In einem Gespräch mit der Abtreibungs-Internet-Zeitung „die Standard.at“ sprach eine christdemokratische Lokalpolitikerin aus Salzburg über die Kinderabtreibung, über „extreme Katholiken“ und über die ergebnisoffene Schwangerschaftsberatung.
(kreuz.net, Salzburg) Noch im vergangenen April erklärte die christdemokratische Salzburger Landesrätin
Doraja Eberle (50) bei einer Pressekonferenz tapfer: „Ich bin radikal gegen Abtreibung.“
Ein Landesrat
ist das Mitglied im Lokalparlament der österreichischen Bundesländer. Doraja Eberle entstammt der bekannten
katholischen Salzburger Industriellenfamilie Mayr-Melnhof.
Auch die christdemokratische ÖVP zu der Frau
Eberle gehört, sparte damals nicht mit klaren Worten:
Man werde die Koalition mit den regierenden Salzburger
Sozialisten brechen, wenn die Roten sich anschickten, die Abtreibungsgewalt im öffentlichen Salzburger
Landeskrankenhaus einzuführen.
Doch in einem gestern publizierten Interview mit der Abtreibungs-Internetzeitung
„dieStandard.at“ goß Frau Eberle – die auch als ÖVP-Familienrätin auftritt – viel Wasser in den brausenden
Wein:
Am Anfang ihrer Amtszeit habe sie den Fehler gemacht, sich zu stark zu exponieren, bekennt sie
kleinlaut:
„Im April 2004 habe ich bei einer Pressekonferenz gesagt: ‘Ich bin radikal gegen Abtreibung.’
Das ‘Gegen’ und das ‘Radikal’ hat natürlich viele empört. Gemeint habe ich es aber anders.“
Es sei
zwar schon so, daß Abtreibungen ihrer Meinung nach nicht von der öffentlichen Hand, zum Beispiel in
Landeskrankenhäusern, durchgeführt werden sollten.
Aber sie sei eine „Realistin“ und nehme zur Kenntnis,
daß es Abtreibungen gibt, die auch in öffentlichen Krankenhäusern sowie Ambulatorien durchgeführt
würden.
Als sozial denkende Politikerin suche sie menschenwürdige Alternativen zur Kinderabtreibung.
Gemeinsam mit vielen würde sie sich im Salzburger Landtag darum bemühen.
Zur bevorstehenden Einführung
der Kinderabtreibung im Salzburger Landeskrankenhaus erklärte die Frau Eberle, daß hier „nicht mit ehrlichen
Karten gespielt“ werde.
Die Landeshauptfrau habe behauptet, daß die veranschlagten 400 Euro pro Kinderabtreibung
kostendeckend seien. Diese Aussage sei nicht ehrlich gewesen. Man hätte zugeben müssen, daß die Steuerzahler
die Kinderabtreibung mitfinanzieren.
Landrätin Eberle findet einen weiteren Grund, warum die Salzburger
Diskussion „falsch“ gelaufen sei:
Wenn die SPÖ gleich gesagt hätte, daß ihr die Abtreibung zu teuer
sei und billiger werden müsse, wäre vieles anders gelaufen. Statt dessen sei so getan worden, als ob
die Mütter wegen fehlender Abtreibungsmöglichkeiten nach Linz oder Wien fahren müßten.
Sich selber
plaziert Familienrätin Eberle in die goldige Mitte.
Ihre Aufgabe sei, zwischen Abtreibungsverbot und
Kurpfuscherei auf der einen und der ‘selbstverständlichen Abtreibung’ auf der anderen Seite zu „vermitteln“.
Sie wisse, daß der Umgang mit der Kinderabtreibung „schamhaft besetzt“ sei. Daran würden auch Kinderabtreibungen
im öffentlichen Krankenhaus nichts ändern.
Die Abtreibung bleibe ein „sehr persönliches, sensibles
Erlebnis“, das nie „‘selbstverständlich’“ sein werde. Es gehe hier nicht um ein Recht der Mutter, sondern
„um sehr viel mehr.“
Deshalb fordert Frau Eberle, das Thema Kinderabtreibung in der Öffentlichkeit nicht
breitzutreten.
Mütter wollten nicht über die Abtreibung ihres Kindes reden, nicht nur weil sie Angst
vor Verurteilungen hätten, sondern auch, weil die Abtreibung ein „zutiefst persönliches“ Thema sei,
welches höchstens im intimsten Kreis besprochen werden könne.
Sie betrachte es als „Schutz der Frauen“,
aus der Kinderabtreibung kein Medienthema zu machen.
Wenn die Medien berichteten, wann im Landeskrankenhaus
Kinder abgetrieben würden, dann sei das kein Schutz dieser Frauen. Das mache den Abbruch ihrer Schwangerschaft
„nicht leichter“.
Das Stigma der Kinderabtreibung werde von niemandem gemacht, sondern sei „in sich“
schon gegeben. Dieses Stigma könne man lösen, indem man verurteile, wenn Frauen wegen einer Kinderabtreibung
verurteilt würden.
