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Mittwoch, 20. Februar 2008 12:44
Alles nur Melancholie
Die Gregorianik ist Jahrhunderte vor der Alten Messe entstanden und hat sich stets mit der „jeweils aktuellen“ Meßform verbunden. Ein Kommentar.
Die Alte Messe lockt die Jugend zurück in die Kirche.
Die Alte Messe lockt die Jugend zurück in die Kirche.
(kreuz.net) Am 22. Januar publizierte der Schweizer Jesuitenpater Franz Xaver Hiestand (45) im antikirchlichen Zürcher Lokalblatt ‘Tages-Anzeiger’ einen Artikel gegen die Alte Messe und die ihr verbundenen Gläubigen.

Pater Hiestand ist Studentenseelsorger an der im Jahr 2000 gegründeten Universität Luzern in der Zentralschweiz.

Sein Artikel trägt den Titel: „Der alte Sound und seine melancholischen Verehrer“.

Nach Angaben des Paters wurde die Freigabe der Alte Messe vor allem von „Männern“ aus zwei Richtungen begrüßt, „einige Ästheten und etliche Katholiken rechtsaußen“.

Für die „Ästheten“ ist die Alte Messe nach Pater Hiestand einfach die letzte Mode.

Die modernen Jesuiten sind graphisch nicht von gestern, sondern von vorgestern.
Die modernen Jesuiten sind graphisch nicht von gestern, sondern von vorgestern.
Sie würden über liturgischen Wort-Durchfall und glanzlose Menschenschlangen vor dem Kommunion-Empfang klagen und die kathartische Wirkung der alten Liturgie beschwören.

Der Jesuit vermutet, daß diese Leute weniger von der Liturgie als vom gregorianischen Choral in Bann geschlagen werden: „Doch die Gregorianik läßt sich leicht mit Gottesdiensten in der jeweiligen Landessprache verknüpfen“ – beschwichtigt er.

Dann behauptet er, daß die Gregorianik „Jahrhunderte vor der Alten Messe entstanden“ sei und sich stets mit der „jeweils aktuellen Meßform“ verbunden habe.

Der Gipfelpunkt seiner Aussage: „In vielem steht die Meßform aus jener Zeit, in welcher die Gregorianik entstand, der Neuen Messe sogar näher als der Alten Messe.“

Man fragt sich, warum die Gregorianik – wenn dem wirklich so wäre – in der Neuen Messe so stiefmütterlich behandelt wird.

Von der zweiten Gruppen Altgläubiger, glaubt der Jesuit, daß sie nicht nur die angeblich „erneuerte Liturgie“, sondern das „ganze Zweite Vatikanum“ entsorgen wolle:

„Daß Katholiken und Reformierte aufeinander zugehen, Religionsfreiheit gilt und getaufte Laien mitreden können, halten sie für Schöpfungen des Teufels“ – formuliert er nuanciert:

„Sanft beten sie, daß Juden sich bekehren, und aggressiv fordern sie, daß die Kirche an der Spitze monarchisch und an der Basis priesterzentriert bleibt.“

Wofür sollten sie denn beten? Vielleicht für einen zweiten Papst oder für eine (noch) schwächere Rolle des Priesters?

Dann folgt ein Abschnitt, den Pater Hiestand mit „Neues Verständnis“ überschreibt.

Darin erklärt er, daß die „Gestaltung eines Gottesdienstes“ angeblich „vom jeweiligen Glaubensbewußtsein“ abhänge.

Der Haken dabei: Ein „Glaubensbewußtsein“ zu bestimmen, ist keine einfache Sache. Daraus liturgische Folgerungen zu ziehen, ist noch schwieriger. Aber an Details hält sich der Jesuit nicht auf.

Statt dessen informiert er, daß das „Konzil“ die Alte Messe „vor vierzig Jahren“ erneuert habe.

Das habe „gewichtige Gründe“ gehabt: Gewisse Texte und Formen jener Messe seien „in überholten Vorstellungen“ gefangen gewesen.

Von wem überholt? Der Pater antwortet:

Im Zuge von Neuzeit und Aufklärung habe sich das Glaubensverständnis verändert, nicht zuletzt durch natur-, geistes- und kulturwissenschaftliche Forschungsergebnisse, historisch-kritische Methoden und religionswissenschaftliche Vergleiche.

Der Pater hätte auch hinzufügen müssen, daß die erwähnten Forschungsergebnisse und Methoden inzwischen selber überholt sind.

Wer sich auf die Überholspur des Zeitgeistes begibt, liegt bekanntlich schon bald im Straßengraben.

