14:40:59 | Sonntag, 7. Oktober 2007
Die Rückseite der schillernden Reklamewelt ist alltagsgrau, und im Innern der hochgelobten Warenfetische gähnt die Sinnlosigkeit. Von Hubert Hecker.

Nachäffung des Letzten Abendmahls
© Marithé and François Girbaud(kreuz.net) Religiöse Motive und Andeutungen treten in den letzten Jahren immer häufiger in der Markenwerbung
auf.
Engel und Nonnen schweben durch die Werbelandschaft. Abendmahl und Kreuz erscheinen auf den Reklameflächen.
Himmel und Paradies werden als Fluchtpunkte der Sehnsucht eröffnet.
„Devotion“ heißt ein Parfüm, und
schon länger verheißt der Duft eines Rasierwassers „Eternity“.
Vor sechzig Jahren hatte der Theologe
Rudolf Bultmann († 1976) mit seinem Entmythologisierungsprogramm gemeint, Engel und Himmel könne man
in einer technisierten Welt dem modernen Menschen nicht mehr zumuten.
Doch heute verstricken uns die
Konzerne in eine Wiederverzauberung der Welt und umweben ihre Marken mit Mythen.
Ein kleiner Teil der
religiös betonten Werbung besteht aus Tabubrüchen, bei der bewußt mit blasphemischen Bildern Aufmerksamkeit
geschunden werden soll:
An einer Kreuzinschrifttafel steht eine Nummer: „So merkt sich
ein Meßdiener die billige Nummer der Auskunft“. In der Tat eine
‘billige Nummer’.
Eine Eiscremefirma
lockt mit den „Verführungen der sieben Todsünden“.
Die meisten Firmen aber wollen mit religiösen Dimensionen
ihren Marken-Mythos aufbauschen und ihre Produkte spirituell überhöhen.
Für den Opel-Astra Cabriolet
lautete vor einigen Jahren der Werbespruch: „Wenn es einen Gott des Windes gibt, dann ist das sein Tempel.“
Versuch einer markentheologischen Exegese: Wer diesen Flitzer kauft, erwirbt ein irgendwie göttliches
Gefährt.
Schon das Säuseln des Anfahrwindes erlebst du wie eine Berührung des Windgottes. Genieße
den Fahrtwind als göttliche Durchdringung – Autofahren als mystische Erfahrung der Weltgötter.
„Wo
könnte man dem Himmel auf Erden näher sein als in einem Cabrio – erschaffen von Bretone?“ heißt es
in der zugehörigen Werbebroschüre. „Erleben Sie grenzenlose Freiheit und magische Momente.“
In Fahrt
gekommen auf dieser religiösen Tour, zaubern die Sprüchemacher von Opel noch einen weiteren Weltgott
herbei:
„Ohne die Sonne gäbe es kein Leben auf der Erde. Beten Sie sie an.“
Das Astra Cabriolet als
inkarnierter Astralleib der Sonne, der Astrafahrer als der Hohepriester des sonnendurchfluteten Lebens,
die Fahrt im offenen Sonnenwagen als weltfromme Liturgie der Sonnenanbetung.
Gegenüber diesem neuheidnischen
Sonnenkult verramscht der Konkurrent Audi die christliche Tradition:
„Am Anfang erschuf Audi den Quattro.
Die große Kraft wurde verteilt auf jedes der Räder und das Wasser wurde geteilt von dem trockenen Land.
Nachfolger und Verfolger wurden hinweggespült.“
Der Autokonzern erschafft mit dem Quattro die Autowelt
neu und peitscht mit dem Kraftpaket das Meer auseinander.
Die Bildperspektive sagt: Du selbst bist Moses,
der mit seinem Audi-Steuer-Stab den Weg frei macht in eine paradiesische Zukunft.
Du kannst die verfolgenden
Streitwagen der Konkurrenz auf nasser Strecke abhängen. Sie werden von der zurückwallenden Wellenmauer
überflutet.
Die Israeliten sagten zu Aaron: Mache uns einen Gott, den wir wirklich sehen und begreifen
können.
Aaron sprach: Gebt mir eure Gold- und Geldwerte. Davon werde ich euch einen goldenen Gott gießen.
Und die Israeliten tanzten um ihren neuen Fetisch: Dieser Gott wird uns ins Gelobte Land führen.
Heute
fährt man mit dem Opel Cabriolet in das gelobte Land aller Wunscherfüllung, nachdem man einen ansehnlichen
Opferpreis entrichtet hat.
Der Sonnengott brennt den opeligen Sonnenanbeter ein neoheidnisches Bräunungsmal
auf die Stirn.
Die neue Vergöttlichung von Markenprodukten ist die alte Verführung der Menschen zur
Hybris:
Ihr werdet göttliche Glückserfahrungen machen, flüstern die Konzerne, wenn ihr alle Grenzen
und Gebote von Maß und Menschlichkeit überschreitet.
Denn bei uns ist „nichts unmöglich“. Glaubt an
uns, die Schöpfer einer schönen neuen Autowelt, bekenne dich zu den Créateurs d’Automobiles.
Aber
die Rückseite der schillernden Reklameplakate ist alltagsgrau, und im Innern der hochgelobten Warenfetische
gähnt die Sinnlosigkeit.
Die Glanzwerke der Werbung zeigen sich als Blendwerke und der Konsumsinn des
Lebens erweist sich am Ende als Wahnsinn.
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lupus1 17:40:19 | Sonntag, 7. Oktober 2007
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lupus1 17:17:32 | Sonntag, 7. Oktober 2007
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lupus1 17:00:37 | Sonntag, 7. Oktober 2007