12:15:51 | Dienstag, 8. April 2008
Ist der Papst im Vatikan nicht mehr Herr der Lage? Oder wußte er nicht, wen er in der vergangenen Osternacht getauft hat? Ungewißheiten bei der ‘Frankfurter Allgemeinen Zeitung’. Ein Kommentar.
(kreuz.net) Am 7. April berichtete der Vatikanist der ‘Frankfurter Allgemeinen Zeitung’, Heinz-Joachim
Fischer (63), unter dem Titel „Was ist los im Vatikan?“ Unwahrscheinliches über die Zustände hinter
den Leoninischen Mauern.
Fischer war bis 1971 Alumne in dem von den Jesuiten geführten römischen Priesterseminar
Germanicum et Hungaricum.
Er stellt fest, daß die – öffentlichen – Aktivitäten des Staatssekretariates
gewachsen sind, seitdem Kardinal Tarcisio Bertone im September 2006 dort die Leitung übernommen hat.
Auch in Sachen Reisepolitik zeige der Staatssekretär seine „wachsende Macht“.
Kardinal Bertones Ausflüge
nach Kuba oder Armenien würden in den offiziellen Mitteilungen des Vatikan einen Niederschlag finden,
wie er früher nur den Papstreisen vorbehalten gewesen sei.
Fischer findet dafür eine plausible Erklärung:
Der Papst hat wegen seines greisen Alters viele Aktivitäten an Kardinäle delegiert.
Doch dann kann
sich der Journalist das in Rom seit Jahrzehnten kursierende Märchen vom guten Papst und der bösen Kurie
nicht verkneifen und unterstellt, daß man nicht wissen könne, ob die Macht des Staatssekretärs „stets
im Sinne des Papstes eingesetzt werde“.
Warum sollte man das nicht wissen können? Solange der Papst
seinen Staatssekretär gewähren läßt und über dessen Aktivitäten im ‘Osservatore Romano’ nachlesen
kann, ist davon auszugehen, daß er mit dessen Arbeit einverstanden ist: Qui tacet, consentire videtur –
Wer schweigt, stimmt zu.
Interreligiöser Dialog konkret

© catholiccartoonblog.blogspot.com

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Fischer findet es auch „merkwürdig“, daß Kardinal Bertone zwei Monate
nach der Veröffentlichung der
neuen Karfreitagsbitte im Alten Ritus dazu eine
Stellungnahme abgegeben
hat.
Weshalb merkwürdig? Das Staatssekretariat ist das Vollzugsorgan des Papstes. Es ist völlig ausgeschlossen,
daß besagte Stellungnahme nicht genau das sagt, was der Theologenpapst sagen wollte. Es ist auch anzunehmen,
daß sie vom Papst selber verfaßt wurde.
Doch die Stellungnahme hat Fischer nicht gefallen. Er stößt
sich daran, daß sie sich angeblich auf die „Tradition römischer Schultheologie“ und auf „bekannte Zitate“
stützt.
Fischer wundert sich auch, „daß ein sprachmächtiger Theologe wie Joseph Ratzinger nicht das
Anstößige der darin steckenden Jahrhunderte langen Tradition erkannt und die fürchterlichen Erfahrungen
der Juden mit (Schein-)Christen in der Vergangenheit nicht berücksichtigt hat“.
Die angeblich „fürchterlichen
Erfahrungen der Juden mit (Schein-)Christen in der Vergangenheit“ ist kein theologischer Ort, sondern
eine taktische Konstruktion, um die Position des christlichen Verhandlungsgegners zu schwächen.
Im übrigen
ist der sprachmächtige Theologe Joseph Ratzinger eben ein Theologe und kein Verhandlungsführer bei Friedensgesprächen.
Ernstzunehmende Theologie richtet sich nach der Wahrheit, nicht nach politischen Verhandlungspositionen.
Doch Fischer läßt keinen Zweifel darüber, daß ihm die Politik näher liegt als die Gotteslehre.
Darum lobt er Kurienkardinal Walter Kasper, der im Zusammenhang mit der neuen Karfreitagsfürbitte auf
den verhandlungstaktischen Grundsatz
hingewiesen hatte, daß ein ehrlicher Dialog nur in der Anerkennung
der trennenden Unterschiede möglich sei.
Mit dieser Gegenüberstellung hat Fischer den ersten Glaubenssatz
des modischen Dialog-Kults ausgesprochen: Rede nie von Inhalten!
Weil der Papst das tut, fragt sich Fischer
sogar, ob die liturgische Änderung an der Fürbitte dem Papst in der Fülle der Dokumente gar durchgerutscht
sei, „weil ihn niemand auf die mögliche Brisanz aufmerksam machte oder nicht machen wollte?“
Auf ähnliche
Weise kann er nicht verstehen, warum der Papst in der Osternacht den italienischen Journalisten Magdi
Allam, der angeblich „vom Islam zum Katholizismus konvertierte“, persönlich getauft hat.
Gewiß: Ein
Politiker würde so etwas nicht tun.
Das weiß auch Fischer: „Nach gewöhnlicher vatikanischer Praxis
hätte ein römischer Priester die Taufe vollzogen.“ Dann spekuliert der Journalist, daß es wahrscheinlich
sei, „daß Benedikt gar nicht wußte, wen er da taufte, und der Papst für diesen Affront benutzt wurde.“
Es werde sogar der Verdacht geäußert, flüstert Fischer, daß einige [Böse] im Vatikan den Dialog
des Papstes mit Islam und Judentum behindern oder bremsen wollten.
Verschwörungstheorien vom Feinsten.
Doch es ist eher anzunehmen, daß der Papst über den
angeblichen Moslem Magdi Allam nur allzugut im Bilde
war.
Oder wie der italienische Journalist Maurizio Blondet auf der Webseite ‘Effedieffe’ schrieb:
„Ich
muß zugeben, daß mir ein gehöriger Schrecken durch die Knochen fuhr, als ich hörte, daß der Papst
einen Moslem getauft habe. Meine zweite Reaktion war ein Aufatmen: »Ahh, es handelt sich nur um Magdi
Allam… Danke Jesus.“
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