15:33:09 | Mittwoch, 8. August 2007
Kardinal Lustiger R.I.P.
Der kürzlich verstorbene ehemalige Erzbischof von Paris soll selber an seinem „sehr schlechten Charakter“ gelitten haben.

Kardinal Lustiger im Jahr 2000
© Erzdiözese Paris(kreuz.net) Christian Terras verfaßte am 6. August in der linkskatholischen französischen Zeitschrift
‘Golias’ einen kritischen Nachruf auf den am 5. August verstorbenen ehemaligen Erzbischof von Paris, Jean-Marie
Kardinal Lustiger.
Der Artikel trägt den Titel: „Jean-Marie Lustiger, ein Koloß auf tönernern Füßen“.
Den Schlüssel zu Persönlichkeit und Theologie des Verstorbenen sieht Terras in dessen „intimem Haß“
gegen die Aufklärung.
Der verstorbene Kardinal habe der Aufklärung unter anderem vorgeworfen,
die Quelle
des Antisemitismus gewesen zu sein. Sie habe als Herz der Modernität eine „Autonomie des Menschen“ gefordert.
Kardinal Jean-Marie Lustiger R.I.P.

© Erzdiözese Paris

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Paris

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In Stil und Überzeugungen
habe der verstorbene Kardinal jedoch nichts Integristisches oder Konservatives im alten Sinn an sich gehabt:
„Sein Bischofsstab war aus Holz und als Mensch hatte er nichts von einem abgehobenen oder salbungsvollen
Prälaten“ – so Terras:
Politisch zeigte der Kardinal sogar eine gewisse Vorliebe für die Linke:
„In
gewisser Weise ist Kardinal Lustiger ein Moderner, der das Gebiet der Modernität besetzt hat, um es gegen
sich selber zu kehren.“
Den jungen Priester charakterisiert Terras als chaotisch, sehr ängstlich und
Kettenraucher.
Im Jahr 1959 wurde Hw. Lustiger Studentenseelsorger am ‘Centre Richelieu’ an der Universität
Sorbonne in Paris: Mit seinen Studenten entdeckt er das Heilige Land und die Bedeutung des christlichen
Glaubens im Angesicht des Absurden.
Dieser Lebensabschnitt sei der glücklichste und am meisten anerkannte
seines Lebens gewesen – meint Terras: „Jean-Marie Lustiger besaß noch keine wirkliche Macht.“
Der Studentenkaplan
hatte auch ein gutes Verhältnis zum damaligen Erzbischof von Paris, Pierre Kardinal Veuillot († 1968).
Das sollte sich mit dessen Nachfolger, François Kardinal Marty, ändern. Ihn verdächtigte Hw. Lustiger,
„von einer progressistischen Mafia, der er sich gerne unterwarf, manipuliert zu werden“ – so Terras.
Die schwere Kirchenkrise nach dem Konzil traf Hw. Lustiger sehr. Die Geistlichen, die ihr Amt aufgaben,
empfand er – so Terras – als Verräter.
Der weichgeklopfte, humanistische Konsens der progressistischen
Pastoral, die sein Erzbischof unterstützte, war für ihn eine „pure Illusion“.
Die Pariser Pfarrer hielt
er für oberflächlich, weltfromm und für Vertreter einer dialogisierenden und photokopierenden Kirche.
In dieser Zeit knüpfte er Kontakt zum damaligen Nuntius in Paris, Erzbischof Paolo Bertoli, und zum
damaligen Weihbischof von Paris, Mons. Daniel Pézeril († 1998).
Der Weihbischof sorgte dafür, daß
der junge Priester eine große Pfarrei im 16. Bezirk erhielt: Sainte-Jeanne-de-Chantal.
Die Ankunft des
neuen Pfarrers war nach Angaben von Terras „brutal“. Hw. Lustiger zerstörte schnell, was sein Vorgänger
mit seiner gemächlichen Pastoral bewahrt hatte.
Pfarrer Lustiger galt als dynamisch, sachlich, liturgisch
progressiv, sehr unternehmungslustig, von starker Persönlichkeit, als guter Prediger. Er betete viel.
Seine Mitarbeiter hielt er auf Trab. Einer von ihnen war der junge Kaplan André Vingt-Trois – sein späterer
enger Mitarbeiter und gegenwärtige Erzbischof von Paris.
Pfarrer Lustiger geriet in dieser Zeit häufig
in Konflikt mit seinen kirchlichen Oberen, die ihm mit einem gewissen Mißtrauen begegnen. Kardinal Marty
warf ihm unter der Hand seinen autoritären und besitzergreifenden Charakter vor.
In dieser Zeit kursierten
nach Angaben von Terras nicht nachprüfbare Gerüchte, daß Hw. Lustiger Frankreich verlassen und nach
Israel oder in die Vereinigten Staaten – die er während eines Sommers besucht – auswandern, ja sogar
das Priestertum aufgeben wollte.
Im November 1979 ernannte ihn Papst Johannes Paul II. überraschend
zum Bischof von Orléans. Bei seiner Inthronisation soll er den Namen seines Vorgängers kein einziges
Mal erwähnt haben: „Ein Schock“.
