[ « 113 114 115 116 117 » ]
Sonntag, 7. Oktober 2007 14:40
Wenn es einen Gott des Windes gibt, dann ist das sein Tempel
Die Rückseite der schillernden Reklamewelt ist alltagsgrau, und im Innern der hochgelobten Warenfetische gähnt die Sinnlosigkeit. Von Hubert Hecker.
Nachäffung des Letzten Abendmahls
Nachäffung des Letzten Abendmahls
(kreuz.net) Religiöse Motive und Andeutungen treten in den letzten Jahren immer häufiger in der Markenwerbung auf.

Engel und Nonnen schweben durch die Werbelandschaft. Abendmahl und Kreuz erscheinen auf den Reklameflächen. Himmel und Paradies werden als Fluchtpunkte der Sehnsucht eröffnet.

„Devotion“ heißt ein Parfüm, und schon länger verheißt der Duft eines Rasierwassers „Eternity“.

Vor sechzig Jahren hatte der Theologe Rudolf Bultmann († 1976) mit seinem Entmythologisierungsprogramm gemeint, Engel und Himmel könne man in einer technisierten Welt dem modernen Menschen nicht mehr zumuten.

Doch heute verstricken uns die Konzerne in eine Wiederverzauberung der Welt und umweben ihre Marken mit Mythen.

Ein kleiner Teil der religiös betonten Werbung besteht aus Tabubrüchen, bei der bewußt mit blasphemischen Bildern Aufmerksamkeit geschunden werden soll:

Religionsverhöhnung in der WerbungReligionsverhöhnung in der WerbungKlicken Sie auf das Bild, um die Photomeile mit 5 Bildern zu starten.

An einer Kreuzinschrifttafel steht eine Nummer: „So merkt sich ein Meßdiener die billige Nummer der Auskunft“. In der Tat eine ‘billige Nummer’.

Eine Eiscremefirma lockt mit den „Verführungen der sieben Todsünden“.

Die meisten Firmen aber wollen mit religiösen Dimensionen ihren Marken-Mythos aufbauschen und ihre Produkte spirituell überhöhen.

Für den Opel-Astra Cabriolet lautete vor einigen Jahren der Werbespruch: „Wenn es einen Gott des Windes gibt, dann ist das sein Tempel.“

Versuch einer markentheologischen Exegese: Wer diesen Flitzer kauft, erwirbt ein irgendwie göttliches Gefährt.

Schon das Säuseln des Anfahrwindes erlebst du wie eine Berührung des Windgottes. Genieße den Fahrtwind als göttliche Durchdringung – Autofahren als mystische Erfahrung der Weltgötter.

„Wo könnte man dem Himmel auf Erden näher sein als in einem Cabrio – erschaffen von Bretone?“ heißt es in der zugehörigen Werbebroschüre. „Erleben Sie grenzenlose Freiheit und magische Momente.“

In Fahrt gekommen auf dieser religiösen Tour, zaubern die Sprüchemacher von Opel noch einen weiteren Weltgott herbei:

„Ohne die Sonne gäbe es kein Leben auf der Erde. Beten Sie sie an.“

Das Astra Cabriolet als inkarnierter Astralleib der Sonne, der Astrafahrer als der Hohepriester des sonnendurchfluteten Lebens, die Fahrt im offenen Sonnenwagen als weltfromme Liturgie der Sonnenanbetung.

Gegenüber diesem neuheidnischen Sonnenkult verramscht der Konkurrent Audi die christliche Tradition:

„Am Anfang erschuf Audi den Quattro. Die große Kraft wurde verteilt auf jedes der Räder und das Wasser wurde geteilt von dem trockenen Land. Nachfolger und Verfolger wurden hinweggespült.“

Der Autokonzern erschafft mit dem Quattro die Autowelt neu und peitscht mit dem Kraftpaket das Meer auseinander.

Die Bildperspektive sagt: Du selbst bist Moses, der mit seinem Audi-Steuer-Stab den Weg frei macht in eine paradiesische Zukunft.

Du kannst die verfolgenden Streitwagen der Konkurrenz auf nasser Strecke abhängen. Sie werden von der zurückwallenden Wellenmauer überflutet.

Die Israeliten sagten zu Aaron: Mache uns einen Gott, den wir wirklich sehen und begreifen können.

Aaron sprach: Gebt mir eure Gold- und Geldwerte. Davon werde ich euch einen goldenen Gott gießen.

Und die Israeliten tanzten um ihren neuen Fetisch: Dieser Gott wird uns ins Gelobte Land führen.

