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Sonntag, 22. Juli 2007 18:07
Einsiedler Kasperle-Theater
Ohne Hoffnung und Perspektive. Jede Zeit und Gesellschaft hat die Theaterstücke, die sie verdient. Von Annamarie Kälin.
"Einsiedler Welttheater" vom 22. Juni bis 8. September
„Einsiedler Welttheater“ vom 22. Juni bis 8. September
(kreuz.net) Das „Einsiedler Welttheater“ ist eine Freilichtaufführung nach Motiven des „Großen Welttheaters“ des großen spanischen Dramaturgisten Pedro Calderón de la Barca († 1681).

Calderón de la Barca gehört zum Goldenen Zeitalter der Spanischen Literatur. Er wurde 51jährig zum Priester geweiht.

Das „Einsiedler Welttheater“ wird in Abständen von ungefähr fünf Jahren auf dem Klosterplatz von Einsiedeln unter Federführung der „Welttheatergesellschaft Einsiedeln“ aufgeführt.

Einsiedeln befindet sich in der Zentralschweiz – 40 Kilometer südöstlich von Zürich.

Das „Große Welttheater“ von Calderón de la Barca zeigt die Welt als Bühne. Sie wird von einem Meister geschaffen, der die einzelnen Schauspieler ins Leben ruft und ihnen Rollen zuteilt.

Es sind das der König, der Landmann, der Reiche, der Bettler, der Weise und die Allegorie der Schönheit. Sie handeln und müssen Entscheidungen treffen.

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Nur das Gesetz der Gnade und eine Stimme versuchen ihnen den rechten Weg zu weisen. Die Figuren haben auf der Bühne wenig Zeit – schon bald werden sie abberufen und ihr Handeln wird einer Prüfung unterzog.

Nach 1992 wurde beschlossen „Das große Welttheater“, das bisher in der Überarbeitung des deutschen Dichters Joseph von Eichendorf († 1857) gespielt wurde, durch eine neuzeitliche Fassung abzulösen.

Beauftragt wurde der Lokalautor Thomas Hürlimann (56). Er übernahm die Struktur von Calderón, transferierte das Stück aber in die heutige Zeit. Motto: „Einsiedeln spielt die Welt, die Welt spielt in Einsiedeln“.

Hürlimanns Neufassung wurde erstmals im Sommer 2000 als Freilichtspiel auf dem Klosterplatz von Einsiedeln vor insgesamt 70.000 Besuchern aufgeführt.

Das Stück zeigt sieben Szenen. Es trägt zwar noch viele Züge des „Großen Welttheaters“ von Calderón de la Barca, ist aber inhaltlich verfremdet.

Für die Aufführungen vom Sommer 2007 hat Hürlimann sein „Einsiedler Welttheater“ nochmals umgeschrieben und inhaltlich der Tagespolitik der vergangenen Jahre angepaßt.

Es wird die Endzeit dargestellt. Am Schluß folgt eine Apokalypse. Während des Stückes fallen sogar Mönche von den zwei Klostertürmen.

Sie erinnern an die medienwirksamen Angriffe einer unbekannten Terroristengruppe auf das „Welthandelszentrum“ in New York und auf den Pentagon in Washington vom 11. September 2001.

Wie schon die erste Version von Hürlimanns „Einsiedler Welttheater“ entspricht auch die zweite inhaltlich in keiner Weise dem „Großen Welttheater“.

Hürlimann bringt – dem engen Schweizer Zeitgeist entsprechend – ein perspektivenloses Weltuntergangs-Szenarium ohne Glaubensgewißheiten.

Mit seiner Sprache verspottet und verhöhnt er die Religion. Besonders kraß ist diesbezüglich der Auftritt einer Kindergruppe in der fünften Szene.

Jahrelang führte Calderons „Großes Welttheater“ zu positivem Nachdenken. Das Spiel mit dem Gesetz «Tue recht – Gott über euch!» ermunterte die Zuschauer, über ihre eigene Rolle im Leben nachzudenken.

Die brutale Apokalypse Hürlimanns gehört zweifellos auf die Bühne eines geistig und geistlich abgewirtschafteten Landes, aber nicht auf den Platz des Klosters Einsiedeln.

