14:50:32 | Mittwoch, 5. März 2008
Die Alte Messe in Freiburg hat ihre Vorgeschichten. Eine davon ist Prälat Georg Gänswein. Außerdem kostet eine Ministrantenprobe 15 Euro. Von Eva-Maria Storch.
(kreuz.net, Freiburg) Jahrelang wiesen deutsche Ordinariate dem gläubigen Priesternachwuchs die Tür.
Sie besetzten statt dessen die kirchlichen Posten mit Leuten, welche die Kirche bekämpfen.
Nun muckten
in Freiburg diese Mietlinge auf. Der Pfarrer der Adelhauser-Kirche, in der seit dem Januar die Alte Messe
gelesen wird, tat die altgläubigen Gottesdienstbesucher als „Nostalgiker“ ab. In der Sakristei führt
seine Haushälterin das Kommando und der Mesner gab brüllend Unflätigkeiten von sich. Sie alle wären
lieber zu Hause bei Bratwurst und Sauerkraut geblieben als bei der überlieferten Liturgie.
Zum Glück
hat Gott Humor. Als 1994 ein frisch promovierter Kirchenrechtler von Erzbischof Oskar Saier nach Freiburg
beordert wurde, konnte dieser mit den Ministressen beim Abendgottesdienst herzlich wenig anfangen und
beschloß, künftig die Heilige Messe an einem Seitenaltar im Kapellenkranz des Umgangchors zu lesen,
der im auslaufenden Mittelalter nach französischem Vorbild hinter dem Hochaltar errichtet worden war.
Rasch sprach sich herum, daß dort ein frommer Priester im Alter von 38 Jahren täglich um 7.00 Uhr den
Novus Ordo auf Latein feiert. In der Folge traten zur Frühmesse der Domherren kaum noch mehr Personen
hinzu als die Konzelebranten.
Auch in anderen Belangen erwies sich der junge Kleriker als dermaßen reaktionär,
daß ihn das Ordinariat bereits 1995 nach Rom wegkomplimentierte. Dort wurde er schließlich Privatsekretär
von Kardinal Joseph Ratzinger. War der Sekretär dem damaligen Erzbischof von Freiburg nicht recht, so
ist er dem heutigen Papst nur billig. Vorerst war man Hw. Georg Gänswein los.
Als der damalige Freiburger
Erzbischof Saier kurz nach der Millenniumswende an einen Rücktritt dachte, polemisierte die Lokalpresse
was das Papier hergab, damit der „Kettenhund“ des „Panzerkardinals“ auf keinen Fall dessen Nachfolger
würde.
Ein Akt der „Divina Commedia“ folgt dem anderen. Der Mensch spinnt seine Intrigen und Gott lächelt.
Dieses Spiel ist so universal, daß wir es auch im Freiburger Mikrokosmos wiederfinden.
Bis zum heutigen
Tag hält der nach Angaben der ‘Frankfurter Allgemeinen Zeitung’ schönste Mann im Vatikan seine Kontakte
nach Südbaden. Was ihm in der Heimat nicht vergönnt war, darf er nun aus der Ferne beobachten: Freiburg
hat seine lateinische Liturgie – obendrein noch in der klassischen Form.
Als am 6. Januar 2007 in der
Adelhauser-Kirche die erste Alte Messe gefeiert wurde, ließ Monsignore Gänswein seinem alten Religionslehrer
tags zuvor herzliche Grüße an den Zelebranten ausrichten. So hat jede Geschichte eine Vorgeschichte.
Aber meistens gibt es derer gleich mehrere.
Revolution und Gegenrevolution
Freiburg ist die südlichste Großstadt Deutschlands. Martin Heidegger, Karl Rahner und Karl Lehmann
wirkten hier.
Die Gegend ist geprägt vom badisch-revolutionären Geist: Friedrich Hecker rief in dieser
Region 1848 die erste Deutsche Republik aus, nämlich in Konstanz – wo Jahre zuvor Freiherr von Wessenberg
als letzter Generalvikar der alten Diözese gegen den Papst opponierte.
Im Südwesten Deutschlands existieren
seit ihren Anfängen sogenannte altkatholische Gemeinden. Heute wird Freiburg von einem grünen Oberbürgermeister
regiert und gilt als Hauptstadt der Esoterik.
