14:06:01 | Montag, 1. Oktober 2007
Der Papst hat einem anrüchigen Ritus wieder Heimatrecht gegeben. Doch die Umsetzung dieses Schrittes hängt vom guten Willen der Bischöfe ab. Gedanken von Robert Spaemann.

Alte Messe in Kansas City/Missouri: Einzug der Ministranten.
© joebrad1326, CC(kreuz.net) Benedikt XVI. hat einem nachkonziliaren Klischee ein Ende gemacht. Das erklärte der emeritierte
Münchener Philosoph Robert Spaemann (80) in einem Artikel für die vorletzte Samstagsausgabe der katholischen
Zeitung ‘Tagespost’.
Das Apostolische Schreiben ‘Summorum Pontificum’ eröffne die Möglichkeit, eine
Wunde zu heilen, die seit langem an der Kirche zehre. Denn jetzt hänge die Zelebration der Alten Messe
nicht mehr vom guten Willen und der Großherzigkeit der Bischöfe ab.
Der Papst habe die Feier der Alten
Messe zum „Recht jedes Priesters und jeder Gruppe von Gläubigen“ gemacht.
Außerdem habe er betont,
daß diese Form der Liturgie niemals verboten war. Somit falle der Vorwurf der Illegalität gegenüber
dieser Form der Messe.
Obwohl das Motu Proprio klare, rechtlich bindende Vorgaben mache, könne es nicht
alles bis ins letzte regeln:
„Auch jetzt werden Frieden und Versöhnung nicht unabhängig vom guten Willen
aller, in erster Linie aber der Bischöfe zustande kommen.“
Professor Spaemann schlägt daher eine „metanoia“ –
einen Perspektivenwechsel – vor, „der in der Welt selten vorkommt, aber für Christen immer möglich ist“:
„Es sollte nun nicht mehr um Schadensbegrenzung durch die Kunst gehen, Texte zu interpretieren, und nicht
um die Minima christlicher Nächstenliebe und Hirtensorge Gläubigen und Priestern gegenüber, die man
eigentlich nicht mag, sondern um Dankbarkeit dafür, daß die Gebetsform unserer Mütter und Väter, die
Gebetsform so vieler Heiliger, die über ein Jahrtausend lang die Gebetsform der ganzen Kirche war, nun
in der Mitte der Kirche wieder Heimatrecht hat und, wenn auch als »außerordentliche« Form, ihre segensreiche
Wirkung entfalten kann.“
Die Bringschuld
der BischöfeSpaemann spricht auch die von Bischöfen oft geäußerte
Sorge an, daß der Alte Ritus
Zwietracht bringen könnte.
Diese Sorge sei unnötig, wenn Gläubige beider Riten einander in Liebe und
Achtung begegneten:
„Ob sie das tun, hängt in erster Linie vom Vorbild des Bischofs und des Pfarrers
ab.“ Beide Seiten haben hier eine Bringschuld, „aber die der Mehrheit und der Bischöfe ist die größere“.
Der emeritierte Philosophieprofessor gesteht auch ein, daß es „gelegentliche Züge von Rechthaberei
und Fanatismus“ bei Traditionsgläubigen gäbe.
Das seien klassische Symptome einer Ghettosituation.
„Aber wer hat sie in dieses Ghetto gesperrt?“
Benedikt XVI. habe das Ghetto geöffnet: „Wenn die Bischöfe
ihm folgen, werden die Symptome, die ohnehin vereinzelt sind, schnell verschwinden.“
Traditionsbruch
In der Kirchengeschichte hätten immer verschiedene Riten nebeneinander existieren. Als Beispiel nennt
Spaemann die Dominikanerklöster oder Kirchen mit dem Römischem Ritus mitten in der ambrosianischen Stadt
Mailand:
Robert Spaemann:
„Wir waren die Schmuddelkinder, mit denen anständige Kinder nicht spielen sollen.“
„Warum
soll die sichtbare Präsenz des alten Römischen Ritus irgendeinen gutwilligen Christen stören?“
Spaemann
erinnert daran, daß die Hüter der Alten Liturgie „viele Jahre lang als ein leider zu duldendes Übel
behandelt und gedemütigt“ wurden.
„Im Unterschied zu allen fremdsprachlichen oder byzantinischen Liturgiefeiern
wurden die „alten Messen“ in den kirchlichen Gottesdienstanzeigen nicht erwähnt.
Zu Beginn dieser Messen
durften in den meisten Diözesen keine Glocken geläutet werden usw. Wir waren die Schmuddelkinder, mit
denen anständige Kinder nicht spielen sollen.“
Immer wieder sei der Vorwurf zu hören gewesen, die Anhänger
dieser Messe akzeptierten das Zweite Vatikanum nicht, weil die neue Messe, die Messe des Konzils sei.
Das aber stimme nicht.
Die liturgischen Vorgaben des Zweiten Vatikanums würden in der Regel in den Alten
Messen realisiert, „was man von den neuen nicht sagen kann“.
Daß es zu einer Zwiefältigkeit des Römischen
Ritus kam, sei nicht die Schuld der Traditionalisten. Der Grund dafür liege in dem Eindruck eines Bruches
mit der Tradition.
Dieser sei von vielen Reformern gewollt und absichtlich erzeugt worden.
Der Vorteil
der neuen MesseSpaemann ist davon überzeugt, daß beide Riten ihre Vorzüge hätten. Der wichtigste
Vorzug der reformierten Liturgie liege darin, daß in der Neuen Messe „bei besonderen Gelegenheiten die
Kommunion unter beiden Gestalten möglich“ sei.
Der katholische Philosoph nimmt in seinem Beitrag auch
zu dem Vorwurf Stellung, daß viele Priester altritueller Gemeinschaften die Gültigkeit der neuen Liturgie
anzweifeln würden.
„Hier gibt es in der Tat eine Bringschuld, nämlich von Seiten der Piusbruderschaft
des Erzbischofs Lefèbvre.“ Die Petrusbruderschaft habe diesen Beweis bereits durch ihre Existenz in Trennung
von der Piusbruderschaft erbracht.
Wenn dieser Beweis nicht genüge, so müsse es entsprechend altkirchlichem
Gebrauch genügen, „daß diese Priester einmal bei einem Diözesanpriester oder beim Bischof zur heiligen
Kommunion gehen und daß sie bei der Kommunionausteilung die im Tabernakel aufbewahrten Hostien aus anderen
Messen austeilen“.
Solche Priester zur Zelebration im Novus Ordo zu verpflichten, hält Spaemann jedoch
für eine „unbillige Forderung“.
Der Alte Ritus enthalte schließlich Ehrfurchtsgesten, die der neue
nicht kenne. Man könne Riten nicht einfach auswechseln wie ein Hemd.
Aber für die Gläubigen könne
das Kennenlernen verschiedener Riten eine Bereicherung sein.
Wenn es sich bei der Alten Messe nicht „um
einen fossilen Rest, sondern um einen Schatz der Kirche“ handle, dürfe er für die Seelsorge kein Problem
darstellen:
„Dieser neuen Perspektive sollten wir zum Durchbruch verhelfen.“
Das geschehe am ehesten
dann, wenn die Oberhirten vorangehen.
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