11:27:18 | Dienstag, 15. Januar 2008
„Mit dem ‘Netzwerk Katholischer Priester’ zu kontaktieren, ist karrieregefährdend.“ Ein Landpfarrer und Gründer der Vereinigung über den harten Alltag eines deutschen Gemeindepfarrers.
(kreuz.net) Die Gründung des ‘Netzwerkes Katholischer Priester’ war für ihn persönlich „Rettung in
letzter Sekunde“.
Das erklärte Pfarrer Hendrick Jolie (45) am 5. Januar vor der Webseite ‘katholisches’.
Der Geistliche ist seit 1992 Priester des Bistums Mainz und seit zehn Jahren Pfarrer von vier kleinen
Diasporagemeinden im vorderen Odenwald in der Nähe von Darmstadt.
„Nicht wenige Pfarrer haben hier leider
längst resigniert“ – erklärt Hw. Jolie angesichts der trostlosen pastoralen Situation: Diese Priester
seien in Ordensgemeinschaften eingetreten oder hätten sich in die Sonderseelsorge oder in die „neuen
geistlichen Bewegungen“ geflüchtet.
Manche würden sich anpassen und ihr Gehalt als eine Art „Schmerzensgeld“
empfinden.
Doch das ‘Netzwerk Katholischer Priester’ will die Gemeindeseelsorge den altliberalen Kräften
nicht kampflos überlassen.
Ein ReformpapstPfarrer Jolie empfand nach der Wahl von Papst Benedikt XVI.
fast eine gewisse Schadenfreude – „wenn das nicht eine unchristliche Haltung wäre“.
Der Geistliche erinnert
daran, daß deutsche Intelligenzblätter während des Konklaves unablässig titelten: „Deutsche wollen
einen Reformpapst“.
Hw. Jolies Kommentar: „Nun haben sie einen Reformpapst bekommen – einen, der beispielsweise
den neuen Meßritus reformieren will auf dem Hintergrund der überlieferten Messe.“
„Man könnte hier
schon sagen: Der Liebe Gott hat Humor.“
Gleichzeit erkennt der Geistliche, daß die Lage vor Ort viel
zu verfahren ist, als daß eine Triumphpose angemessen wäre.
In dem Interview kommt Hw. Jolie auch auf
die Arbeit des ‘Netzwerkes Katholischer Priester’ zu sprechen.
Dieses trifft sich in regionalen Gruppen,
um dem Einzelnen bei praktischen Fragen beizustehen.
Es gibt auch eine Art Materialbörse für die pastorale
Praxis: „Wir organisieren theologische und liturgische Fortbildungen in Zusammenarbeit mit anderen Priesterkreisen,
außerdem Exerzitien und Wallfahrten.“
Am wichtigsten ist der mitbrüderliche Austausch und die Bereitschaft,
füreinander einzustehen: „Hier bieten wir Beratung an – auch im rechtlichen Sinne.“
Diese Arbeit geschieht
diskret und hinter den Kulissen: „Aber sie ist unser eigentliches Feld.“
„Ich verschweige auch nicht,
daß wir mit den verschiedensten Klerikern, Organisationen und Initiativen vernetzt sind.“
„Der Austausch
von Informationen ist in unserer Gesellschaft ein zentrales Element.“
Die meisten Priester des ‘Netzwerkes’
sind – so Hw. Jolie – überraschend jung, kommunikativ und aufgeschlossen – „insbesondere auch was moderne
Medien wie zum Beispiel das Internet angeht“.
Seminaristen sind in ihrem Umgang mit dem ‘Priesternetzwerk’
nach Angaben von Pfarrer Jolie in der Regel vorsichtig.
In vielen Seminarien herrsche noch der Geist
der 68er: „Ich weiß aus zuverlässiger Quelle, daß in Kreisen von Jungpriestern die Parole ausgegeben
wurde: »Mit dem Netzwerk zu kontaktieren, ist karrieregefährdend«.“
Deswegen kann Hw. Jolie gut verstehen,
daß Seminaristen und Kapläne zum ‘Netzwerk’ eher auf Distanz bleiben: „Viele wollen sich erst einmal
im Bistum etablieren, bevor sie explizit Farbe bekennen.“
„Aber unser Newsletter, den wir regelmäßig
versenden, wird von den unterschiedlichsten Leuten abonniert, da können Sie sicher sein.“
Vorbehaltloser
und ideologiefreierHw. Jolie glaubt, daß jüngere Menschen mit dem Alten Ritus und den traditionellen
Formen des katholischen Glaubens vorbehaltloser und ideologiefreier umgehen:
„Sie wissen nicht, daß
man die vorkonziliare Kirche als »böse« einzuordnen hat.“
Allerdings werde diese Tatsache in ihren
Auswirkungen auf die konkrete Pastoral überschätzt.
Das liegt nach Hw. Jolie daran, daß neokonservative
Veranstaltungen von den neuen Geistlichen Bewegungen geprägt sind, die leicht 50 bis 100 junge Leute
auf die Bühne bringen:
„So entsteht der Eindruck, die katholische Kirche fände bei der Jugend und bei
jungen Erwachsenen enthusiastische Zustimmung.“
Doch in Wahrheit ist das Werk der Zerstörung, das die
68er Generation im Raum der Kirche angerichtet hat, zu tiefgreifend, als daß schnelle Veränderungen
erwartet werden könnten – so Hw. Jolie:
„In den meisten Pfarreien gibt es – vorsichtig gesagt – zur
Zeit keinen Überschuß an jungen Leuten.“
An dieser Stelle bedauert der Geistliche, daß in der gegenwärtigen
Diskussion über die kirchliche Entwicklung kaum einfache Gemeindeseelsorger zu Wort kommen.
Die Diskussion
werde von Priestern geistlicher Gemeinschaften oder Universitätsprofessoren geführt, „die in der Regel
nicht wissen, wie das Lebensgefühl eines Landpfarrers mit seinen drei, vier oder fünf Gemeinden ist“.
Das Heer der begeisterten Weltjugendtags-Jugendlichen existiere im Gemeindealltag kaum.
Weltjugentag
2005 in Köln

© Elke Wetzig, GNU-Lizenz

© Wiki-Benützer ‘GinaDana’, GNU-Lizenz
Für Pfarrer Jolie sind die geistlichen Bewegungen eher ein Symptom
der kirchlichen Krise als deren Heilmittel:
„Es ist psychologisch gut nachvollziehbar, daß sich Jugendliche
und auch entsprechend gesinnte Priester lieber in einem geistlich ansprechenden, religiös und kirchlich
entschiedenen Klima tummeln als in den extrem verbürgerlichten Niederungen einer normalen Pfarrgemeinde.“
Doch die Krise der Ortsgemeinde werde hierdurch eher noch verschärft.
Auch durch die Wahl Benedikts
XVI. sei die Kirchenkrise nicht überwunden, im Gegenteil:
„Unter der Oberfläche einer herbeigeredeten
»Wiederkehr der Religion« setzen bestimmte Kräfte ihr Zerstörungswerk fort.“
„Wir können die Verantwortlichen
nur anflehen, daß sie sich nicht in trügerischer Sicherheit wiegen, sondern daß sie umkehren und alles
in ihrer Macht Stehende tun, um das Priestertum zu erneuern.“
„Denn ohne eine solche Erneuerung kann
es keine Erneuerung der Kirche geben.“
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