Freiburg hat aber auch eine andere Seite. An der hiesigen
Universität lehrten Erasmus von Rotterdam, Remigius Bäumer, Walter Hoeres, Alma von Stockhausen und
Joseph Schumacher. Hier waren Nikolaus Gihr, Edith Stein, Reinhold Schneider, Romano Guardini und Karl
Leisner zu Hause.
Modernismus und Tradition prallen in dieser Stadt aufeinander. Mitte der 90er Jahre
organisierten einige Studenten in katholischen Altersheimen, Wohnstiften und Kapellen in und um Freiburg
Messen im Alten Ritus. Die Priester fuhren für eine einzige Feier oft Hunderte von Kilometern. Es wurden
Vorträge und Einkehrtage abgehalten. Vor allem aber wurde gebetet.
Erzbischof mit zwei SeelenFreiburg
besitzt zwei Seelen. Diese wohnen auch in der Brust des amtierenden Erzbischofs, Mons. Robert Zollitsch.
Er läßt einerseits konservative Gruppen nicht im Regen stehen und läßt sich andererseits zu
Aussagen
gegen den Zölibat hinreißen.
Bei seiner Amtseinführung als Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz
lobte er seinen Vorgänger Kardinal Lehmann, obgleich dieser ihn bei der Ernennung zum Erzbischof von
Freiburg bloßstellte, indem er öffentlich verkündete, daß ihm Weihbischof Paul Friedrich Wehrle als
Metropolit lieber gewesen wäre.
Mainz bleibt Mainz – aber deins wird nicht meins: Solche Humoresken
gibt es nur in Freiburg. Eben dort wird nun die klassische Liturgie zelebriert – auf die Initiative von
Mons. Robert Zollitsch hin.
Einen Monat vor dem Termin setzte der Erzbischof eine bundesweite ‘Initiative
katholischer Priester und Laien’ von seinem Vorhaben in Kenntnis. Dieser Kreis hütete die Information
allerdings wie ein Staatsgeheimnis, kontaktierte weder die Ansprechpartner vor Ort, noch Gruppen wie ‘Pro
Missa Tridentina’ oder ‘Una Voce’. Schweigen im Schwarzwalde.
Nur per Zufall erfuhren Gläubige durch
die Notiz in einem Villinger Lokalblättchen, das achtzig Kilometer östlich von Freiburg erscheint, was
sich da Erfreuliches in der Metropole tat. Sofort brachte ‘kreuz.net’ eine Meldung. Prompt schickte ‘Pro
Missa Tridentina’ Briefe an Multiplikatoren im Südwesten der Republik, telefonierte und organisierte
Schotts und Ministrantengewänder.
Die Freiburger Presse informierte erst zwei Tage vor der ersten Feier
die Öffentlichkeit. Der Freiburger Dompfarrer Claudius Stoffel wurde mit der Prognose zitiert: Es sind
nicht die Massen, die man erwarte, vielleicht eine Handvoll alter Leute.
Symbol für die Lebenslüge
der deutschen BischöfeAm Dreikönigs-Fest quoll die Kirche über. Zwei Wochen später kamen rund dreihundert
Besucher, so daß aus Platzmangel ungefähr dreißig Personen gehen mußten – sogar im Mittelgang und
auf der Empore war kein Raum mehr. Seither ist die Adelhauser-Kirche eine Chiffre für die Lebenslüge
des deutschen Episkopats, niemand wolle die tridentinische Messe besuchen.
Unter den Gottesdienstbesuchern
sind nicht nur zahlreiche Familien und Studenten. Auch Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, Rechtsanwälte,
Lehrkräfte der Universität, Mitglieder des Domchors werden regelmäßig gesichtet – etwa der letzte
Leiter der theologischen Abteilung der Herder-Buchhandlung, als diese noch katholisch war, lange bevor
sie von der Thalia Gruppe geschluckt wurde.
Kaum eine Messe in Freiburg kann mehr Gläubige zählen als
der traditionelle Gottesdienst in der Adelhauserkirche.
Zwei der vier Zelebranten meinten sogar, eigentlich
müsse man die überlieferte Liturgie im Münster feiern. Vielleicht hätte der Erzbischof nicht einmal
etwas dagegen.
Kampfhandlungen in der SakristeiMomentan wird das Vorhaben allerdings vom Freiburger
Bobbele – so der Name einer hiesigen Narrengestalt – sabotiert. Der Bobbele steht als pars pro toto für
den provinziellen Charakter der einheimischen Bevölkerung.
