18:55:27 | Montag, 28. April 2008
Ich habe ihm verziehen. Er war ein Verbrecher. Aber er war auch ein Opfer. In seinem komplexen Psychogramm sehe ich die Fratze der Gier, aber auch Züge von Großzügigkeit, Hingabe und Mut. Ein Ex-Priester für das
‘Vatican Magazin’.
(kreuz.net) Ich will nun meine Geschichte erzählen. Ich erzähle sie nicht, weil ich selbst auf die Idee
gekommen wäre, sie jemals anderen Menschen mitzuteilen als jenen, denen ich durch Freundschaft oder über
das Sakrament der Beichte verbunden bin.
Ich erzähle sie, weil ich von Priestern gebeten wurde, sie
zu erzählen, sie jetzt zu erzählen. Es ist eine Geschichte von sexuellem Mißbrauch durch einen Priester.
Ich war das Opfer.
Vor zwanzig Jahren hätte man mir ebenso gut prophezeien können, daß ich eines Tages
den Fortsetzungsband zur Kriminalgeschichte des Christentums schreiben würde.
Ich weiß nicht, wem im
Himmel oder auf der Erde ich es verdanke, daß ich heute eher eine Liebesgeschichte des Christentums schreiben
könnte.

Novemberausgabe des ‘Vatican-Magazin’
Vielleicht ist es ein Wunder. Wunder gibt es ja in der Kirche, manchmal die kuriosesten. Mein
Name tut nichts zur Sache. Ich erzähle meine Geschichte anonym, weil ich das Andenken meiner Eltern nicht
beflecken möchte.
Die Namen der Orte und Personen sind erfunden. Die Zeit stimmt. Für meinen Mißbraucher –
wahrscheinlich ist er tot. Ich finde ihn im Namensverzeichnis der fraglichen Diözese nicht mehr – bete
ich häufig.
Ich habe ihm verziehen und hoffe auf Gottes Barmherzigkeit. Er war ein Verbrecher, aber
er war auch ein Opfer. In seinem komplexen Psychogramm sehe ich das Fratzenhafte der Gier, aber ich sehe
auch Züge von Großzügigkeit, Hingabe und Mut.
Die Geschichte spielt zu Beginn der siebziger Jahre
des letzten Jahrhunderts in einer Kleinstadt in der Mitte Deutschlands.
Eines Tages gab mich meine Mutter
an den Pforten des Pfarrhauses ab. Ich mochte damals 15 oder 16 Jahre alt gewesen sein, ein aufgeschossener
Schlacks, kaum richtig in der Pubertät, ein im Grunde braver, wenig selbstsicherer Junge.
Meine Lage
war nicht rosig. Schulisch war ich mehr oder weniger gescheitert. Zuhause lebte ich in einem ins Gewalttätige
ausufernden Dauerkonflikt mit meinem Vater, der sich wohl unbewußt daran rächte, daß meine Mutter ihr
ältestes Kind mehr liebte als ihren Mann.
Der Stadtpfarrer kannte den Konflikt und bot meiner Mutter
an, mich, einen seiner Oberministranten, im Pfarrhaus wohnen zu lassen. Überglücklich willigte ich in
dieses Arrangement ein. Meine Mutter ahnte nicht, daß sie mich an der Pforte der Hölle abgab.
Der Mann,
der mein Schicksal wurde, war vom Phänotyp her kein Dunkelmann. Wer ihn nicht näher kannte, mußte ihn
für eine strahlende Gestalt halten. Nach einem mittelmäßigen, frömmlerischen Priester, der keinerlei
Eros hatte, kam er – ein moderner Mann mit Managementqualitäten, ein „Herr“ mit Charme, Witz und Manieren.
Er schaffte es innerhalb weniger Jahre, die Jugend und die Frauengemeinschaft zu begeistern, die Kirche
zu renovieren, ein prächtiges Gemeindehaus zu bauen, eine Orgel anzuschaffen, ein Orchester zu gründen.
Er war groß gewachsen, hatte eine stark männliche Ausstrahlung und eine geradezu unwiderstehliche Anziehungskraft
auf Frauen.
Meine Mutter war ihm in einer schwärmerischen Liebe ergeben, die ganz gewiß das Maß an
Liebe überstieg, das sie meinem schwierigen Vater nach bitteren Ehejahren noch geben mochte.
Des Pfarrers
Metier war die Liturgie. Ich glaube, es gab in der ganzen Diözese keine prächtigeren Gottesdienste als
in M. An den Festtagen zogen dreißig und mehr Ministranten ein, mit Fahnen, einem Heer von Kerzenträgern,
umweht von wahren Weihrauchorgien.
Die „Choreographie“ stimmte bis aufs I-Tüpfelchen, und wehe der Organist
oder der Chorleiter hatten einen blackout – dann lernten sie die cholerische Seite des Stadtpfarrers kennen.
Hier beginnt es mit den dunklen Seiten des Mannes.
Der Beitrag erschien ursprünglich im ‘Vatican Magazine’.
Nächstes Mal: Eines Sommerabends geschah es
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