Der von ihm hochgelobten Liturgiereform attestiert der Jesuit, daß sie den oben herbeigeredeten „Entwicklungen“ Rechnung getragen habe, „um auf der Basis eines neuen Verständnisses das frühere Sühneopfer auch als Liebesopfer oder die Kommunion des Priesters auch als Mahl aller Feiernden zu erahnen.“

Man liest hier nicht zum ersten Mal, daß es die Neue Messe besonders auf Liebes- und Mahlgefühle abgesehen habe.

Aber kann man angesichts der heute üblichen sonntäglichen Kommunionabfertigungen wirklich behaupten, daß der Alte Ritus dem Neuen in Sachen liebender Inbrunst nachsteht?

Der Jesuit muß auch selber eingestehen, daß die Alte Messe – „ sogar in der Zivilgesellschaft“ – wieder auf Resonanz stößt.

Er bietet dafür eine bemerkenswert oberflächliche Erklärung: „Sicher, weil ein exotisches Schauspiel stets einen gewissen Erlebniswert garantiert.“

Schauspiel? Erlebniswert? Ausgerechnet in einer Messe, bei welcher der Priester mit dem Rücken zum Volk unverständlich gegen die Wand murmelt?

Die „Körpersprache“ der alten Liturgie erwecke vielleicht auch in einigen modernen Menschen Sehnsüchte – vermutet Pater Hiestand weiter: „Sie müssen keine körperlichen Berührungen, keine Gender-Diskussionen, keine Spontaneität fürchten.“

Ausgerechnet den Gläubigen des Alten Ritus unterstellt der Jesuit Denkfaulheit und Konfliktscheue.

Sie würden bloß sehen, wie der Priester, einem Schamanen ähnlich, in einer Sakralsprache, vornüber über die Gaben gebeugt, geheimnisumwitterte Worte murmle, „wie wenn er das Heilige vor bösen Einflüssen und unberechtigten Blicken abschirmen müßte“ – unterstellt er.

Man kann sich nur vorstellen, welche Häßlichkeiten der Jesuit von sich geben würde, wenn er den byzantinischen Ritus zu beurteilen hätte. Dort wird während der Konsekration hinter der Ikonenwand sogar noch ein Vorhang gezogen – Hokuspokus in der Potenz, nicht wahr?

Außerdem seien viele Priester, welche die Liturgiereform begeistert gefördert haben, älter geworden – analysiert der Jesuit mit seinen inzwischen ärgerlichen Schwarz-Weiß-Schemata weiter.

Diese Liturgiereformer seien „meist eher optimistisch veranlagt und von beträchtlicher Sozialkompetenz“ gewesen und hätten „als integrierende Hirten“ gewirkt – schwärmt er.

Wie diese sozialkompetenten Hirten es fertiggebracht haben, volle Kirchen zu übernehmen und leere zu hinterlassen, erklärt Pater Hiestand nicht.

Er beschimpft statt dessen die junge Priestergeneration. Diese neige von ihrer Biographie und ihrem Selbstverständnis her eher zu einem pessimistischen und melancholischen Außenseitertum.

Ob die jesuitische Jeremiade über die gegenwärtigen Zustände und seine Verherrlichung der vergangenen Konzilszeiten auch das Prädikat pessimistisch und melancholisch verdient?

Doch Selbstreflexion ist nicht Pater Hiestands Amt.

Er schwadroniert lieber von „vermeintlich ewig gültigen Elementen“ der Alten Messen und einem „aufklärungsresistenten Bollwerk“, hinter dem sich die Altgläubigen „mit ihren Getreuen verschanzen“, ähnlich wie sich „protestantische Fundamentalisten um die Bibel scharen“.

Slogans beginnen bekanntlich dort, wo man aufhört zu denken.

Latein und die alte Liturgie würden so zu Vehikeln eines Generationenkonfliktes innerhalb des Klerus – so wie sich Rocker einst in Kleidung und Musik von ihren „übermächtigen Eltern und Erziehern“ abgegrenzt hätten.

An liturgische, religiöse, gar geistliche Anliegen oder an die Frömmigkeit, die vielleicht auch hinter dem Wunsch nach der Alten Messe stecken könnten, mag der Jesuit nicht denken.

Außerhalb der Kategorien Machtkampf und Politik gibt es für ihn keine liturgische Welt.

Nachdem er den Vertreter der Alten Messe wie eine räudige Schlachtsau abgestochen hat, deren Fleisch in der Kadaversammelstelle landet, wendet er sich, wie er sich ausdrückt, den „religiös nachdenklichen Menschen“ zu, zu denen er sich offenbar selber zählt.

