1677 machte ihn der österreichische Kaiser Leopold I. zu seinem Hofprediger. Er war Kanzelredner und Volksschriftsteller und gilt als der sprachgewaltigste katholische Prediger des 17. Jahrhunderts: „Es gibt so verdorbene Männer, daß sie dem Ehebruch frönen, obwohl sie schöne Weiber zu Hause haben, bei denen wir gerne die Stelle dieser Wollüstlingen verträten.“ Geschichten zur Fastnacht von und nach Abraham a Santa Clara.
Thor in Ewigkeit?
Einmal richtete Johann Ulrich Megerle, besser bekannt unter seinem Ordensnamen Abraham
a Santa Clara, sein Kanzelwort an die Fastnachts-Narren: „Der erste Larventräger, der erste vermummte
Narr, ist ohne allen Zweifel der leidige Teufel, welcher unter der Gestalt der listigen und falschen Schlange
unsere erste Mutter Eva und also all ihre Kinder in das ewige Verderben geführt hat.“ In Reimform fuhr
er fort:
„Ihr Fastnachts-Narren groß und klein, Ihr seyd ja mit Verstand geboren, macht Euch doch selbsten
nicht zu Thoren. Wer hier verscherzt die Gnaden-Zeit, lebt nur in Wollust, Schmerz und Freud, der bleibt
ein Thor in Ewigkeit.“
Aufschneider unter sich
Ein Angeber prahlte einmal in einer fröhlichen Runde.
„Ich war schon in allen vier Teilen der Welt.“
„Dann hast du bestimmt viel Abenteuerliches und Seltsames
erlebt?“
„Und ob“, erwiderte der Weitgereiste, „In Südamerika zum Beispiel habe ich mich nicht genug
wundern können über die riesengroßen Krautstauden auf den Feldern. Manche waren so prächtig gewachsen,
daß leicht hundert Menschen darunter stehen konnten.“
Die Zuhörer staunten nicht wenig, und eine Weile
war es ganz still. Dann sagte einer: „Ich bin auch weit herumgekommen in der Welt und habe in Persien
etwas Außergewöhnliches gesehen.“ Sein Tischnachbar munterte ihn auf, zu erzählen.
„Da war ein Kessel“,
begann der Mann, „an dem arbeiteten dreihundert Kupferschmiede zu gleicher Zeit. Die standen so weit voneinander
entfernt, daß einer den anderen nicht klopfen hörte.“ „Donnerwetter“, rief der erste Erzähler, „wozu
hat man denn diesen Riesenkessel gebraucht?“
Der andere antwortete: „Damit man die Krautstauden drinnen
kochen kann, die du in Südamerika gesehen hast.
Wenn man vom Teufel spricht…
Bei einer Predigt verkündete
Abraham a Santa Clara in aller Öffentlichkeit, daß die Damen der Wiener Gesellschaft es nicht wert seien,
vom Teufel geholt zu werden. Die vornehme Gesellschaft ließ das nicht auf sich sitzen und strengte vergrämt
einen Prozeß an. Der Hofprediger wurde dazu verurteilt, den Spruch zurückzunehmen. Bei der nächsten
Gelegenheit stieg Abraham auf die Kanzel und verkündete: „Ich behaupte nunmehr das Gegenteil: Die Damen
der Wiener Gesellschaft sind es wert, vom Teufel geholt zu werden.“
Eine schlagfertige Antwort
Ein Bote
ging einmal mit seinem Spieß durch ein Dorf, allwo ihn ein bissiger Hund angefallen. Der Bote aber wehrete
sich tapfer mit dem Spieß, also zwar, daß der Hund auf dem Platz liegengeblieben. Der Herr dieses Hundes
wollte in alleweg bezahlt haben, schlug ihn auch in hohen Preis an wegen seiner bekannten Treu und Wachtsamkeit.
Der Bote entschuldiget sich. Es wäre aus keinem Vorsatz geschehen, sondern er habe seinen Leib müssen
schützen. Darüber kamen sie vor den Richter, welcher zu dem Boten als Beklagten gesaget: „Du hättest
fein den Spieß sollen umwenden und nicht die Spitz vorhalten.“ „Ja“, sprach der Bote, „wann mir der Hund
den Schweif und nicht die Zähne gewiesen hätte.“ Der Richter mußte hierüber lachen, und der Bote wurde
ohne Entgelt ledig gesprochen.
Im Kreis gerudert
Abraham a Santa Clara sprach einmal über das Thema
„Bete und arbeite!“ Einige Tage später kam ein junger Mann zu ihm und erklärte: „Ich kam bei ihren Ausführungen
nicht ganz mit. Können Sie mir die Richtigkeit Ihrer Behauptungen beweisen?“ Statt einer langen Erklärung
führte ihn der Hofprediger an einen kleinen See, bestieg mit ihm einen Kahn und ruderte los. Nach einer
Weile, Abraham a Santa Clara hatte immer noch nichts gesagt, rief der junge Mann: „Wir bewegen uns ja
dauernd im Kreise. Sie müssen nicht mit einem, sondern mit zwei Riemen rudern, wenn wir vorankommen wollen!“
„Du hast recht“ schmunzelte der Gelehrte, „sieh, das rechte Ruder heißt Arbeiten, das linke Beten. Wer
das nicht kapiert, kommt niemals vom Fleck.“
Über den Ehebruch
Es gibt so verdorbene Männer, daß
sie diesem Laster frönen, obwohl sie schöne Weiber zu Hause haben, bei denen wir gerne die Stelle dieser
Wollüstlingen verträten.
Der Roßschweif an der Krippe
Ein Landfahrer und Leutebetrüger ist einmal
auf Landshut, so eine Stadt in Bayern, ankommen. Daselbst hat er austrommlen und ausrufen lassen, daß
es bei ihm eine Wundersach zu sehen gebe. Er habe ein Pferd, welches den Kopf hat, wo andere Roß den
Schweif. Wer solches schauen will, der muß einen Groschen geben. Die Leute, so mehrerteils dem Vorwitz
ergeben, sind in großer Menge zugeloffen. Nachdem nun alle bezahlet, da hat er den Stall eröffnet. Ein
jeder wollte fast der erste darin sein. Es wurden aber alle diesfalls ziemlich betrogen, maßen er das
Pferd im Stall umgekehret und mit dem Schweif am Roßbahrn oder Krippen gebunden. „Da schauet“, sagt er,
„andere Pferde haben den Kopf an diesem Ort, mein Roß aber den Schweif“, welches dann nicht ohne Gelächter
abgeloffen. Die Leute und gewinnsichtige Menschen erdenken allerlei Ränke und Betrug, wie sie nur mögen
Geld bekommen. Sie erwägen dessenthalben nicht weder Gottes Gebot noch der Menschen. Das Geld sollte
eigentlich genennet werden Vestra Dominatio, Eure Herrlichkeit, maßen es über die mehreste Menschen
herrschet.
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