„Autoritär, kopflastig und auch mystisch“ richtete der Neubischof
ein Priesterseminar ein, das sich nach Terras „auf ein klerikales, tridentinisches und beinahe ordensmäßiges
Priesterbild“ stützte.
Schon bald wurde die Nachfolge von Kardinal François Marty von Paris aktuell:
„Nachdem Rom bestimmte Kandidaten ausgeschlossen und andere abgelehnt hatte, kam eine andere Hypothese
auf, die dreizehnte – wie gesagt worden ist…“ – so Terras:
Der Bischof von Orléans war nicht der Geheimfavorit
des Papstes: „Man muß im Gegenteil sagen, daß er nur deshalb Erzbischof wurde, weil die anderen Kandidaten
scheiterten.“
Sein Vorgänger, Kardinal François Marty, sei von Mons. Lustigers Wahl „bestürzt“ gewesen.
Der Neugewählte war damals in Rom nicht sehr bekannt. Terras: „Für die Traditionalisten der Kurie war
Jean-Marie Lustiger ein Modernist mit konfusen Ideen und, im übrigen, von schwierigem Charakter.“
Anderen
hätte dieser „wenig umgängliche und mürrische Franzose“ keine Sympathien eingeflößt.
In Paris begann
der neue Erzbischof schnell zu handeln, entließ die Generalvikare, präsidierte in einem wörtlichen
Sinn die Versammlungen des Bischofsrates und verfügte zahlreiche Personaländerungen.
Ausführungsorgan
des Erzbischofs war sein ehemaliger Kaplan, Hw. André Vingt-Trois, den er zum Generalvikar ernannte.
Als Freund von Jean Gélamur, dem Chef des Pressehauses Bayard, verstand der neue Erzbischof auch, die
Informationsorgane auf seine Seite zu bekommen.
Er knüpft gute Beziehungen zur sozialistischen Regierung
und zum sozialistischen Präsidenten François Mitterand – so Terras:
„Seltsamerweise verstand sich dieser
Ultraorthodoxe problemlos mit der außerkirchlichen Welt (aber sehr schlecht mit den Dissidenten im Inneren).“
In all den Jahren gelang es dem Erzbischof von Paris nicht, sich von seinen Mitbrüdern zum Präsidenten
der Französischen Bischofskonferenz wählen zu lassen.
Im Jahr 1987 veröffentlicht der Kardinal sein
Interview-Buch „Le Choix de Dieu“ – Die Wahl Gottes. Darin erzählt er von seinem Werdegang und beginnt
mit einer heftigen Kritik der Aufklärung.
Nach den Bischofsweihen durch Mons. Marcel Lefebvre im Jahr
1988 beeilte er sich, öffentlich eine Alte Messe zu zelebrieren.
Für die Priesterausbildung organisiert
er eine Alternative, um den existierenden Seminarien auszuweichen. Auch gründet er eine eigene theologische
Hochschule in Konkurrenz zu den bestehenden Fakultäten, vor allem zum liberalen Institut catholique.
In Paris regiert Kardinal Lustiger nach Angaben von Terras wie ein Tyrann.
Dabei habe es sogar bei gewissen
Lustigerianern zum guten Ton gehört, „den sehr schlechten Charakter des Prälaten“ zu betonen: „Dieses
Faktum kann man nicht leugnen“ – so Terras.
Der Kardinal habe wegen der Grenzen seines Temperamentes
und seines Charakters selber gelitten. Dennoch habe er dieses Phänomen noch verstärkt: „ängstlich und
angstmachend, manchmal unvorhersehbar, zu vertrauensselig und anschließend ungerecht, schlecht im Umgang
mit jenen, die er nicht überzeugen konnte“ – so Terras.
Terras hält den verstorbenen Kardinal für
intellektuell brillant und eklektisch. Er habe aber nie als präziser und sorgfältiger Forscher gegolten:
„Zu nervös und eher intuitiv als überlegt.“
Theologisch beeinflußt wurde Kardinal Lustiger durch den
französischen Jesuiten und den Theologen Kardinal Henri de Lubac.
Die zentrale Einsicht von Kardinal
de Lubac sei auch jene von Kardinal Lustiger gewesen: Der Mensch kann eine Welt ohne oder gegen Gott aufbauen –
aber das wird eine Welt sein, die sich gegen den Menschen richtet.
Mit der Welt wie mit einem geschätzten
Partner in Dialog treten wäre für den Kardinal Verrat und Selbstaufgabe gewesen: „Jean-Marie Lustiger
konnte die Autonomie der menschlichen Sehnsucht, die auch auf Erden das Glück sucht, nicht akzeptieren“ –
so Terras.
Kardinal Lustiger habe es auch nicht ertragen, wenn einem Seminaristen ein persönliches Projekt
vorgeschwebt sei. Terras: „Man mußte zu existieren aufhören, seine Freiheit opfern auf dem Altar einer
mystifizieren Gehorsams.“
Abschließend zitiert Terras das Zeugnis eines Priesters der Erzdiözese Paris:
„Jean-Marie Lustiger ist nicht hart; mit ihm zusammen existiert man einfach nicht!“
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