„Frauen“ wünschten sich, so Landrätin Eberle, einen guten, leistbaren „Eingriff“
und eventuell noch eine Beratung über mögliche Alternativen.
Die Politikerin sieht ihre politische
Verantwortung bei jenen Frauen, die ihr Kind behalten wollten, aber sich dazu nicht in der Lage sähen.
Diese Frauen will sie zum Beispiel finanziell unterstützen.
Gleichzeitig solle sich die Gesellschaft
„die Frage stellen“, was daran sozial sei, Frauen in Not zu kostengünstigen, leicht zugänglichen und
medizinisch „sicheren“ Abtreibungen zu verhelfen.
Freilich: „Damit meine ich aber nicht, daß das Faktum
der Abtreibung geleugnet werden soll“, fügt die katholische Familienrätin eilends hinzu.
Frau Eberle
äußert sich auch zu „radikalen Abtreibungsgegnern“, insbesondere zu „extremen Katholiken“.
Als „kritische
Christin“ habe sie sich lange überlegt, bevor sie sich gegenüber Katholiken, die sich für das Leben
einsetzen, distanziert habe. Es sei nicht ihr Weg, mit Bannern auf die Straße zu gehen.
Außerdem habe
sie etwas dagegen, wenn „Nächstenliebe“ mit „Fanatismus“ verwechselt werde, mahnt die Lokalpolitikerin:
„Es kann nicht dabei enden, zu sagen ‘Ich habe ein Kind gerettet’, ohne darüber nachzudenken, wie es
dem Kind in den nächsten Jahren dann gehen wird.“
Der „Fanatismus“, so die Ausführungen der Familienrätin,
führe auf beiden Seiten nur zu verhärteten Fronten. Diese würden niemandem dienen.
Auf die Frage,
wie sie zum Vergleich der Kinderabtreibung mit dem Holocaust stehe, meinte Frau Eberle, man müsse diesbezüglich
ehrlich sein:
„Jährlich werden weltweit 46 Millionen Abtreibungen durchgeführt, davon 17 Prozent in
Europa. In Österreich redet man von 40.000 bis 80.000, es gibt ja keine Statistiken, sondern nur Hochrechnungen.“
Das sei viel, und dann komme eben der Vergleich mit dem Holocaust.
Dafür müsse man aber – so ein Einwurf
ihrer Interviewpartnerin – einen Embryo mit einem Menschen und die Abtreibung mit einer Tötung gleichsetzen.
Die Landesrätin versichert, daß sie nur für sich sprechen wolle, aber „für sie“ beginne das Leben
mit der Zeugung. Das habe man vor dreißig Jahren bei der Einführung der Fristenlösung auch nicht anders
gesehen.
Die Abtreibung sei auch vom österreichischen Bundeskanzler Bruno Kreisky – der 1975 die Fristenregelung
durchsetzte – immer als allerletzte Lösung beschrieben worden.
Bezüglich der im April ausgesprochenen
Drohung ihrer Partei die Salzburger Koalition von ÖVP und SPÖ über die Abtreibungsfrage platzen zu
lassen, beschwichtigt Frau Eberle.
Oft würden Dinge, vor allem, wenn man neu im Geschäft sei, zu schnell
gesagt.
Trotzdem sei sich die ÖVP einig gewesen, daß die Frage der Kinderabtreibung „sehr wichtig“
sei. Ihr Weg sei es gewesen, während des Koalitionsstreites zu sagen: „Wir können mehr für das Leben
tun, wenn wir in der Koalition bleiben.“
Diese Ansicht habe sich letztlich auch durchgesetzt.
Am Ende
des Interviews äußert sich Frau Eberle auch zu den von ihr geforderten Beratungsstandards bei der Mütterberatung.
Aufgrund ihrer beruflichen Erfahrung – so die diplomierte Sozialarbeiterin – und ihrer langen Zusammenarbeit
mit der „Aktion Leben Österreich“, sei sie mit der Materie vertraut.
In dem von ihr gegründeten Arbeitskreis
von zwölf Mütter, die ihr Kind abgetrieben hätten, habe sie erfahren, daß es auch eine „ungewollte
Abtreibungen“ gebe.
Das sei der Fall, wenn Mütter vom sozialen Umfeld zur Kinderabtreibung genötigt
würden oder einen finanziellen Engpaß befürchteten.
Oft seien Frauen, die sich die Abtreibung ihres
Kindes überlegten, einem extremen Druck ausgesetzt. Dieser verhindere, daß sie wüßten, was sie wollten.
Die Beratung könne in solchen Situationen helfen:
„Ich plädiere dabei auf eine Frist von drei Tagen
zwischen Beratung und Eingriff, damit sich die Frau frei und ohne Druck von Außen ein Bild über Alternativen
machen kann und eine gewissenhafte Entscheidung trifft. Ich plädiere also für eine ergebnisoffene Beratung,“
meint die katholische Familienpolitikerin.
