18:23:54 | Freitag, 10. August 2007
Besteht der Alleinanspruch der Katholischen Kirche in einer christologisch verengten Ekklesiologie des Theologen Joseph Ratzinger? Ein Bonner Dogmatiker weiß die Antwort.
(kreuz.net) Was will das
jüngste Lehrschreiben der Glaubens- kongregation?
Es möchte klarstellen, daß
eine Aussage des letzten Konzils nicht das sagt, was viele Theologen aus ihr herauslesen.
Das erklärte
der Bonner Dogmatiker, Hw. Karl-Heinz Menke (57), Anfang August in einem längeren Artikel für die christliche
Wochenzeitung ‘Rheinischer Merkur’.
Menke beschäftigt sich mit der berühmten Aussage der Kirchenkonstitution
‘Lumen Gentium’:
„Diese Kirche, in der Welt als Gesellschaft verfaßt und geordnet, ist verwirklicht –
»subsistit« – in der katholischen Kirche, die vom Nachfolger Petri und von den Bischöfen in Gemeinschaft
mit ihm geleitet wird.“
Sichtbarer Leib – mystischer LeibNach Hw. Menke ist der theologiegeschichtliche
Hintergrund dieses Satzes von großer Bedeutung.
Bis zum Mittelalter habe man die Kirche als den „wahren,
weil sichtbaren Leib Christi“ und die konsekrierte Hostie als „mystischen Leib“ bezeichnet.
Im Mittelalter
kam es nach Hw. Menke zu einer Vertauschung dieser Begriffe: Man bezeichnete die konsekrierte Hostie als
wahren, sichtbaren Leib – und die Kirche als mystischen, weil unsichtbaren Leib Christi.
Die Reformatoren
hätten die Bezeichnung der Kirche als „Corpus Christi mysticum“ – mystischer Leib Christi – zum Zentralbegriff
ihrer Kirchenlehre erhoben.
Als Gegenreaktion verschwand der Begriff „Corpus Christi mysticum“ für lange
Zeit aus den katholischen Lehrbüchern.
Die Formulierung wurde – so Hw. Menke – im 19. Jahrhundert wieder
aufgenommen, wobei die katholischen Theologen betonten, daß die „unsichtbare Kirche“ von der hierarchisch
organisierten Institution untrennbar ist.
Diese Position schrieb Papst Pius XII. im Jahr 1942 in der
Enzyklika ‘Mystici Corporis’ fest. Das Zweite Vatikanum hat sie nicht relativiert, sondern präzisiert –
so Hw. Menke.
„subsistit“Schon auf dem Konzil sei vor der Vieldeutigkeit des Begriffes „subsistit in“
gewarnt worden.
Dieses Verb hat die Theologie in einem doppelten Sinn verwendet:
• In der Christologie
bedeutet es, daß Christus nicht teils göttliche Person, teils menschliche Person ist, sondern als einzige
Person subsistiert.
• In der Trinitätslehre sagt es, daß Gott zwar ein Einziger ist, aber in drei
Personen subsistiert.
Theologen, die von mehreren Subsistenzen – Erscheinungsformen – der Kirche sprechen
möchten, setzten beim trinitarischen Verständnis des Begriffes ein.
Dabei wird nach Hw. Menke häufig
ausgeblendet, daß ‘Lumen Gentium’ den Subsistenzbegriff in einem christologischen Sinn verwendet.
Hw.
Menke bezeichnet es darum als Verzeichnung, eine angeblich „christomonistische“ Ekklesiologie Joseph Ratzingers
gegen eine angeblich trinitätstheologische Communio-Ekklesiologie des Konzils zu stellen.
Orts- und
Teilkirchen dürfen nach Hw. Menke nicht gegen die Universalkirche ausgespielt werden: „Die Universalkirche
ist so wenig eine abstrakte Idee (»civitas platonica«) wie jede Orts- oder Teilkirche auch.“
Das protestantische
KirchenverständnisHw. Henke zeigt zugleich auf, daß protestantische Autoren eine ganz andere Kirchenlehre
vertreten.
Als Beispiel liefert er ein Zitat aus dem Buch „Das Mißverständnis der Kirche“ des reformierten
Theologen Emil Brunner († 1966):
„Ist die Kirche Institution, dann ist Rom die kirchlichste Kirche, das
Ideal des Kircheseins. Denn in ihr ist die Institutionalisierung der Ekklesia vollendet – und in ihr allein.
Meint man aber mit der Kirche etwas anderes als Rom, dann muß man sich darüber klar sein, daß man
mit diesem ‘anders’ bis zur Wurzel gehen muß. Dann darf man Ekklesia nicht mit Kirche übersetzen.“
„Dann muß man erkennen, daß die Ekklesia des Neuen Testaments, die Christusgemeinschaft der ersten Christen
keine Kirche war und keine Kirche sein wollte.“Mit diesem Zitat zeigt Hw. Henke, „daß die Protestanten
sich selbst nicht in demselben Sinne als Kirche verstehen wie die römisch-katholische Kirche oder wie
die orthodoxen Kirchen.“
Sie würden sich zwar „Kirche“ nennen – aber diese Wortwahl meint bei den Protestanten
entweder die unsichtbare Kirche Jesu Christi oder die sichtbaren Institutionen, die ihrer Ansicht nach
von Menschen organisierte, soziologisch bedingte Einrichtungen sind.
Die Reformatoren im 16.Jahrhundert
haben nach Hw. Menke „eine andere Kirche“ gewollt.
Ihre Position ist darum nach Hw. Menke nicht mit der
These vereinbar, daß jede der großen christlichen Traditionen sich als eine Spielart der transzendent
bleibenden Wahrheit relativiert.
Dieses vordergründig „tolerante“ Einheitsmodell transponiere die Wahrheit
auf eine unsichtbare Ebene, um auf der sichtbaren Ebene „jedem das Seine“ zuzugestehen.
Zwei verschiedene
Ökumenismus-KonzeptionenIn der Folge sieht Hw. Menke zwei Konzeptionen von Ökumenismus, die einander
heute gegenüberstehen:
• Auf der einen Seite das Konzept der Katholiken und Orthodoxen, das die sichtbare
Einheit der Kirche erstrebt.
• Auf der anderen Seite das Konzept der Protestanten, das den Status quo
einer Vielheit durch wechselseitige Anerkennung der Verschiedenheiten festschreiben will.
Das moderne
protestantische Konzept kann sich nicht auf die Reformatoren berufen – so Hw. Menke:
„Denn diese haben
ihre Reformation als Erneuerung der Kirche in ihrer Gesamtheit und nicht als Gründung einer protestantischen
Teilkirche verstanden.“
„Sie wollten nicht eine Vielzahl von Bekenntnissen, sondern glaubten an die Unteilbarkeit
der Wahrheit.“
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