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Freitag, 9. Mai 2008 12:15
Sogar der tridentinisch orientierte Reaktionär bekommt seine Nische
Die Mutlosigkeit vieler Pfarrer, die mit „fortlaufendem Erfolg“ Seelsorge betreiben, wird mißbraucht, um nach dem Muster protestantischer Sekten eine neue Form von Kirche zu etablieren. Von Pfarrer Hendrick Jolie.
Die altliberalen Sesselkirchen bleiben leer.
Die altliberalen Sesselkirchen bleiben leer.
(kreuz.net) „Spiritualität statt Strukturen“ lautete ein jüngster Kommentar von Pater Eckhard Bieger SJ für den deutschen Internet- Nachrichtendienst ‘kath.de’.

In den Ausführungen des Paters zeichnet sich ein typischer Trend der gegenwärtigen Diskussion ab.

Ausgehend von der richtigen Beobachtung, daß die Kirche mit ihren bisherigen pastoralen Verfahren – gemeint ist die kirchliche Sozialisation über Sakramentenempfang und Verbandsarbeit – nur noch einen Ausschnitt der Bevölkerung erreicht, wird sogleich das Ende des Pfarrprinzips verkündet: Die Pfarrei funktioniert nicht mehr – so Pater Bieger.

Interessant ist dabei, daß hier eine offensichtliche Beobachtung – „die Kirche erreicht mit ihren pfarrlichen Seelsorgestrukturen immer weniger Menschen“ – zu einer prinzipiellen Infragestellung des Pfarrprinzips führt.

Dieser logische Trugschluß wird dabei als zwingend suggeriert. Vergessen wird jedoch, daß die Pfarrei zwar als Rechtsinstitut rein kirchlichen und insofern veränderlichen Rechts ist.

Abschied vom Pfarrer?
Göttlichen Rechts ist aber sehr wohl die grundlegende Seelsorgestruktur, die im Gegenüber von Hirt und Herde besteht und in der Eucharistie ihre Mitte hat.

„Kirchliches Leben in der Postmoderne“ – so Pater Bieger weiter – sei nicht durch Pastoralpläne zu gestalten. Denn die Internet-Generation lasse sich nicht mehr auf das bisherige Pfarrprinzip einschwören.

Die Bistumsverwaltung solle statt dessen mit „engagierten Laien vor Ort herausfinden, wie das Evangelium zu den einzelnen Menschengruppen gebracht werden“ könne – was auch immer das heißen mag.

Das Problem der Unter- und Überordnung von mehreren Pfarrern, die oftmals für ein halbes Dutzend Pfarreien zuständig und in leitende und untergebene Pfarrer eingeteilt sind, würde sich dann von selbst lösen:

„Wenn alle sich auf die Veränderungen einstellen, dann hat vielleicht der Obermeßdiener »mehr zu sagen« als der leitende Pfarrer eines Seelsorgebereiches.“

Auch hier wird eine richtige Feststellung  – „Pastoralpläne sind keine Rettung“ – mit einer verheerenden Schlußfolgerung verknüpft: „Es ist unwichtig, wer in der Pfarrei das Sagen hat“.

Raffiniert, nicht wahr?

Rettung in der Angebotskirche?
Zweifellos sind Pfarrgrenzen historisch gewachsen und können deshalb auch verändert werden. Der Abschied von der Pfarrei, wie ihn Pater Bieger hier voraussagt, berührt jedoch das katholische Verständnis von Seelsorge im Kern.

Denn das Prinzip von Hirt und Herde ist in der katholischen Kirche sakramental verankert und deswegen konstitutiv für jede Form der Seelsorge.

Deswegen ist die Behauptung des Paters falsch, daß die Frage, „was der eine Priester zu sagen hat und wo der andere sich einordnen muß“ überflüssig wird, wenn sich Kirche nur auf die neue „Offenheit für das Religiöse“ in der Gesellschaft konzentriert.

Wie kommt er zu dieser Aussage?

Pater Bieger redet hier einer Angebotskirche das Wort, die sich unter dem Vorwand, den spirituellen Zugang zu „neuen Lebensverhältnissen“ zu suchen, vom katholischen Seelsorgeprinzip verabschiedet.

Weiß der Pater nicht, daß der priesterliche Dienst wesenhaft das dreifache Amt des Lehrens, Leitens und Heiligens beinhaltet und es deswegen keineswegs anzustreben ist, daß in der veränderten Situation „der Obermeßdiener mehr zu sagen hat als der leitende Pfarrer eines Seelsorgebereiches“?

