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Samstag, 5. Februar 2005 17:43
Die Welt ist der Film – Gott steckt hinter dem Film
Der bekannte deutsche Philosoph Robert Spaemann schrieb für die deutsche Tageszeitung „Die Welt“ seine Version des Höhlengleichnisses, das ursprünglich vom griechischen Philosophen Plato stammt. Für Spaemann sind die Menschen wie Schauspieler in einem Film. Aber, wer projiziert das Bild auf die Leinwand?
(kreuz.net) Für die Montagausgabe der deutschen Tageszeitung „Die Welt“ schrieb der katholische Philosoph Robert Spaemann (78) einen Aufsatz über die Vernünftigkeit, an Gott zu glauben. Spaemann war Professor für Philosophie an den Universitäten von Stuttgart, Heidelberg und München.

Der emeritierte Professor beginnt seinen Artikel mit dem bekannten Höhlengleichnis des griechischen Philosophen Plato († 347).

Im Höhlengleichnis erklärt Plato, wie der Mensch die Dinge dieser Welt sieht. Er erzählt die Geschichte von Gefangenen, die in einer dunklen Höhle angekettet sind und auf einer Wand vor ihren Augen Schattenspiele verfolgen können, die von hinten einfallen. Die Höhle ist ein Symbol für die Welt. Die Gefangenen sind die Menschen. Spaemann dazu: „Ein Höhlenkino“.

Hinter dem Rücken der angeketteten Gefangenen bewegen sich Figuren, von denen die Gefangenen nur die Schatten sehen können, die vor ihren Augen auf die Wand geworfen werden. Die Angeketteten mit ihrem starr nach vorne gerichteten Blick sind auch nicht in der Lage, sich selbst oder einander wahrzunehmen.

Darum halten sie die Schattenwelt vor ihren Augen für die Wirklichkeit. Über diese Wirklichkeit stellen sie Spekulationen an. Immerhin vermuten sie, daß außerhalb der Höhle noch eine andere Welt existiere.

Es geht sogar das Gerücht um, daß einzelne Menschen aus der Höhle in die Freiheit gelangt seien. Die Sonne habe sie aber so geblendet, daß sie nichts gesehen hätten. Es brauche nämlich viel Geduld, bis sich das Auge angepaßt habe.

Deshalb, so schließt Spaemann seine Nacherzählung des Höhlengleichnisses, „würden sich die Höhlenbewohner mit Händen und Füßen sträuben, sollte einer von draußen kommen, um sie zu befreien“.

In seinem jüngsten Artikel schreibt Spaemann dieses Höhlengleichnis um. Die Sonne, welche die Schattenbilder erzeugt, sei für Plato ein Bild für das höchste Gute. Die Kirchenväter erblickten im „höchsten Gut“ der platonischen Philosophie den christlichen Gott. Plato sagt es ganz ähnlich, wenn er meint, daß das Gute die Ursache für die Wirklichkeit der Dinge sei.

In der Spaemann’schen Abwandlung des Höhlengleichnisses sind die Menschen nicht angekettete Zuschauer in einem Schattenkino, sondern handelnde Schauspieler in einem Film.

Unsere Wirklichkeit sei das Ergebnis eines „Projektors“ und eines „Streifens“, der einen Film auf die Leinwand des Lebens werfe. Der Filmstreifen sei allerdings „schöpferisch“, weil er Dinge und Lebewesen zeigt, die in einem gewissen Rahmen frei sind, sich so oder anders zu bewegen.

Der Teil des Films, der schon abgelaufen ist, ist die Vergangenheit.

Darin gehe es um die Eltern, Großeltern und Urgroßeltern der gegenwärtigen Filmgeneration. Aufgrund unserer Beobachtungen innerhalb des Films könnten wir auch großangelegte physikalische Theorien über die Vergangenheit der Welt entwickeln.

