Mission
Was ein Steyler Missionar über seinen abgefallenen Mitbruder sagt
Ist der davongelaufene Bischof und Ordensmann seiner neuen Aufgabe als Präsident eines Staates überhaupt gewachsen? Oder droht nach dem Wahlsieg die große Ernüchterung?
Fernando Lugo bei Johannes Paul II.
Fernando Lugo bei Johannes Paul II.
(kreuz.net/Steyler Mediendienst) Mit 40% der Stimmen wurde der abgefallene Bischof und Steyler Missionar Fernando Lugo am Wochenende zum neuen Präsidenten Paraguays gewählt.

Damit wurde die bisherige Regierungspartei ‘Colorado’ nach 61 Jahren ununterbrochener Herrschaft klar abgewählt.

Mit dem aus der Schweiz stammenden Steyler Missionar, Pater Walter von Holzen, sprach Tamara Häußler-Eisenmann, Pressereferentin der Steyler Missionare in Deutschland.

Was ist Fernando Lugo, der so viele Menschen mobilisieren konnte, für ein Mann?

Fernando Lugo ist ein sehr charismatischer Mensch. Er hat es geschafft, sämtliche Oppositionsparteien dazu zu bringen, für eine gemeinsame Sache zu kämpfen.

Sie wollten in die Regierung, um Änderungen herbeiführen zu können, die Paraguay so dringend braucht. Eine Koalition von Oppositionsparteien hat Lugo nach langen Verhandlungen schließlich als Präsidentschaftskandidaten aufgestellt.

Lugo hat ein großes Talent, mit einfachen Menschen umzugehen. Er hört ihnen zu, spricht sowohl Spanisch als aus Guarani. Er weiß, was die Armen bewegt, was sie brauchen, welche Nöte sie plagen. Er ist ein Kandidat des Volkes und deshalb hat dieses Volk ihn gewählt. Er versprach einen Neuanfang, nach dem sich das Volk so sehr sehnte.

Fernando Lugo
Aus dem FamilienalbumFernando Lugos Bischofsweihe im Jahr 1994.Lugo war im Wahlkampf bei den Kranken…

Ist Lugo seiner Aufgabe als Staatspräsident überhaupt gewachsen?

Ich glaube ja. Wenn er sich noch ein gutes Team zusammenstellt, ist er der Aufgabe gewachsen. Es ist gewiß die eine Sache, ob man Priester oder ob man Politiker ist. Natürlich ist es für ihn eine große Herausforderung.

Aber Lugo hat in den letzten Monaten sehr viel gelernt. Er hat 1½ Jahre Vorbereitungszeit gehabt, in der er sich mit dem Metier Politik befassen konnte.

Lugo hat mit großem Erfolg eine funktionierende Koalition von Oppositionsparteien aufgebaut. Er hat gelernt, zuzuhören und Konzessionen zu machen. Er muß lernen, ein Politiker zu werden. Aber ich habe keine Zweifel, daß er es schaffen wird.

Natürlich ist es jetzt sehr wichtig, daß er die richtigen Minister um sich schart. Aber dies sollte ihm gelingen. Wichtig ist, daß er seine Überzeugungen gegen innerparteiliche Druckversuche durchhalten und umsetzen kann.

Welche Qualifikation bringt Lugo denn mit, um ein guter Präsident zu sein?

Lugo hat eine sehr gute Ausbildung. Durch seine Arbeit als Missionar und Bischof weiß er, was für unsere Leute in Paraguay wesentlich ist. Seine politischen Visionen wachsen aus dem pastoralen Kontakt mit der Basis.

Er ist ein sehr sozial eingestellter Mensch. Er war im Augenblick die einzige Chance, die unsere armen Menschen in Paraguay gesehen haben.

Paraguay
Paraguay
Vom Bischof zum Präsidenten ist ein recht ungewöhnlicher Weg…

Ja, aber das ist sein Weg, seine Entscheidung. Es war eine Frage des Gewissens. Seine Steyler Mitbrüder haben ihn auf diesem schwierigen Weg begleitet. Er ist persönlich zum Schluß gekommen, daß er als Bischof nicht so viel für die Menschen tun kann, wie er möchte. Als Politiker, als Präsident hat er da viel mehr Möglichkeiten.

Man kann das sicherlich diskutieren. Aber man muß es in jedem Fall respektieren. Es ist eine absolut persönliche Gewissensentscheidung.

