17:02:26 | Sonntag, 20. Februar 2005
Der Kölner Dom reckt seine Türme drohend gen Westen, gegen den Erbfeind Frankreich. Zudem mußten, so ein Besucher des Kölner Doms, für den Bau von Kathedralen und Palästen viele unschuldige Kinder als Zwangsarbeiter ihr Leben lassen. Trotz diverser Theorien gilt der Aufruf: Laßt uns Kathedralen bauen! Ansonsten sind wir verloren, meint Joachim Volkmann.
Seltsam seien wir, sagt Edmond des Papillons, Edmund von den Schmetterlingen, in Marcel Pagnols völlig
verkanntem Werk „La gloire de mon père“, „Der Ruhm meines Vaters“. Immer wollten wir wissen, was „dahinter“
liege: hinter der nächsten Wegbiegung, hinter dem nächsten Berg, hinter der nächsten Stadt, und dann:
hinter den Sternen…
Man kann europäischen Wissensdurst und den Antrieb, der dahintersteckt, kaum besser
beschreiben. Wissen, Denken und Ordnen sind europäische Lebensprinzipien, ist europäische Eigenart und
für Europa lebensnotwendig. Es gibt da eine bedenkenswerte Theorie, welche besagt, daß eine Kultur auch
durch die Landschaft geprägt wird, in der sie entsteht und wächst und reift.
Für Europa würde das
bedeuten: größte Abwechslung und Vielfalt auf engem Raum. Wer durch Europa fährt, erlebt auf wenigen
Kilometern ständig neue Landschaftsbilder. Anderswo kann man tagelang mit der Eisenbahn fahren, ohne
beim Blick aus dem Fenster wahrnehmbare Veränderung zu sehen. Wenn diese Theorie stimmt, dann sagt sie
viel über Europa, viel über uns aus.
Wer auch immer Europa zerstören wollte, müßte uns von allen
diesen unseren Wurzeln trennen. Er müßte unsere Kunst zerstören: unsere Kirchen und Paläste müßte
er uns entfremden.
Schrecklich, wieviel unschuldige Kinder im Mittelalter dafür sterben mußten, sagte
ein Besucher des Kölner Domes. Auf die erstaunte Nachfrage, was er denn damit sagen wolle, betonte er,
daß doch jeder wisse, daß im Mittelalter die Kinder zum Kirchbau gezwungen wurden. Und unvergessen die
Bemerkung einer Reporterin, der Kölner Dom recke seine Türme drohend gen Westen, gegen den Erbfeind
Frankreich. Die junge Dame wußte bereits nicht mehr um die klassische Ost-West-Ausrichtung der christlichen
Kirche. Genauso unerklärlich bleibt den meisten Betrachtern die Sprache unserer Bilder, nicht nur, wenn
diese religiös geprägt ist.
Und wie, wenn man die europäische Musik zerstörte, wenn man jene auch
auf ihrer untersten Ebene noch den Intellekt ansprechende Musik ersetzte durch einzig und allein niedere
Instinkte ansprechende, monoton-rhythmische Musik, die den Intellekt nicht nur nicht anspricht, sondern
bewußt ausschaltet?
Und wie, wenn man uns von unserer großen Geschichte entfernte, indem man sie ausschließlich
dunkel, ausschließlich Kriminalitätsgeschichte sein läßt? Wenn man auch gleich die großen Errungenschaften
unserer Kultur so darstellte, als hätten wir sie von außen, von wo auch immer bekommen? („Mama, haut
der den gleich mit dem Hammer?“ fragte der Kleine im Wachsfigurenmuseum in Tours an der Loire. Dargestellt
war eine Szene, in der ein Mönch einem Delinquenten vor der Hinrichtung das Kreuz zeigt. – Und das gewaltsame
Vordringen der Türkei nach Europa in den letzten Jahrhunderten müßte man nur als das große Werben
der Türkei um Europa darstellen.)
Und wenn man unsere Religion zerstörte, indem man uns der eigenen
Religion entfremdete, diese Religion lächerlich machte und zugleich als gefährlich darstellte? Das Gebet,
den Ritus der Väter, den Älteren unter uns noch sehr gut erinnerlich, würde man als unzeitgemäß,
als unverständlich darstellen und durch einen banalen, anspruchslosen, mit allem und jedem vereinbaren
Ritus ersetzen. Was wäre, wenn es dann völlig unerklärlich wäre, warum unsere Vorfahren in dieser
Religion gelebt, für sie gekämpft haben und für sie gestorben sind? Was denn diese Barriere da sei,
fragte der 27-jährige Katholik in einer alten, katholischen Kirche und zeigte auf die Kommunionbank.
Er hatte noch nie eine Kommunionbank gesehen.
Wenn unser griechisches Erbe, der agon, der strebende Wettbewerb
nämlich, unterdrückt würde zugunsten unserer anderen Seite, dem Sinn für groben, aber auch für verfeinerten
Genuß? Wer ausschließlich genießt, mißt sich nicht mehr, kämpft nicht mehr. Er wird träge und müde,
zur Anstrengung unfähig. Ein Recht auf Rausch habe er, sagte der achtzehnjährige Schüler eines deutschen
Gymnasiums, so als ob er sagte, er habe ein Recht darauf, sich mit anderen zu versammeln.
Wären wir
dann verloren?
Ja. Wenn wir keine Kathedralen mehr bauen, wenn wir uns nicht auf unser ganz Eigenes besinnen
würden, dann wären wir verloren. Wir wären verloren, wenn Europa ein politischer Verein wäre, dem
man unter rein materiellen Vorgaben beitreten oder nicht beitreten kann.
Europa ist doch viel mehr: ein
Traditionsraum ganz eigener Art, verbunden von gemeinsamer Kultur in erstaunlicher Variation und Vielfalt,
geeint durch die christlich-katholische Vergangenheit und Gegenwart. Es kann problemlos mit anderen Traditionsräumen
Kontakte pflegen, kann sie aber nicht integrieren, wenn die Wurzeln nicht gemeinsam sind. Das wäre das
Ende Europas. Europäer ist man, wie wir gesehen haben, durch Abstammung und kulturelle Tradition, oder
man ist es nicht.
Laßt uns Kathedralen bauen. Es ist eine Lebensfrage.
Die christlichen Wurzeln Europas
Die Ursprünge des christlichen EuropaEuropäische Völker und NationenMehr als 60 Heilige und Selige
christianisierten das spanisch-portugiesische AmerikaIm wörtlichen Sinne: Stirbt Europa?Von intellektueller
Leistung und hoher KulturLaßt uns Kathedralen bauen!
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