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Samstag, 29. Januar 2005 13:35
Nicht dafür und nicht dagegen. Ganz im Gegenteil.
In einem Gespräch mit der Abtreibungs-Internet-Zeitung „die Standard.at“ sprach eine christdemokratische Lokalpolitikerin aus Salzburg über die Kinderabtreibung, über „extreme Katholiken“ und über die ergebnisoffene Schwangerschaftsberatung.
(kreuz.net, Salzburg) Noch im vergangenen April erklärte die christdemokratische Salzburger Landesrätin Doraja Eberle (50) bei einer Pressekonferenz tapfer: „Ich bin radikal gegen Abtreibung.“

Ein Landesrat ist das Mitglied im Lokalparlament der österreichischen Bundesländer. Doraja Eberle entstammt der bekannten katholischen Salzburger Industriellenfamilie Mayr-Melnhof.

Auch die christdemokratische ÖVP zu der Frau Eberle gehört, sparte damals nicht mit klaren Worten:

Man werde die Koalition mit den regierenden Salzburger Sozialisten brechen, wenn die Roten sich anschickten, die Abtreibungsgewalt im öffentlichen Salzburger Landeskrankenhaus einzuführen.

Doch in einem gestern publizierten Interview mit der Abtreibungs-Internetzeitung „dieStandard.at“ goß Frau Eberle – die auch als ÖVP-Familienrätin auftritt – viel Wasser in den brausenden Wein:

Am Anfang ihrer Amtszeit habe sie den Fehler gemacht, sich zu stark zu exponieren, bekennt sie kleinlaut:

„Im April 2004 habe ich bei einer Pressekonferenz gesagt: ‘Ich bin radikal gegen Abtreibung.’ Das ‘Gegen’ und das ‘Radikal’ hat natürlich viele empört. Gemeint habe ich es aber anders.“

Es sei zwar schon so, daß Abtreibungen ihrer Meinung nach nicht von der öffentlichen Hand, zum Beispiel in Landeskrankenhäusern, durchgeführt werden sollten.

Aber sie sei eine „Realistin“ und nehme zur Kenntnis, daß es Abtreibungen gibt, die auch in öffentlichen Krankenhäusern sowie Ambulatorien durchgeführt würden.

Als sozial denkende Politikerin suche sie menschenwürdige Alternativen zur Kinderabtreibung. Gemeinsam mit vielen würde sie sich im Salzburger Landtag darum bemühen.

Zur bevorstehenden Einführung der Kinderabtreibung im Salzburger Landeskrankenhaus erklärte die Frau Eberle, daß hier „nicht mit ehrlichen Karten gespielt“ werde.

Die Landeshauptfrau habe behauptet, daß die veranschlagten 400 Euro pro Kinderabtreibung kostendeckend seien. Diese Aussage sei nicht ehrlich gewesen. Man hätte zugeben müssen, daß die Steuerzahler die Kinderabtreibung mitfinanzieren.

Landrätin Eberle findet einen weiteren Grund, warum die Salzburger Diskussion „falsch“ gelaufen sei:

Wenn die SPÖ gleich gesagt hätte, daß ihr die Abtreibung zu teuer sei und billiger werden müsse, wäre vieles anders gelaufen. Statt dessen sei so getan worden, als ob die Mütter wegen fehlender Abtreibungsmöglichkeiten nach Linz oder Wien fahren müßten.

Sich selber plaziert Familienrätin Eberle in die goldige Mitte.

Ihre Aufgabe sei, zwischen Abtreibungsverbot und Kurpfuscherei auf der einen und der ‘selbstverständlichen Abtreibung’ auf der anderen Seite zu „vermitteln“.

Sie wisse, daß der Umgang mit der Kinderabtreibung „schamhaft besetzt“ sei. Daran würden auch Kinderabtreibungen im öffentlichen Krankenhaus nichts ändern.

Die Abtreibung bleibe ein „sehr persönliches, sensibles Erlebnis“, das nie „‘selbstverständlich’“ sein werde. Es gehe hier nicht um ein Recht der Mutter, sondern „um sehr viel mehr.“

Deshalb fordert Frau Eberle, das Thema Kinderabtreibung in der Öffentlichkeit nicht breitzutreten.

Mütter wollten nicht über die Abtreibung ihres Kindes reden, nicht nur weil sie Angst vor Verurteilungen hätten, sondern auch, weil die Abtreibung ein „zutiefst persönliches“ Thema sei, welches höchstens im intimsten Kreis besprochen werden könne.

Sie betrachte es als „Schutz der Frauen“, aus der Kinderabtreibung kein Medienthema zu machen.

Wenn die Medien berichteten, wann im Landeskrankenhaus Kinder abgetrieben würden, dann sei das kein Schutz dieser Frauen. Das mache den Abbruch ihrer Schwangerschaft „nicht leichter“.

