10:50:58 | Donnerstag, 1. November 2007
Theologie und Kirche dürfen sich nicht länger als „Allwissende“ präsentieren – wußte unlängst eine Assistentin an der Theologischen Fakultät in Fulda. Von Peter M. Leibold.

Webseite der theologischen Fakultät Fulda
(kreuz.net, Fulda) Bei der diesjährigen Eröffnungsfeier zum neuen Studienjahr der Theologischen Fakultät
Fulda am 15. Oktober sparte der Rektor der Hochschule, Hw. Richard Hartmann, nicht mit offener Kritik
an Rom.
Das berichtete die „Fuldaer Zeitung“ in ihrer Ausgabe vom 16. Oktober.
Hw. Hartmann ist Ordinarius
für Pastoraltheologie und Homiletik.
In Anbetracht der Vakanz zweier Lehrstühle erlaubte sich Seine
Magnifizenz die Anfrage, ob die Römische Kurie in ihrer angeblichen „Tendenz, alles zu zentralisieren,
sich nicht manches Mal in ihren personellen Möglichkeiten überschätzen und somit unsere Arbeit erschweren.“
Hw. Hartmann sprach in Anwesenheit zahlreicher Gäste und Pressevertreter, der Leitung des Bischöflichen
Priesterseminars, der Alumnen und der neuen Studenten, des Lehrkörpers der Hochschule und nicht zuletzt
des Magnus Cancellarius der Theologischen Fakultät, Bischof Heinz Josef Algermissen.
Die Theologische
FakultätIn Fulda sind die Lehrstühle für Dogmatik und Liturgiewissenschaft derzeit nicht besetzt.
Die Theologische Fakultät Fulda ist eine staatlich anerkannte wissenschaftliche Hochschule.
Sie verfügt
über zehn Lehrstühle mit zwei wissenschaftlichen Assistentinnen und zählt nach offiziellen Angaben
des Rektors zur Zeit 44 (2003: 37) voll immatrikulierte Studenten in den Diplom- und Promotionsstudiengängen
sowie rund 60 (2003: 40) Gasthörer.
Diese Zahlen relativieren sich jedoch schnell, wenn man sich vor
Augen führt, daß von den offiziell gemeldeten 44 Studierenden nur ein gutes Drittel als Priesteramtskandidaten
für die Diözese Fulda immatrikuliert ist.
Seit dem Amtsantritt von Bischof Algermissen ist die Zahl
der Neueintritte in das Priesterseminar deutlich zurückgegangen. Bei der überwiegenden Mehrzahl der
Studierenden handelt es sich um Alumnen aus Osteuropa, die für ihre jeweiligen Heimatdiözesen ausgebildet
und geweiht werden.
Wegen der schwachen Auslastung der Lehranstalt
spekulierte die ‘Frankfurter Allgemeine
Zeitung’ vor einigen Monaten sogar über eine mögliche Schließung der Hochschule.
Die Diözese Fulda
bringt für die laufenden Kosten der Fakultät und Bibliothek jährlich 1,19 Millionen Euro auf. Der Verband
der Diözesen Deutschlands schießt pro Jahr 170.000 Euro zu.
Das Priesterseminar verfügt über einen
Regens, einen Subregens und einen Spiritual.
Regens ist Hw. Cornelius Roth, ein Neffe des verstorbenen
Erzbischofs, Mons. Johannes Dyba.
In Anbetracht der geringen Zahl einheimischer Alumnen erscheint das
Amt des Subregens überflüssig.
Was ist Wahrheit?Ute Leimgruber, wissenschaftliche Assistentin am
Lehrstuhl für Pastoraltheologie und Homiletik in Fulda, hat sich durch zahlreiche Veröffentlichungen
zu den Themenbereichen „Dämonologie und Anthropologie der Frau in der Kirchengeschichte“, „Hexenverfolgung“
und „Die Rede vom Teufel: soziologische und systematisch-theologische Studien“ hervorgetan.
In ihrer
Online-Publikation „Das Böse und die Moral“ ist unter anderem folgendes zu lesen:
„Die Theologie ebenso
wie die Kirche können und dürfen sich spätestens seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil nicht mehr als
Allwissende präsentieren, denn dazu ist der Horizont, den man zu überblicken hätte, viel zu weit und
das eigene Blickfeld viel zu beschränkt, leben die Adressaten und Adressatinnen der eigenen Botschaft
in zu pluralen Lebensräumen.“Weiter erklärt Frau Leimgruber:
„Die vorvatikanisch-neuscholastische
Sprache für die gleichbleibenden, übergeschichtlichen Wesensgehalte war schlichtweg untauglich für
die ständige Veränderung und Pluralisierung der Lebensverhältnisse.
Es gibt nicht mehr einfach zu
definierende Wesensgehalte menschlichen Daseins. Auf der Suche nach der Sprache, die die Menschen und
ihre pluralen Lebenswelten umgreift, geht es um ein Moment, das mit der Beschreibung eindeutiger anthropologischer
Grundlagen nicht in den Blick gerät: ‘die humane Situation, die sich fortlaufend verändert und beständig
mit neuen Problemlagen verbunden ist.’“Auch das sind in Fulda neue Töne – zumindest aus der Theologischen
Fakultät.
Ob es unter Erzbischof Dyba solche umstrittenen Lehren gegeben hätte, bleibt sehr zweifelhaft.
Rotarier am RuderIn Fulda ist es außerdem ein offenes Geheimnis, daß bestimmte Berufungsverfahren
und Ernennungen seit dem Amtsantritt von Bischof Algermissen über „rotarische Seilschaften“ gelaufen
sind.
So ist neben dem Bischof und dem derzeitigen Rektor Hartmann auch der Ordinarius für Moraltheologie,
Hw. Peter Schallenberg, Mitglied bei ‘Rotary’.
Hw. Schallenberg fungiert in Fulda zudem als Pfarrer der
Katholischen Hochschulgemeinde an der Hochschule Fulda – University of Applied Sciences, wie die frühere
Fachhochschule mit ihren rund 4.500 Studierenden jetzt offiziell bezeichnet wird.
Insofern ist es wohl
verständlich, wenn man sich jetzt in Fulda „in seiner Arbeit“ erschwert sieht, da Rom letztlich den Neubesetzungen
an der Theologischen Fakultät zustimmen muß.
Trotz dieser offener Kritik an Rom ließ sich Bischof
Heinz Josef Algermissen unterdessen in Rom selbst „als Hirte aus der Diözese des heiligen Bonifatius“
besonders willkommen heißen.
In der Jesuitenkirche Sant’ Ignazio in Rom weihte der Fuldaer Oberhirte
vor wenigen Tagen Alumnen des von den Jesuiten geführten Päpstlichen Kolleges Germanicum-Hungaricum
zu Priestern und Diakonen.
Unter den Neupriestern befand sich mit Hw. Ulrich Pasenow aus Amöneburg-Roßdorf,
ein Theologe aus dem Bistum Fulda.
Zu Beginn des Gottesdienstes hieß der Rektor des Germanicums, Pater
Franz Meures SJ, Bischof Algermissen als Hirten aus der Diözese des heiligen Bonifatius besonders willkommen.
Auch das gehört zu den Widersprüchlichkeiten eines Oberhirten, der nach außen Romtreue bekundet, während
nach innen nicht selten
völlig anders gehandelt und entschieden wird.
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