Die Wahlen sind völlig friedlich verlaufen. Ist das nicht ungewöhnlich für eine „Revolution“ nach 61 Jahren?

Ja, man kann wirklich sagen, daß es eine friedliche Revolution gewesen ist. Wir hatten hier große Angst, daß es vielleicht zu Unruhen kommen würde. Aber es waren insgesamt 300 internationale Wahlbeobachter hier in Paraguay, und das Ergebnis war eindeutig.

Wäre es sehr knapp gewesen, hätte es vielleicht Unruhen gegeben. Aber das war nicht der Fall. Lugo hat 40% der Stimmen erhalten.

Die Kandidatin der Regierungspartei Blanca Ovelar hat noch in der Nacht ihre Niederlage eingeräumt – ebenso wie der Präsident.

Wir hatten eine hohe Wahlbeteiligung von 62 Prozent – auch wegen des guten Wetters. Es gab nirgendwo Schwierigkeiten. Es waren sehr ruhige Wahlen.

Ein einfaches Volk hat ein korruptes System abgewählt. Es war die massive Antwort eines übermüdeten Volkes, eine massive Antwort auf ein korruptes System einer kleinen herrschenden Minderheit.

Das Volk hat es so satt gehabt, die Frustration war so hoch. Paraguay wollte einen Wechsel, es war einfach höchste Zeit.

Was sind Ihrer Meinung nach die ersten Punkte, die Lugo angehen muß?

Zunächst muß Lugo ein gutes Kabinett aufbauen. Dann wird er sicherlich die Gerichtsbarkeit neu organisieren. Was Paraguay braucht sind unabhängige Gerichte. Das hat es bisher nie gegeben. Alles stand unter Einfluß der Regierungspartei. Das ist eine große Herausforderung.

Dann natürlich die Korruption. Paraguay ist eines der korruptesten Länder der Welt. Mit dieser Korruption ist ein Wirtschaftswachstum kaum möglich.

Das Land ist ein großer Erzeuger von Soja und Rindfleisch, deren Weltmarktpreise in den vergangenen Jahren explodiert sind und dennoch lebt die Mehrheit der Menschen in Armut.

Alle sollen vom Reichtum des Landes profitieren. Lugo hat sich die soziale Gerechtigkeit auf die Fahnen geschrieben. Dazu gehören als Grundlage eine funktionierende Gerichtsbarkeit und die Bekämpfung der Korruption. Sonst gelangt das Geld nämlich nie zu den Ärmsten.

Von einer funktionierenden Gerichtsbarkeit und einer geringeren Korruption kann der Bauer aber zunächst trotzdem nicht seine Familie ernähren…

Das sehen Sie richtig. Die Menschen wollen Effekte sehen. Sie wollen sehen, daß die Wahl Lugos für sie persönlich etwas gebracht hat. Sie werden es sich eine Weile ansehen, aber dann auch ganz klar etwas für sich einfordern.

Aber da mache ich mir keine Sorgen. Lugo ist der Präsident aller Paraguayer und das werden auch die Ärmsten des Landes hoffentlich schnell zu spüren bekommen.

Außerdem hoffe ich, daß Lugo die Paraguayer dazu bewegen kann, hier zu bleiben. Denn ein großes Problem unseres Landes ist die Emigration. Über 100.000 Menschen haben Paraguay in den letzten Jahren den Rücken gekehrt.

Das ist ein großes Problem. Denn in der Regel sind es diejenigen, die man auch hier für den Aufbau des Landes braucht – die 20 bis 40jährigen. Zurück bleiben die Kinder und Alte. Mütter und Väter verlassen ihre Familien aus wirtschaftlicher Not und versuchen ihr Glück in Spanien oder Argentinien.

Lugo muß den Menschen Perspektiven aufzeigen, ihnen Hoffnung machen für ein besseres Leben. Die Wahl ist ein erster Schritt, aber der weitere Weg ist ein sehr, sehr schwerer.

Dennoch glaube ich, daß er ihn gut bestreiten wird. Entscheidend war, daß es jemandem gelungen ist, nach 61 Jahren das Machtmonopol des Partido Colorado zu stoppen. Damit ist nun der ersehnte Neuanfang möglich.