Vier Zelebranten wurden vom Dompfarrer mit
der Zelebration des Alten Ritus betraut. So fühlt sich keiner zuständig, beispielsweise den dritten
Kerzenleuchter auf den Altar stellen zu lassen, das Asperges zu spenden oder einmal Weihrauch zum Einsatz
zu bringen. An Septuagesima war die Kasel grün, an Laetare violett – können solche Wirrungen im Sinne
des Erzbischofs sein?
Ehe die Gläubigen nicht selber Chorröcke mitbrachten versuchte der Mesner alles,
damit nicht mehr als zwei Ministranten dienen dürfen. Angeforderte Leuchter versteckte er sogar im Keller.
Für eine Ministrantenprobe will er 15 Euro von Jugendlichen und Studenten, die allesamt nicht erwerbstätig
sind: „Sonst ist da gleich ganz Schluß.“ Den Bock aber schoß der hauptamtliche Organist ab, der am vergangenen
Sonntag erst zur Opferung kam und bis dahin von einem der Laien ersetzt werden mußte, die sich für die
überlieferte Messe einsetzen.
Doch die eigentlichen Fäden will die Haushälterin von Pfarrer Alwin
Renker in den Händen halten. Pfarrer Renker ist Rektor der Kirche und nennt sich Professor. Eigentlich
ist er gar kein Pfarrer, denn die Adelhauserkirche gehört der städtischen Heilig-Geist-Stiftung.
Von
ihr hat Hw. Renker lediglich die Schlüssel, um jeden Sonntag seit vierzig Jahren vor leeren Bänken zu
zelebrieren. Wen wundert es da, daß eine Alte Messe, die neue Besucher und ein volles Haus beschert,
etwas Verwirrung stiftet?
Der Mesner bekommt jedenfalls sein Geld – von Hw. Renker und von den Altgläubigen.
Er hat auch seinen Auftritt – vor und nach der Messe. Zwischendrin läßt er sich den Kaffee im benachbarten
Wirtshaus schmecken.
Eine katholische Freikirche?Die Lokalpresse macht sich über die alte Liturgie
ihren eigenen Reim: „Es ist eine Zeit, in der eben nicht wenige der katholischen Kirche den Rücken kehren,
weil es ihnen selbst im normalen Gottesdienst zu wenig modern zugeht. Manche wechseln zu den protestantischen
Freikirchen über, weil sie dort klatschen und tanzen dürfen“ – reimte ein ganz schlauer Journalist.
Es stimmt, daß die Freikirchen in Freiburg regen Zulauf haben – allerdings nicht, weil sie von der lateinischen
Messe, die sie gar nicht kennen, abgeschreckt wären, sondern weil es in der katholischen Kirche kaum
noch Priester gibt, die an die Wirksamkeit von Gebeten glauben, die eine persönliche Beziehung zum Heiland
haben, welche die Erlösung durch das Blut Christi predigen oder die Existenz der Hölle für wahr halten.
Die Katholiken sind zu einer Vereinigung von Deisten verkommen, die sich sonntags in die Hände schütteln
und hoffen, daß die Sache mit Gott doch nicht ganz so ernst ist.
Die Adelhauser-Kirche in Freiburg steht
für einen möglichen Neuanfang der Kirche in Deutschland. Wollen die Bischöfe überhaupt eine Neuevangelisierung?
Trotz einem frappanten Mangel an Diözesanpriestern lassen sie lieber Wortgottesdienste feiern, statt
Priester der Petrusbruderschaft, der ‘Servi Jesu et Mariae’ oder anderer Ecclesia-Dei-Gemeinschaften um
Hilfe zu bitten.
Die Türen sind vernagelt, manche Köpfe auch. Während sich im ökologisch-korrekten
Freiburg die Energie-Plus Häuser mit der Sonne drehen, treten manche Herren im Ordinariat auf der Stelle.
Keinen Kilometer von der Adelhauserkirche liegt die römisch-katholische Kirche „Maria Schutz“, wo vier
orthodoxe Gemeinden schalten und walten können, wie sie wollen.
Hier verhindern weder hysterische Haushälterinnen
noch aggressive Mesner den Einsatz von Weihrauch.
Warum sollte nicht auch die Liturgie des Westens, wie
sie seit über 1500 gefeiert wird, ohne Schikanen in der Metropole des liberalen Südbadens zelebriert
werden dürfen?
Damit könnte Erzbischof Zollitsch sich einen besseren Namen machen, als wenn er sich
für die Lockerung des Zölibats und andere dubiose Ideen vor den Karren spannen läßt.
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