Das Stigma der Kinderabtreibung werde von niemandem gemacht, sondern sei „in sich“ schon gegeben. Dieses Stigma könne man lösen, indem man verurteile, wenn Frauen wegen einer Kinderabtreibung verurteilt würden.

„Frauen“ wünschten sich, so Landrätin Eberle, einen guten, leistbaren „Eingriff“ und eventuell noch eine Beratung über mögliche Alternativen.

Die Politikerin sieht ihre politische Verantwortung bei jenen Frauen, die ihr Kind behalten wollten, aber sich dazu nicht in der Lage sähen. Diese Frauen will sie zum Beispiel finanziell unterstützen.

Gleichzeitig solle sich die Gesellschaft „die Frage stellen“, was daran sozial sei, Frauen in Not zu kostengünstigen, leicht zugänglichen und medizinisch „sicheren“ Abtreibungen zu verhelfen.

Freilich: „Damit meine ich aber nicht, daß das Faktum der Abtreibung geleugnet werden soll“, fügt die katholische Familienrätin eilends hinzu.

Frau Eberle äußert sich auch zu „radikalen Abtreibungsgegnern“, insbesondere zu „extremen Katholiken“.

Als „kritische Christin“ habe sie sich lange überlegt, bevor sie sich gegenüber Katholiken, die sich für das Leben einsetzen, distanziert habe. Es sei nicht ihr Weg, mit Bannern auf die Straße zu gehen.

Außerdem habe sie etwas dagegen, wenn „Nächstenliebe“ mit „Fanatismus“ verwechselt werde, mahnt die Lokalpolitikerin: „Es kann nicht dabei enden, zu sagen ‘Ich habe ein Kind gerettet’, ohne darüber nachzudenken, wie es dem Kind in den nächsten Jahren dann gehen wird.“

Der „Fanatismus“, so die Ausführungen der Familienrätin, führe auf beiden Seiten nur zu verhärteten Fronten. Diese würden niemandem dienen.

Auf die Frage, wie sie zum Vergleich der Kinderabtreibung mit dem Holocaust stehe, meinte Frau Eberle, man müsse diesbezüglich ehrlich sein:

„Jährlich werden weltweit 46 Millionen Abtreibungen durchgeführt, davon 17 Prozent in Europa. In Österreich redet man von 40.000 bis 80.000, es gibt ja keine Statistiken, sondern nur Hochrechnungen.“

Das sei viel, und dann komme eben der Vergleich mit dem Holocaust.

Dafür müsse man aber – so ein Einwurf ihrer Interviewpartnerin – einen Embryo mit einem Menschen und die Abtreibung mit einer Tötung gleichsetzen.

Die Landesrätin versichert, daß sie nur für sich sprechen wolle, aber „für sie“ beginne das Leben mit der Zeugung. Das habe man vor dreißig Jahren bei der Einführung der Fristenlösung auch nicht anders gesehen.

Die Abtreibung sei auch vom österreichischen Bundeskanzler Bruno Kreisky – der 1975 die Fristenregelung durchsetzte – immer als allerletzte Lösung beschrieben worden.

Bezüglich der im April ausgesprochenen Drohung ihrer Partei die Salzburger Koalition von ÖVP und SPÖ über die Abtreibungsfrage platzen zu lassen, beschwichtigt Frau Eberle.

Oft würden Dinge, vor allem, wenn man neu im Geschäft sei, zu schnell gesagt.

Trotzdem sei sich die ÖVP einig gewesen, daß die Frage der Kinderabtreibung „sehr wichtig“ sei. Ihr Weg sei es gewesen, während des Koalitionsstreites zu sagen: „Wir können mehr für das Leben tun, wenn wir in der Koalition bleiben.“

Diese Ansicht habe sich letztlich auch durchgesetzt.

Am Ende des Interviews äußert sich Frau Eberle auch zu den von ihr geforderten Beratungsstandards bei der Mütterberatung. Aufgrund ihrer beruflichen Erfahrung – so die diplomierte Sozialarbeiterin – und ihrer langen Zusammenarbeit mit der „Aktion Leben Österreich“, sei sie mit der Materie vertraut.

In dem von ihr gegründeten Arbeitskreis von zwölf Mütter, die ihr Kind abgetrieben hätten, habe sie erfahren, daß es auch eine „ungewollte Abtreibungen“ gebe.

Das sei der Fall, wenn Mütter vom sozialen Umfeld zur Kinderabtreibung genötigt würden oder einen finanziellen Engpaß befürchteten.