Pater Walter von Holzen ist ein Steyler Missionar. Er lebt und arbeitet seit 32 Jahren in Paraguay. Der gebürtige Schweizer ist Direktor des päpstlichen Missionswerkes in Paraguay.
      
16 Lesermeinungen
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#16   Jörg Guttenberger, Köln   20:44:05 | Donnerstag, 24. April 2008
„Abgefallener“ Bischof
Der Bischof ist nicht vom Glauben abgefallen, sondern von seinem geistlichen Amt suspendiert, genauso, wie der seinerzeitige Stadtpfarrer von Limburg, der ebenfalls nach Suspendierung in die Politik gegangen ist.
Beide sind weiterhin Vollmitglied der r.-k. KIrche mit allen Rechten und Pflichten, die jeder Laie hat.
Interessanterweise wird bei dem Bischof von „Abfall“ gesprochen, im Gegensatz zu den Piusbrüdern, deren Bischöfe durch verbotene Weihen tatsächlich exkommuniziert und damit aus der kirchlichen Gemeinschaft ausgeschlossen sind. Wenn man überhaupt von „Abfall“ spricht, läge dieser Begriff hier näher!
Leider sind eine ganze Reihe von Revolutionären ehemalige Priester und Bischöfe, so Talleyrand, Robbespiere, Mikojan, Ernesto Cardinal, Stalin (war zumindest Priesteramtskandidat der georgischen Kirche).
Sicher sind hier kritische Anmerkungen berechtigt.
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#15   bellumiustum   01:18:04 | Donnerstag, 24. April 2008
Präsident und Bischof?
Die katholischen Bischöfe Paraguays, sind dem Präsidenten Lugo künftig den „weltlichen Gehorsam“ schuldig- folglich können sie nicht mehr kirchenrechtlich seine „Brüder“ sein. Diese Problematik muß der Vatikan nun dringend auflösen, und er wird es tun und Lugo auch den erwünschten Dispens vom Pristeramt erteilen: Nach der erfolgten Wahl besteht jetzt sowohl die Möglichkeit, sein politisches Amt als den vom Kirchenrecht verlangten „gerechten und vernüftigen Grund“ zu interpretieren, als auch, sein Handeln mit „Gewissensgründen“, die ihn zur Aebeit für sein unterdrücktes Volk veranlasst haben, zu rechtfertigen. Damit könnte er kirchenrechtlich aus dem geistlichen Stand entlassen werden, was vor der Amtseinführung im August auch höchst ratsam ist, um denkbaren Wahlanfechtungen und anderen juristischen Manipulationen, mit denen die Colorados um den derzeitigen Präsidenten Duarte ihn möglicherweise vom Amtsantritt abhalten wollen, den Boden zu entziehen.
Die Äußerungen des Papstes im Rahmen seiner Amerikareise, dass in den Ländern Amerikas eine Sozialpolitik erforderlich sei, welche die zunehmende Emigration unterbreche, läßt hoffen, dass auch der Vatikan die Wahl Fernando Lugos als Chance für Paraguay begreift, die es zu unterstützen gilt. o^/
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#14   sexychrist   17:43:02 | Dienstag, 22. April 2008
Gottes Segen…
… für sein Wirken in diesem Amt zum Wohle des Volkes und im Sinne der Nächstenliebe!
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#13   stimme der vernunft †   14:58:48 | Dienstag, 22. April 2008
papperlamenas
Segenswünsche können nie Gotteslästerung sein.
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#12   LandorganistII   14:45:52 | Dienstag, 22. April 2008
Gottes Segen und Schutz
für seinen präsidialen Dienst! Möge die allzeit jungfräulichen Gottesmutter Maria ihren schützenden Mantel über ihn halten. Nötig wird er ihn haben.
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#11   Parmenas   14:38:07 | Dienstag, 22. April 2008
@LandorganistII: Ihr Segenswunsch
ist Gotteslästerung!
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#10   LandorganistII   14:32:38 | Dienstag, 22. April 2008
Gottes Segen
für den Dienst als Präsident!
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#9   Parmenas   14:00:56 | Dienstag, 22. April 2008
@Gotthard: Ihr Segenswunsch
ist Gotteslästerung!
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#8   Gotthard   13:58:00 | Dienstag, 22. April 2008
Gottes Segen …
… für den Dienst als Präsident!