Wir können in der Handlung des Films zurückgehen soweit wir wollen: Der Projektor selbst und der Filmstreifen, welche die Ursache des Filmes sind, werden im Film natürlich niemals auftauchen. Selbst ein möglicher Urknall könnte nach Spaemann nicht als „Projektor“ des Films gelten, sondern wäre ein Teil des Filmes. Das gelte nicht nur für einen möglichen Urknall, sondern auch für das, was vor einem solchen gewesen sein könnte.

Den Filmprojektor kann man nicht innerhalb der Kette der Ursachen, die im Film dargestellt werden, finden. Er ist weder der erste Anfang der Kette, noch überhaupt ein Teil des Films. Der Projektor ist vielmehr „Grund und Ursache der ganzen Kette und jedes einzelnen ihrer Glieder.“

„Was ich hier beschreibe“, kommentiert Spaemann, „ist ein Bild dessen, was das Wort ‘Schöpfung’ bedeutet. Es bedeutet nicht ein Anfangsereignis innerhalb der irdischen Wirklichkeit, ein Ereignis, auf das wir vielleicht irgendwann bei unseren Forschungen stoßen werden. Es bedeutet vielmehr, daß der ganze Weltprozeß und jedes kleinste Ereignis in ihm seinen wahren Grund in einem außerhalb dieses Prozesses liegenden schöpferischen Willen hat.“

Das dem so sei, werde in dieser Welt schon lange erzählt: „Es sagt ein altes Gerücht, das Gerücht von Gott.“

Spaemann bemerkt, daß die Menschen nie so sehr auf die „innerfilmische“, also die innerweltliche Wirklichkeit beschränkt waren, als daß sie darüber dieses Gerücht ganz vergessen hätten.

Die moderne Wissenschaft scheine freilich ohne das Gerücht von Gott auszukommen. „Das hängt einerseits mit der raschen Erweiterung des Bereichs des Machbaren zusammen, der uns das rauschhafte und irrige Gefühl der Unendlichkeit gibt“, erklärt Spaemann, „andererseits mit der exponentiell wachsenden Geschwindigkeit der Veränderung unserer Lebensverhältnisse.“ Dies lenke unsere Aufmerksamkeit auf die immer neue Anpassung an die diesseitige Wirklichkeit. Die Frage nach dem Grund und Sinn des Ganzen, der Welt außerhalb der Platon’schen Höhle bliebe unberücksichtigt.

In der sogenannten wissenschaftlichen Forschung versucht man zu verstehen, indem man erklärt, wie es möglicherweise entstanden ist. Als ob der Mensch durch seine Vorfahren oder der Schmerz durch die dahinterliegenden biologischen Funktionen verstanden werden könnten.

Der wissenschaftliche Fortschritt punkte mit einem Verblüffungseffekt. Er übe die Faszination aus, daß die Wissenschaft schließlich einmal alles erklären wird. Dabei sei dieser Gedanke ebenso absurd, wie wenn man in einem Film darauf wartete, daß sich der Film selbst erklärt und damit den Projektor überflüssig macht.

Spaemann folgert, daß man nicht zwischen einer wissenschaftlichen Erklärbarkeit der Welt und dem Gottesglauben wählen könne. Alternativ zum Gottesglauben biete sich nur der Verzicht auf ein Verstehen der Welt, das heißt, die Resignation der Vernunft. Die Alternative zu Gott sei das blinde Starren auf die Höhlenwand des Plato, die das Gerücht von einer anderen Welt ignoriert, um nicht von den Strahlen der Sonne geblendet zu werden.
1 Lesermeinung:
Sonntag, 6. Februar 2005 06:33
Für manche ist Gott ja nur eine Verschwörungstheorie („da muss doch einer sein, der insgeheim die Fäden zieht…“), aber wenn man sich mit Herz und Seele darauf einlässt, findet man tatsächlich immer mehr Bestätigungen für diese Schimäre „Gott“, probiert es aus!
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