Heute fährt man mit dem Opel Cabriolet in das gelobte Land aller Wunscherfüllung, nachdem man einen ansehnlichen Opferpreis entrichtet hat.

Der Sonnengott brennt den opeligen Sonnenanbeter ein neoheidnisches Bräunungsmal auf die Stirn.

Die neue Vergöttlichung von Markenprodukten ist die alte Verführung der Menschen zur Hybris:

Ihr werdet göttliche Glückserfahrungen machen, flüstern die Konzerne, wenn ihr alle Grenzen und Gebote von Maß und Menschlichkeit überschreitet.

Denn bei uns ist „nichts unmöglich“. Glaubt an uns, die Schöpfer einer schönen neuen Autowelt, bekenne dich zu den Créateurs d’Automobiles.

Aber die Rückseite der schillernden Reklameplakate ist alltagsgrau, und im Innern der hochgelobten Warenfetische gähnt die Sinnlosigkeit.

Die Glanzwerke der Werbung zeigen sich als Blendwerke und der Konsumsinn des Lebens erweist sich am Ende als Wahnsinn.

© Titelbild: Marithé and François Girbaud
Alle Lesermeinungen anzeigen 6 von 28 Lesermeinungen:
Sonntag, 13. Januar 2008 00:05
Sie Heuchler höherer Ordnung. Sie stehen hinten in der Kirche und beten: Dank Herr, dass du mich nicht hast werden lassen wie jenen Pharisäer in der ersten Reihe.
Sonntag, 13. Januar 2008 00:00
Rudolfus: @Leblhuber: Damit kann nur eine heuchlerische Form der Vergebung gemeint sein!
Von Müller weiß ich wenig. Nicolás Gómez Dávila, ein Reaktionär, dem Sie offensichtlich huldigen, ist mir etwas besser bekannt.

So viel ich weiß, sagte er: „Die Vergebung ist die sublime Form der Verachtung.“ Ich vergebe Ihnen!!!

Damit kann nur eine heuchlerische Form der Vergebung gemeint sein – aber nicht die ehrliche Form, die Gott und Christus lehren!
Samstag, 12. Januar 2008 23:56
als ob der Weg Christi („Ich bin der Weg“ ) als etwas nicht fundamentales gedacht werden könnte. Wenn Sie Christus als Fundament ausweichen, dann weichen Sie ihm ganz aus.
Samstag, 12. Januar 2008 23:49
Leblhuber: @HeinrichvonOfterdingen:
Ich huldige lediglich dem dreieinen Gott, dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist.
Es gibt keine Dummheit, an die der moderne Mensch nicht imstande wäre zu glauben, sofern er damit nur dem Glauben an Christus ausweicht.“, das scheint Gomez Davila auf Sie gemünzt zu haben
.

Um wieder sachlich zu werden:

Dem Glauben des CHRISTUS JESUS weiche ich nicht aus. Den Glauben der Fundis teile ich nicht.

Wenn die Kirche als Gemeinschaft sich so definierte, wie Sie es tun, wäre sie eine marginale Sekte. Ich wünsche das nicht.
Samstag, 12. Januar 2008 23:37
„Die Vergebung ist die sublime Form der Verachtung.“ Ich vergebe Ihnen!!!
… als wollten Sie mir beweisen, dass Heiner Müller mehr Klasse hatte als Sie. Wissen Sie ich huldige Gomez Davila genauso wenig wie Heiner Müller oder Ihnen. Ich huldige lediglich dem dreieinen Gott, dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist.
„Es gibt keine Dummheit, an die der moderne Mensch nicht imstande wäre zu glauben, sofern er damit nur dem Glauben an Christus ausweicht.“, das scheint Gomez Davila auf Sie gemünzt zu haben.
Samstag, 12. Januar 2008 23:31
Leblhuber: @HeinrichvonOfterdingen:
Da hatte Heiner Müller schon mehr Klasse als Sie. Über und zu Nicolás Gómez Dávila sagte er: „Der Klassenfeind greift zu den teuflischsten Mitteln. Doch: Gruß über den Graben!

Von Müller weiß ich wenig. Nicolás Gómez Dávila, ein Reaktionär, dem Sie offensichtlich huldigen, ist mir etwas besser bekannt.

So viel ich weiß, sagte er: „Die Vergebung ist die sublime Form der Verachtung.“ Ich vergebe Ihnen!!!
Alle Lesermeinungen anzeigen 22 weitere Lesermeinungen
Die Redaktion übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der Beiträge. Sie behält sich das Recht vor, Beiträge zu löschen sowie Leser aus der Debatte auszuschließen.
Copyright © 2008 kreuz.net