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#7   Sozialkatholisch   13:20:30 | Dienstag, 22. April 2008
Ich war immer der Meinung
das die Kirche den Priestern eine mögliche laisierung einfach machen sollte.
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#6   Fuente   13:12:50 | Dienstag, 22. April 2008
@Ansbach.Dragoner
Wie kommst du zu diesem Urteil:„Möchtegern Che Guevara“? Hat er etwa zur Revolution aufgerufen, ist er mit Waffengewalt an die Macht gekommen? Nein, er ist frei gewählt wurden!Dir wäre wohl jede, noch so verbrecherische, Regierung recht, solange sie nicht den Makel „Links“ trägt?Wieso „pseudoreligiös“? Willst du einem Menschen, den du nicht kennst, seinen Glauben und seine guten Absichten absprechen?
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#5   Nachtlaterne   13:04:07 | Dienstag, 22. April 2008
Sie betören euch nur; sie verkünden Visionen, die aus dem eigenen Herzen stammen, nicht aus dem Mun…
Sie betören euch nur; sie verkünden Visionen, die aus dem eigenen Herzen stammen, nicht aus dem Mund des Herrn. Immerzu sagen sie denen, die das Wort des Herrn verach-ten: Das Heil ist euch sicher!; und jedem, der dem Trieb seines Herzens folgt, versprechen sie: Kein Unheil kommt über euch. Doch wer hat an der Ratsversammlung des Herrn teilgenommen, hat ihn gesehen und sein Wort ge-hört? (…) Ich habe diese Propheten nicht ausgesandt, den-noch laufen sie; ich habe nicht zu ihnen gesprochen, den-noch weissagen sie. Hätten sie an meiner Ratsversammlung teilgenommen, so könnte sie meinem Volk meine Worte verkünden, damit es umkehrt von seinem schlechtem Weg und von seinen Taten. Jer. 23/ 16-22
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#4   Sozialkatholisch   12:03:31 | Dienstag, 22. April 2008
@ Ansbach
Befreiungstheologenhaben dieselbe Philosophie/Ideologie wie die Zeloten zur Zeit Christi. Christus distanzierte sich klar davon.
Na so klar aber auch nicht, schließlich war wenigstens einer von seinen engsten 12 Mitarbeiter einer.
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#3   Ansbach.Dragoner   11:57:26 | Dienstag, 22. April 2008
Befreiungstheologen
haben dieselbe Philosophie/Ideologie wie die Zeloten zur Zeit Christi. Christus distanzierte sich klar davon.
Gut dass der Mann ehrlich war und das Hirtenamt abgab, ein Möchtegern Che Guevara mit pseudochristlichem Überbau passt eh besser ins Politgeschäft.
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#2   semperubique   11:36:44 | Dienstag, 22. April 2008
Schön,
daß Fernando Lugos Wahl hier so wohlwollend kommentiert wird!
Er wird den Segen Gottes für seine verantwortungsvolle Tätigkeit brauchen.
o^/
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#1   matt2 †   10:56:20 | Dienstag, 22. April 2008
finde ich persönlich eine gute Sache…
Die Welt braucht charismatische, engagierte, ausgewogene, und vor allem gottbezogene Führungspersönlichkeiten, Menschen die in diesen armen Ländern etwas zum Guten bewegen und soziale Gerechtigkeit erwirken, aber in einem friedlichen Umwandlungsprozess, ohne lautstarke Revolution und Gewalt. Das ist eine bedeutende Berufung, nicht weniger bedeutsam als das Priesteramt.
Es ist ebenso ein heiliger Dienst ein guter Anführer zu sein, der stets der Wahrheit verpflichtet ist und sein Gewissen befolgt. Ohne diese Menschen fällt die Welt ins Chaos und die Kirche kann es dann auch nicht mehr richten. Sie ist ebenso von diesen Menschen abhängig auch wenn sie das nicht hören will. Sie kann es aus sich selbst nicht schaffen, weil ihr der huldigende Geist innewohnt, aber nicht der herrschende. Die Kirche hat keine Kraft zu herrschen. Das messianische Herrscherprinzip manifestiert sich im Staat und in seinen charismatischen Führungspersönlichkeiten. Das ist aus meiner Sicht ein ontologisches Faktum, was leider noch viel zu wenig verstanden ist, obwohl diese Welt bereits so viele Herrschergeschlechter erlebt hat.
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