Oft seien Frauen, die sich die Abtreibung ihres Kindes überlegten, einem extremen Druck ausgesetzt. Dieser verhindere, daß sie wüßten, was sie wollten. Die Beratung könne in solchen Situationen helfen:

„Ich plädiere dabei auf eine Frist von drei Tagen zwischen Beratung und Eingriff, damit sich die Frau frei und ohne Druck von Außen ein Bild über Alternativen machen kann und eine gewissenhafte Entscheidung trifft. Ich plädiere also für eine ergebnisoffene Beratung,“ meint die katholische Familienpolitikerin.
Alle Lesermeinungen anzeigen 6 von 7 Lesermeinungen:
Sonntag, 30. Januar 2005 19:31
Vetter Taferl: Ein ekelhafteren Umfaller habe ich selten erlebt
Einen Augenblick hätte ich gedacht, es gäbe in der ÖVP noch katholische Leute… Irrtum, es gibt nur welche, die mehr und welche, die weniger ihren Mund aufmachen. Gegen den Verhütungs-Abtreibungs-Homo-Porno-Zeitgeist wagt kein Spitzenpolitker sein Wort zu erheben. Die reden zwar salbungsvoll von zu wenig Kindern, aber von den eigentlichen Ursachen, dem Glaubensverlust, der Degradierung von Ehe und Familie und der weiterhin gegebenen Bevorzugung der Dinks und Donks (double income no kid; double income, one kid) redet niemand. So ganz typisch Bundeskanzler Schüssel in der Presse heute. Als ehemalige Aktion Leben – Beraterin (nicht zu verwechseln mit der deutschen Aktion Leben e.V., die voll in Ordnung und katholisch ist) hat sie die dortige Verhütungsmentalität voll eingesogen. Und: Frauen bestraft man nicht – warum eigentlich aber doch bei Einkaufsdiebstahl oder Körperverletzung. Selbstverständlich wird bei einem Straftatbestand Abtreibung auch jeder Mann bestraft, der sich beteiligt bzw. an dem Verbrechen mitwirkt, z.B. der Arzt, der anstiftende Ehemann, der beihelfende Sozialarbeiter, der scheinheilige besorgte Schwiegervater usw.
Sonntag, 30. Januar 2005 08:59
Midshipman Casey: Witziges E-mail
Hab gerade ein witziges E-mail bekommen, das ich der kreuz.net Leserschaft nicht vorenthalten möchte:

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Lieber Stephan Baier,

danke für Deinen schönen Werbeartikel auf kath.net (http://www.kath.net/detail.php?id=9568).

Besonders gelungen, lieber Freund, finden wir die Passage „… Doraja Eberle, eine bekennende Abtreibungsgegnerin, fordert …“. Mach Dir keine Sorgen, die extremen Katholiken lesen eh nicht den Standard (http://diestandard.at/?url=/?id=19204…

Well done,

Deine ÖVP Salzburg

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Sonntag, 30. Januar 2005 06:27
na die haben sie ja schön auf Linie gebracht…hört sich an wie die offizielle CDU-Linie…oh, wie hasse ich diese Demokratie mit ihren Kompromissen, da wird nicht gemacht, was Vernunft und Staatsraison entsprechen, sondern es wird den Trieben wie Bequemlichkeit und Wohlleben nachgegeben, die Leute dürfen ganz legal ihre eigenen Kinder umbringen lassen, und das auch noch auf Staatskosten, und der Staat geht kaputt dabei! Es wird Zeit, dass das Reich Gottes anbricht, es ist kaum mehr zum Aushalten mit diesem Reich des Menschen.
Samstag, 29. Januar 2005 21:44
Midshipman Casey: P.S.: Korrekturen
Der Funktionstitel ist auch nicht „Familienrätin“ sondern Familienlandesrätin. Eberle ist eine Frau Landesrat und nicht eine Frau Rat. „Rat“ gibt’s nur bei Gericht einen, nicht in der Politik.
Samstag, 29. Januar 2005 21:38
Midshipman Casey: Korrekturen
Den Mädchennamen dieser Dame schreibt man „Mayr-Melnhof“ und nicht „Mayr-Mellnhof“.

Ein Landesrat ist nicht Mitglied des Landesparlaments, sondern Mitglied der Landesregierung, also quasi ein Minister auf Landesebene.
Samstag, 29. Januar 2005 14:58
Yersinia: @Dolfus: Kommunismus
Kommunismus ist doch ein viel, viel schlimmeres Verbrechen, oder? Und würden katholische Politiker rein katholische Interessen – im Sinne der Vorgaben des Hl. Stuhles – vertreten, wären sie politisch bestenfalls in der Minderheit. Wir leben nun einmal in einer Demokratie, in der Menschen nicht zur Präferenz für ein bestimmtes Glaubensbekenntnis oder zu einer bestimmten politisch-religiösen Haltungen gezwungen werden können. Eine Nebenbemerkung sei noch gestattet: welche katholischen Politiker führen nicht die Rede von der „Umwertung aller Werte“ – gesellschaftswissenschaftlich gesehen übrigens eine etwas platte Beurteilung des immer vorhandenen gesellschaftlichen Wandels – welche dieser Politiker treten aber dezidiert gegen eine Sonntagsöffnung ein oder wenden sich dezidiert gegen eine „geldorientierte“ Wirtschaftspolitik?
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