – „liturgische Erneuerung nach dem Zweiten Vatikanum“ nennt?
Hätte darum schon Pius
V. das von ihm kodifizierte Meßbuch „Novus Ordo“ nennen müssen?
Oder will der gute Professor Gerhards
einfach nur seine Kundschaft auf die Schippe nehmen?
Bisher war bekannt, daß Pius V. im fernen Jahr
1570 das Missale Curiae – Ausgabe von 1474 –, das seit Urzeiten im Petersdom verwendet wurde, unter bestimmten
Bedingungen für die ganze Kirche promulgierte.
Die Messe des Missale Curiae ist – abgesehen von kleinen,
sinnvollen Hinzufügungen aus dem altgallikanischen und spanischen Meßbuch – identisch mit der Messe
im Sacramentum Leonianum sowie im Sacramentarium Gelasianum.
Das Sacramentum Leonianum ist das älteste
Zeugnis für die Römische Liturgie. Es geht auf das Jahr 550 zurück.
Das Sacramentarium Gelasianum
ist der zweitälteste Zeuge für die Römische Messe. Es wurde in der Zeit um 750 kodifiziert.
Früher
wurde es auch als „Liber Sacramentorum Romanae Ecclesiae“ – „Buch der Sakramente der Römischen Kirche“ –
bezeichnet.
Die wohl größte Veränderung der Römischen Messe hat Papst Gregor der Große († 604) durchgeführt.
Er verschob das Paternoster und fügte es direkt nach dem Hochgebet ein. Dort steht es bekanntlich noch
heute.

Messe im ausgehenden Mittelalter
Über das Wann und Wie der Entstehung der Römischen Messe kann man nur Vermutungen anstellen.
Aus den ersten drei Jahrhunderten sind wenig schriftliche Quellen überliefert.
Hochinteressant ist in
diesem Zusammenhang
ein Brief von Papst Innozenz I. († 417) an den Bischof von Gubbio.
Darin schreibt
der Papst, daß die Römische Messe der Feder des Heiligen Apostels Petrus entsprungen ist:
„Denn wer
weiß nicht, […] daß das, was vom Apostelfürsten Petrus der Römischen Kirche überliefert und bis
heute behütet wurde, von allen bewahrt werden muß?“
Doch statt historische Zeugnisse zur Kenntnis zu
nehmen, spekuliert Professor Gerhards, der Heilige Vater würde die „positive Ergebnisse die Reformen
des Zweiten Vatikanischen Konzils“ zu wenig sehen.
Unter diesen „positiven Ergebnissen“ zählt er die
„Mitsprache von Laien“.
Zweifellos ein nettes Ergebnis: Aber was hat es mit Liturgie zu tun?
Neben solchen
„positiven Ergebnissen“ gibt es noch jede Menge negativer: die leeren Kirchen seit dem Pastoralkonzil,
der rapide schwindende Meßbesuch, die Abwesenheit der mit dem Neuen Ritus aufgewachsen Generationen,
die Ahnungslosigkeit des Durchschnittsgläubigen über das, was in der volkssprachlichen Messe geschieht.
Oder der Verlust der Heiligen Beichte, der die sonntäglichen Massenverteilung konsekrierter Hostien
zu einem üblen Sakrileg verkommen hat lassen.
Ist dem Bonner Liturgiker nicht bekannt, daß seine vielgepriesenen
Laien bei Hochzeiten oder Beerdigungen im volkssprachlichen Gottesdienst die Antwort auf „Der Herr sei
mit euch“ nicht beherrschen?
Er will es wohl nicht wissen und verlegt sich statt dessen auf die Unheilsprophetie,
daß sich die Freigabe der Alten Messe „verhängnisvoll auswirken“ könnte:
Durch sie werde nämlich
das „Bild von Teilhabe und Zeitgenossenschaft“, das die Katholische Kirche über einige Jahrzehnte geboten
hat, zerstört.
Möge der Professor mit seiner Prophetie recht behalten.
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