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7 Lesermeinungen
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#7 Vetter Taferl 19:31:17 | Sonntag, 30. Januar 2005
Ein ekelhafteren Umfaller habe ich selten erlebt Einen Augenblick hätte ich gedacht, es gäbe in der
ÖVP noch katholische Leute… Irrtum, es gibt nur welche, die mehr und welche, die weniger ihren Mund
aufmachen. Gegen den Verhütungs-Abtreibungs-Homo-Porno-Zeitgeist wagt kein Spitzenpolitker sein Wort
zu erheben. Die reden zwar salbungsvoll von zu wenig Kindern, aber von den eigentlichen Ursachen, dem
Glaubensverlust, der Degradierung von Ehe und Familie und der weiterhin gegebenen Bevorzugung der Dinks
und Donks (double income no kid; double income, one kid) redet niemand. So ganz typisch Bundeskanzler
Schüssel in der Presse heute. Als ehemalige Aktion Leben – Beraterin (nicht zu verwechseln mit der deutschen
Aktion Leben e.V., die voll in Ordnung und katholisch ist) hat sie die dortige Verhütungsmentalität
voll eingesogen. Und: Frauen bestraft man nicht – warum eigentlich aber doch bei Einkaufsdiebstahl oder
Körperverletzung. Selbstverständlich wird bei einem Straftatbestand Abtreibung auch jeder Mann bestraft,
der sich beteiligt bzw. an dem Verbrechen mitwirkt, z.B. der Arzt, der anstiftende Ehemann, der beihelfende
Sozialarbeiter, der scheinheilige besorgte Schwiegervater usw.
Witziges E-mail Hab gerade ein witziges E-mail bekommen, das ich der kreuz.net Leserschaft nicht vorenthalten
möchte: ########################## Lieber Stephan Baier, danke für Deinen schönen Werbeartikel auf
kath.net (www.kath.net/detail.php?id=9568). Besonders gelungen, lieber Freund, finden wir die Passage
„… Doraja Eberle, eine bekennende Abtreibungsgegnerin, fordert …“. Mach Dir keine Sorgen, die extremen
Katholiken lesen eh nicht den Standard (diestandard.at/?url=/?id=19204…). Well done, Deine ÖVP Salzburg
##########################
#5 Uwe Schmidt 06:27:54 | Sonntag, 30. Januar 2005
… na die haben sie ja schön auf Linie gebracht…hört sich an wie die offizielle CDU-Linie…oh, wie
hasse ich diese Demokratie mit ihren Kompromissen, da wird nicht gemacht, was Vernunft und Staatsraison
entsprechen, sondern es wird den Trieben wie Bequemlichkeit und Wohlleben nachgegeben, die Leute dürfen
ganz legal ihre eigenen Kinder umbringen lassen, und das auch noch auf Staatskosten, und der Staat geht
kaputt dabei! Es wird Zeit, dass das Reich Gottes anbricht, es ist kaum mehr zum Aushalten mit diesem
Reich des Menschen.
P.S.: Korrekturen Der Funktionstitel ist auch nicht „Familienrätin“ sondern Familienlandesrätin. Eberle
ist eine Frau Landesrat und nicht eine Frau Rat. „Rat“ gibt’s nur bei Gericht einen, nicht in der Politik.
Korrekturen Den Mädchennamen dieser Dame schreibt man „Mayr-Melnhof“ und nicht „Mayr-Mellnhof“. Ein Landesrat
ist nicht Mitglied des Landesparlaments, sondern Mitglied der Landesregierung, also quasi ein Minister
auf Landesebene.
@Dolfus: Kommunismus Kommunismus ist doch ein viel, viel schlimmeres Verbrechen, oder? Und würden katholische
Politiker rein katholische Interessen – im Sinne der Vorgaben des Hl. Stuhles – vertreten, wären sie
politisch bestenfalls in der Minderheit. Wir leben nun einmal in einer Demokratie, in der Menschen nicht
zur Präferenz für ein bestimmtes Glaubensbekenntnis oder zu einer bestimmten politisch-religiösen Haltungen
gezwungen werden können. Eine Nebenbemerkung sei noch gestattet: welche katholischen Politiker führen
nicht die Rede von der „Umwertung aller Werte“ – gesellschaftswissenschaftlich gesehen übrigens eine
etwas platte Beurteilung des immer vorhandenen gesellschaftlichen Wandels – welche dieser Politiker treten
aber dezidiert gegen eine Sonntagsöffnung ein oder wenden sich dezidiert gegen eine „geldorientierte“
Wirtschaftspolitik?
Die Vorgaben des Hl. Stuhles sind klar … … nur scheinen die meisten Bischöfe zu schlafen oder sie
fürchten sich vor den Medien, oder vielleicht ist es ihnen auch egal. Ist nicht die Vorgabe des Hl. Stuhles,
daß katholische „Pro Choice“-Politiker exkommuniziert sind, also Arnold Schwarzenegger, Maria Rauch-Kallat,
Liese Prokopp, Wolfgang Schüssel, Helmut Kohl, Erwin Pröll etc. etc…? Die Exkommunikationspolitik
gegen die katholischen Kommunisten durch Pius XII. war doch erfolgreich, oder?