Hat er die einschlägigen römischen Instruktionen der vatikanischen Kleruskongregation über das Amt des Pfarrers als Lehrer des Glaubens, Spender der Sakramente und Leiter der Gemeinde nicht gelesen?

Entmachtung statt Entlastung
Die Konzentration des Priesters auf die Seelsorge, für die der Pater wirbt, ist lobenswert.

Die Abgabe von Leitungsverantwortung – von Pater Bieger als „Entlastung“ propagiert – führt zur faktischen Entmachtung des Pfarrers als Hirten und ist deswegen ein Angriff auf die sakramental verankerte Struktur der Seelsorge.

Dies alles wäre nicht weiter erwähnenswert, wenn die Ausführungen des Paters nicht symptomatisch wären für einen Trend, der auch vor bischöflichen Amtsstuben nicht haltmacht.

Die soziologische Betrachtungsweise der Gesellschaft, ihre Aufspaltung in Milieus und die Erkenntnis, daß die Pfarrei nur noch einen kleinen Teil der Milieus erreicht, legen offenbar die Konsequenz nahe, auch die Pfarrseelsorge in Milieus zu zerschlagen und die einzelnen Bereiche der Autorität des Hirten zu entziehen.

Auf die Ausübung von Leitungsgewalt komme es ja angeblich ohnehin nicht mehr an.

Es gehe vielmehr darum, möglichst viele Milieus zu erreichen und so – wie es so schön in den Fortbildungskalendern der Diözesen heißt  – „Kirche präsent zu machen“.

Von der Jugendkirche über pseudosakramentale Handlungen – „Segnungen für Verliebte“ – bis hin zum Motorradgottesdienst – alles ist möglich, sogar der tridentinisch orientierte Reaktionär bekommt seine Nische, sofern er den Milieu-Ideologen nicht die Deutungshoheit streitig macht.

Die Mutlosigkeit vieler Pfarrer, die mit „fortlaufendem Erfolg“ Seelsorge betreiben, wird mißbraucht, um nach dem Muster protestantischer Sekten eine neue Form von Kirche zu etablieren.

Hat man vergessen, daß es bei der Seelsorge um das Heil der Seelen geht, das bekanntlich die „suprema lex“ des gesamten kirchlichen Rechtes ist?

Warum gibt es im Klerus eigentlich keinen Widerstand gegen die schrittweise Aushöhlung der Hirtengewalt?


Der Verfasser ist Pfarrer im Bistum Mainz und Sprecher im Netzwerk katholischer Priester.

© Titelbild: Flickr-Benützer „Lividfiction “, CC
Alle Lesermeinungen anzeigen 6 von 20 Lesermeinungen:
Samstag, 10. Mai 2008 13:42
Pünktchen: SCHRECKLICHES VERBRECHEN
Samstag, 10. Mai 2008 13:37
monti: @Gotthard
natürlich haben Sie vollkommen recht !
Ich hoffe nur, dass Sie diese Meinung auch dann vertreten, wenn Pfarrgemeinderat, Liturgiekreis oder wer auch immer gerne eine Messe abhalten wollen, die dem Pfarrer nicht gefällt und der dies dann ablehnt !
Freitag, 9. Mai 2008 20:09
Parmenas: Vor allem kommt es darauf an,
sich vom herrschenden Modernismus zu distanzieren.
Freitag, 9. Mai 2008 19:32
Gotthard: Jolie
diesem Hw Herrn Pfarrer ist zuzustimmen: ER ist der Hirte – ER hat auch zu bestimmen, wie die Messe gefeiert wird – irgendwelche Initiativkreise können Wünsche äußern, so viel sie wollen. Der Hirte hat das Sagen und kennt den Weg zum Heil für seine Schäfchen – nicht irgendwelche Laien mit reaktionären Vorstellungen.
Freitag, 9. Mai 2008 19:27
Libertas Ecclesiae: @ Schüttel
Schade, dass Sie nicht verstehen wollen.

Warum Pfarrer Jolie Herrschsucht unterstellen?

Es geht um das Heil der Seelen, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Seelsorge statt lebensfremdes Pastoralmanagement!
Freitag, 9. Mai 2008 19:19
Parmenas: Unter Franco
hätte Lingen keine Chance gehabt …
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