09:49:58 | Montag, 19. November 2007
„Die Menschen haben ein unvermeidliches Bedürfnis nach Orthodoxie und Inquisition.“ Der Autor Manfred Lütz über die Kirche von gestern und die Leute von heute.
(kreuz.net) Der radikale Atheist
Richard Dawkins argumentiert gegen einen amerikanischen Fundamentalismus,
„den es bei uns nicht mal im Zoo gibt“ und verkörpere dabei selber „das irritierende Phänomen eines
fundamentalistischen Atheismus“.
Das erklärte der Arzt und Autor Manfred Lütz am 16. November in einem
Interview mit der Wiener Tageszeitung ‘Die Presse’.
Lütz hat zahlreiche zum Teil humoristische Bücher
über spirituelle Themen verfaßt. Er ist promovierter Theologe und Psychotherapeut. Im Hauptberuf arbeitet
er als Chefarzt des Kölner Alexianer-Krankenhauses.
Er stellt fest, daß in den Büchern von Dawkins
jeder Gegner entweder lächerlich, böswillig oder geistesgestört ist. Auf den 570 Seiten seines letzten
Buches kenne Dawkins eigentlich nur ein Argument:
„Gott hält sich nicht an die Evolutionstheorie, denn
nach ihr kann ein so komplexes Phänomen wie Gott erst am Ende einer Entwicklung stehen, aber nicht an
ihrem Anfang.“
Lütz glaubt, daß das Interesse an Gott in Deutschland wieder zunimmt.
Selbst der unreligiöse
deutsche Philosoph Jürgen Habermas, habe darauf hingewiesen, daß die Menschenwürde nur mit dem Begriff
der Gottebenbildlichkeit fundiert werden könne.
Die Gottesfrage werde heute sogar von außen an die
Kirchen herangetragen:
Gregor Gysi, der Chef der deutschen Ex-Kommunisten, habe sich als Atheist bekannt,
der vor vor einer gottlosen Gesellschaft Angst habe.
Einer solchen Gesellschaft könnte die Solidarität
abhandenkommen. Die Linke sei für die Wertefrage auf Jahrzehnte diskreditiert.
Nach Lütz ist die funktionalistische
Beschreibung Gottes – wie sie Gysi vornimmt – „gewiß nicht vollständig“ – aber auch nicht ganz falsch.
Antikirchliches Aufflackern führt Lütz darauf zurück, daß der vaterlosen Gesellschaft die Protestobjekte
abhandengekommen sind:
„Die Österreicher haben schon lange keinen Kaiser mehr, und auch gegen Politiker
kann man nicht mehr demonstrieren, weil die bisweilen dazu neigen, sich nach der Lektüre einiger Umfrageergebnisse
der Demonstration gegen sich selber anzuschließen.“
Da biete sich die Katholische Kirche als Protestobjekt
an, „weil sich in 2000 Jahren genügend wirkliches oder vermeintliches Protestmaterial angesammelt hat.“
Protest gegen eine Institution, die von Männern geleitet wird und an deren Spitze ein „Heiliger Vater“
stehe: „Das läßt einem Psychoanalytiker doch das Wasser im Munde zusammenlaufen.“
Auch die gesellschaftliche
Fixierung auf die „Kirche-und-Sex-Themen“, die gerade der katholischen Tradition ziemlich fremd seien,
hat aus Sicht von Lütz mit „dieser geradezu pubertären Vaterprojektion“ zu tun.
Doch damit verpasse
man das Wesentliche und verschüttet die Schätze christlicher Spiritualität.
Kirchenintern sieht Lütz
in der Kirche ein Sprachproblem – „das Problem, in einer ganz normalen Sprache über Gott zu reden“.
„Das klingt immer gleich so feierlich und pathetisch, daß man den Eindruck hat, da ist jemand gestorben.“
Den sich gegenwärtig in Europa mit antikirchlicher Spitze bildenden Wertkanon sieht Lütz halbironisch:
„Die Menschen haben offensichtlich ein unvermeidliches Bedürfnis nach Orthodoxie und Inquisition.“
Die
political correctness sei die neue Orthodoxie, und die Inquisition sei die öffentliche Meinung, „die
über Sie herfällt, wenn Sie nur ein falsches Wort verwenden.“
Jetzt sei ein respektvoller existenzieller
Dialog gefragt.
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Airbag 11:11:04 | Dienstag, 20. November 2007
#26
HomCat 13:32:26 | Montag, 19. November 2007
#25
Ansgar 13:25:08 | Montag, 19. November 2007
#23
Kurt K. 13:19:14 | Montag, 19. November 2007
#14
HomCat 12:02:31 | Montag, 19. November 2007
#13
Peter-Pan 11:59:26 | Montag, 19. November 2007
#10
HomCat 11:39:00 | Montag, 19. November 2007
#3
BJL 10:34:07 | Montag, 19. November 2007