© Pressebilder der Proben: Judith Schlosser, welttheater2007.ch
Alle Lesermeinungen anzeigen 6 von 12 Lesermeinungen:
Montag, 6. August 2007 17:51
Karl Rahna: 2014.
Nicht so viel Aufhebens machen! Das führt nur zu noch mehr Aufmerksamkeit für den Auswurf dieses Lokalautors. Wann lernt ihrs endlich?

P. Abt hat mittlerweile deutliche Worte gefunden. Im Klartext: 2014 wird es DAS nicht geben.
Sonntag, 5. August 2007 10:25
Hoby: Abt reagiert zu spät
Brauchte es die Intervention von Laien und hochrangiger Geistlichkeit, bis der Abt von Einsiedeln endlich das Welttheater von Thomas Hürlimann kritisierte? Bis zur Halbzeit ist jetzt gespielt worden. Abt Werlen findet es aber erst jetzt als angebracht, das hoffnungslose Welttheater zu kritisieren; es sei düster und ohne Hoffnung und er interveniert für ein anderes Mal in ein paar Jahren. Als Hausherr des Klosters und damit des Klosterplatzes hätte er schon vor Monaten keine Zustimmung zu den Aufführungen auf dem Kosterplatz geben sollen. Spät reagiert er, doch er reagiert wenigstens.
Sonntag, 29. Juli 2007 15:21
Hubli: @ Müller
Folgender Artikel beschreibt die Handlung des Stückes sehr gut:

http://www.jesus.ch/…siedler_Welttheater/
Sonntag, 29. Juli 2007 11:34
Müller: @Hubli:
Teilwahrnehmung könnte man Ihnen vorwerfen!
Es gab und gibt kein Segensgebet für Waffen, ich halte es für durchaus legitim Menschen zu segnen, die sich auf einen Weg machen müssen, von dem man nicht weiss, ob sie jemals zurückkehren werden. Damit legitimiere ich im übrigen nicht den Krieg!
So weit ich informiert bin, segneten katholische und evangelische Geistliche die Soldaten und erbaten eine gute Heimkehr!
Sonntag, 29. Juli 2007 11:24
Hubli: wirklich schlechte Kritik
Ich besuchte gestern Abend das Welttheater. Ich kann also von mir behaupten, dass ich zu einem Stück schreibe, dass ich auch gesehen habe (was ich von anderen bezweifle). Es geht in diesem Stück um unseren Umgang mit unserer Schöpfung. Der ganze Abend war ein grosser Aufruf, mit unserer Erde sorgfältig umzugehen. Man kann nun irgendwelche schlechten und tendenzielle Kritiken lesen und sich darüber empören, was da angeblich so schlimmes auf der Bühne passiert, oder man kann selber das Welttheater besuchen. Um mich herum sah ich nur beeindruckte und nachdenkliche Menschen. Schlimmer als das Welttheater ist ja schlussendlich immer noch, dass katholische Priester im zweiten Weltkrieg die Waffen und Armeen segneten. Lieber „Kasperle-Theater“ als theologische Rechtfertigungen für Kriege!
Montag, 23. Juli 2007 10:45
Montfalcone: Was ist denn, bitte, eine objektive Kritik?
Ich sehe an der Kritik hier nichts, was illegitim wäre. Hürlimann als Lokalautor zu bezeichnen, ist eine nette Spitze, und ich gehe mit dem Rezensenten d’accord, daß Übersetzung und Inszenierung das Werk irrelevant und nicht relevant machen, wie das in der Tat bei krampfhafter Rennerei dem Zeitgeist hinterher üblicherweise der Rall ist. Nichts ist so abgestanden, staubtrocken und klischeehaft wie altmodernes Regietheater. Und gerade auf kreuz.net muß es schon erlaubt sein, auch auf die religiöse Dimension des Werkes hinzuweisen, das ja doch fast schon existenzialistische Züge aufweist und mit seiner abrupten, radikalen Konfrontation des Zuschauers mit seiner Endlichkeit diesen ganz direkt erreichen kann, gerade auch in der – nicht kongenialen und auch nicht immer ganz textdichten, aber doch ganz ausgezeichneten – Eichendorff-Übertragung. Wer braucht da irgendeine billige Verheutigung? Man kann nichts mitnehmen, außer einer einzigen Sache… eine wunderbare Botschaft eines herrlichen Spiels.
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