15:59:06 | Donnerstag, 20. September 2007
Der Alte Ritus ist eine „überwundene“ oder überlebte Gestalt des Gottesdienstes. Er entmündigt jene, die als Nichtpriester die Heilige Messe mitfeiern. Aus einer Sonntagspredigt.
(kreuz.net) Am 15. Juli war in der Stadtpfarrkirche St. Raphael in Heidelberg bei der Sonntagspredigt
eine Tirade gegen die Alte Messe zu hören.
Die Homilie wurde von Stadtpfarrer Josef Mohr gehalten.
Einleitend erinnerte er daran, daß der Papst nicht das „Haupt“, sondern das „Oberhaupt“ der Kirche sei.
Das müsse klar sein, wenn er jetzt danach fragen wolle, was den Papst dazu bewegt habe, die Alte Messe
freizugeben und der Neuen Messe gleichzustellen.
Der Priester hat Zweifel, daß Benedikt XVI. bei diesem
Schritt „klug beraten“ war.
Denn es gehe bei der Alten Messe um mehr, als um die Freigabe liebgewordener
Formen aus der Vergangenheit.
Dieser Schritt werde die „Schlachtreihen für oder gegen das Zweite Vatikanum
und seine innerkirchlichen Folgen“ neu verfestigen:
„Ein erheblicher Teil der Anhänger des Alten Ritus
lehnt bekanntlich mit dem – immerhin seit nahezu vierzig Jahren gebräuchlichen – erneuerten Ritus eben
auch und vehement große Teile dieses Konzils grundsätzlich ab.“
Für sie gebe es in der Kirche zu viel
Ökumene, zu viel interreligiösen Dialog:
„Die vom Konzil proklamierte und endlich anerkannte Religions-
und Gewissensfreiheit sind ihnen ein Dorn im Auge.“
Für Pfarrer Mohr ist es klar, daß hinter der Liturgiereform
eine theologische Neubesinnung, „ja Kehrtwende“ steht.
Beim „vorkonziliaren Ritus“ handle es sich um
eine „überwundene oder überlebte Gestalt des Gottesdienstes“.
Diesem Ritus liege ein „anderes“ Priester-
und Kirchenverständnis zugrunde. Die Alte Liturgie habe den faktischen „Ausschluß und die Entmündigung
derer bedeutet, die als Nichtpriester die Heilige Messe mitfeierten“.
Hw. Mohrs Konklusion: „Das kann
man doch nicht auf einmal gleichberechtigen.“
Mit diesem Schritt habe der Papst auch das Argument, daß
die kirchliche Einheit vor allem in der liturgischen Einheit zum Vorschein komme, preisgegeben.
Pfarrer
Mohr kann verstehen, daß der Papst der Banalisierung der Liturgie entgegenwirken will: „Doch dürfen
die Mißstände nicht den Ton angeben“.
Auch Kardinal Christoph Schönborn von Wien habe bei allem Werben
für die Position des Papstes eine generell abwertende Kritik an der liturgischen Praxis der Gemeinden
als ungerechtfertigt zurückgewiesen.
Der Pfarrer glaubt, daß andere Wege beschritten werden müssen,
um das Heilige zu hüten:
„Ich denke, wir haben hier in St. Raphael in dieser Hinsicht einen guten (mittleren)
Weg beschritten“ – so Hw. Mohr selbstzufrieden:
„Dabei möchte ich unbeugsam festhalten, daß noch dazu
in unserer nächsten Nachbarschaft – Herz-Jesu-Kapelle – und unter meiner Aufsicht seit Jahren der Alte
Ritus nach der Sonderregelung (Ecclesia Dei) des heimgegangenen Papstes und damit mit der benötigten
Zustimmung unseres Erzbischofs immerhin zweimal pro Monat gefeiert wird.“
Auch über die
Erklärung der
Glaubenskongregation über einige Aspekte der kirchlichen Lehre ist Pfarrer Mohr „ratlos“.
Er stellt
die Frage, was „diese ökumenische Brüskierung“ beabsichtige. Seine Erkenntnis:
„Vielleicht ist es tatsächlich
so, daß Rom zur Zeit das bedient, was man in der Psychologie »Regression« nennt – das geistige Zurückfallen
erwachsener Menschen in frühere kindliche Entwicklungsphasen.“
Es gebe in Gesellschaft und Kirche diesen
gefährlichen Trend – „das infantile Bedürfnis nach einer heilen Welt, die sich abschottet und hinter
der man sich zurück zieht in die vermeintliche Sicherheit vergangener Zeiten“.
Trotzdem glaubt der Pfarrer
nicht, daß die Kirche im Sinne des Sonntagsevangeliums vom guten Samariter „unter die Räuber gefallen“
sei – „obwohl es starke, einflußreiche Kräfte und Kreise gibt, die sie ihres Wandels, ihrer Zeitgenossenschaft
und ihrer beständigen Erneuerung (semper reformanda) berauben wollen.“
Pfarrer Mohr assoziiert dazu
die Privatmesse des Priesters: „Sie wissen, daß »privare« auf Deutsch »berauben« heißt?“
Dann läßt
er die „Gegenseite“ zu Wort kommen. Diese behaupte, daß die Kirche sich habe protestantisieren und ihrer
altehrwürdigen Tradition habe berauben lassen.
Die mit der Wiederzulassung der Alten Messe beabsichtigte
Versöhnung müsse darum in beide Richtungen gehen:
„Es müssen auch die berechtigten Anliegen derer
gehört werden, die sich zunehmend schwer tun mit einer Kirche, die starr und stur an ihrer Moral und
ihrer Kirchendisziplin festhält und sich den höchst notwendigen Strukturveränderungen verweigert.“
Pfarrer Mohr verweist darauf, daß Christus das Haupt des Leibes und der Leib die Kirche ist:
„Es heißt
nicht, ein konservierter Leib – Leichnam –, sondern ein lebendiger Leib ist die Kirche.“
Zu dieser Lebendigkeit
gehöre die „immerwährende Wandlung und Erneuerung“.
Das schließe nicht aus, daß auch Stabilität
und Kontinuität zu ihrem notwendigen „Knochengerüst“ gehören.
Doch der Pfarrer fürchtet sich vor
einer „erneuten Verknöcherung“. Diese wäre für ihn theologisch wie soziologisch eine schwere Erkrankung.
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