Diese würden wieder Orte des Sakralen, des Heiligen suchen – jenseits des Geschwätzigen. Sie hielten Ausschau nach kleinen Fluchten, Räumen zum Verweilen und wollen, gelegentlich, vor dem ganz Anderen erschauern können: „Die Alte Messe eignet sich dafür nur bedingt.“

Warum nicht?

Dazu läßt der Jesuit den Theaterkritiker der ‘Frankfurter Allgemeinen Zeitung’, Gerhard Stadelmaier, zu Wort kommen.

Dieser habe darauf hingewiesen, daß früher „hinter dem Rücken des Priesters“ genauso oft eine „gelangweilte, unergriffene, unberührte, vom Formelkram nur umspülte Gemeinde“ gesessen sei wie heute.

Was der Theaterkritiker nicht sagt und der Jesuit nicht bemerkt:

Die Gruppe von Umspülten, auf deren geistliche Bedürfnislosigkeit die neue Liturgie zugeschnitten wurde, sitzt heute in der neuen Messe und ist dabei, von dieser ganz aus der Kirche gespült zu werden.

Wer sich in unseren Tagen dagegen die Mühe macht, in die Alte Messe zu gehen, der weiß, warum er das tut.

Der breite Weg der Bequemen, Gelangweilten, Unergriffenen und Unberührten führt jedenfalls nicht dorthin, sondern in die Neue Liturgie.

Der Abschlußgedanke von Pater Hiestand ist dünn: „Ob Menschen sich verwandeln, liegt weder an der Form noch der Sprache einer Messe.“

Es ist klar, daß der Jesuit diese Schlußaussage selber nicht glaubt:

Denn wenn Sprache und Form der Liturgie wirklich bedeutungslos wären, hätte er sich seine Polemik gegen den Alten Ritus sparen können.
Alle Lesermeinungen anzeigen 6 von 15 Lesermeinungen:
Donnerstag, 21. Februar 2008 16:38
Guiseppe: Alte Messe und 2. Vatikanum
Nicht die Neue Messe, sondern die Alte Messe ist die Messe des 2. Vatikanischen Konzils.
Donnerstag, 21. Februar 2008 13:46
RRR: @ Alois Bischof
1. Es handelt sich um eine Enzyklika, nicht um unfehlbare Lehre der Kirche.

2. Niemand behauptet ARGLISTIG, dass die Messe NICHT NUR Opfer sei. Sondern diese Aussage wird getroffen, um damit den KATHOLISCHEN GLAUBEN PRÄZISE auszulegen. Das ist alles, nur keine ARGLIST.

3. Auch eine Enzyklika kann es nicht besser wissen als die Heilige Schrift, die die Eucharistie als „Herrenmahl“ bezeichnet.
Donnerstag, 21. Februar 2008 13:33
von Spee: Im freien Durchfall
P.Hiestand: „Sie würden über liturgischen Wort-Durchfall und glanzlose Menschenschlangen…“ Ergo: P. Hiestand und die Gesellschaft Jesu im „Freien Durchfall“?
Donnerstag, 21. Februar 2008 10:08
Alois Bischof: Mediator Dei, Papst Pius XII., 1947, par. 302
Es weicht also vom Weg der Wahrheit ab, wer das heilige Opfer nur feiern will, wenn das christliche Volk zum Tische des Herrn hinzutritt; noch mehr ist im Irrtum, wer um es als unbedingte Notwendigkeit hinzustellen, daß die Gläubigen zusammen mit dem Priester das eucharistische Mahl empfangen – arglistig behauptet, es handle sich hier nicht nur um ein Opfer, sondern zugleich um ein Opfer und ein Mahl der brüderlichen Gemeinschaft, und es sei die gemeinschaftlich empfangene Kommunion sozusagen der Höhepunkt der ganzen Opferfeier.
Donnerstag, 21. Februar 2008 00:50
Benedikt: @ kath.sachs
Ich wiederhole: Es ist der Einsetzungsbericht und der von Ihnen daraus gezogene Rückschluss ist nicht logisch. Ihre Katechese war wohl fehlerhaft, jedenfalls ist es äußerst verkürzt, was Sie hier zur Messe bringen.
Donnerstag, 21. Februar 2008 00:19
kath.Sachs †: @benedikt
„Das sind Worte aus dem Einsetzungsbericht. Es handelt sich weder um eine Aufforderung noch um eine Beschreibung der Messe.“

… und was im Einsetzungsbericht steht, das gilt für die Messe natürlich nicht? Hier erübrigt sich jede weiter Diskussion. Gehen Sie bitte erst in eine Katechese, bevor Sie sich hier weiter äußern. Bitte!!!!
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