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Freitag, 16. Mai 2008 13:12
Die Verwüstungen meiner Seele waren tiefgreifend
Seit ein paar Jahren weiß ich, daß ich nicht Priester war, daß ich vielmehr Priester bin. Der „character indelebilis“ ist keine Theologenerfindung. Was das bedeutet, weiß ich noch nicht. Von einem Ex-Priester.
Der Rosenkranz hilft immer.
Der Rosenkranz hilft immer.
(kreuz.net/ ‘Vatican Magazin’) Am Tag meiner Primiz litt ich unter einem solchen Asthmaschub, daß ich unfähig war, die Messe zu lesen. Man brachte mich zum Arzt und verpaßte mir eine Cortisonspritze, mit deren Hilfe ich einigermaßen in der Lage war, in festlicher Gemeinde zum Altar zu schreiten.

Es ging noch zwei Jahre bis zum völligen Zusammenbruch – Ende eines „Priesterlebens“.

Über die Begleitung meiner Mitbrüder kann ich mich nicht beklagen. Die Kirche hat mich in den Laienstand zurückversetzt. Ich habe eine wunderbare Frau geheiratet. Wir haben eine ganze Reihe toller Kinder, die mit beiden Beinen im Leben stehen.

Sie sind übrigens Ministranten. Die Verwüstungen meiner Seele waren tiefgreifend, der Rückweg ins Leben steinig, schwer und von mancherlei Abstürzen begleitet. Den Glauben habe ich nicht verloren. Gott war das einzige, was mich in meiner Einsamkeit aufrechterhielt. Ohne ihn wäre ich verzweifelt.

An die Kirche mußte ich mich mühsam, geradezu millimeterweise heranrobben. Gute Theologie hat mir geholfen, Hans Urs von Balthasar, Romano Guardini, Josef Ratzinger.

Schließlich entdeckte ich in den letzten zehn Jahren eine neue Dynamik in mir, eine Sehnsucht nach Hingabe, nach Gott, nach der vollen Gestalt des Glaubens, nach vielem, was ich in mir emotional so zugerichtet und entstellt und belastet vorfand.

Das „Vaterunser“ lernte ich neu beten, gegen die Vätererfahrungen, die ich gemacht hatte. Mit meinen Eltern mußte ich mich versöhnen: mit dem Vater, der nichts verstand und wohl im Himmel erst meine wahre Geschichte sah, und mit meiner Mutter, die mehr unter der Last unserer gemeinsamen Geschichte litt als ich selber.

Bis zu ihrem Tod, den ich im nachhinein als „heiligmäßig“ empfinde, gelang es mir nicht, die Vertrautheit meiner Kinderjahre herzustellen. Es blieb eine Mauer, die ich nicht übersteigen konnte.

Das größte Geschenk der letzten Jahre ist der Rosenkranz, den mir ein Freund ans Herz legte. Ich gebe ihn nie mehr her und lege ihn all seinen Verächtern ans Herz. Etwas Besseres gibt es nicht.

Seit ein paar Jahren weiß ich, daß ich nicht Priester war, daß ich vielmehr Priester bin. Der „character indelibilis“ ist keine Theologenerfindung. Was das bedeutet, weiß ich noch nicht.

Eines Tages werde ich mit einem guten Priester über diesen Punkt sprechen. Was mir wehtut? Wenn ich wieder einmal „indiziert“ werde, wenn wieder einmal einer von den ganz Frommen hinter vorgehaltener Hand vor dem „Ex-Priester“ warnt.

Da sind Fragen, die ich mir im Rückblick stelle: Es muß Leute gegeben haben, die von den pädophilen Neigungen meines Mißbrauchers wußten. Er muß auch anderen an die Hose gegangen sein.

Da war der Kaplan, der dem Pfarrer über Nacht entzogen wurde, kurz bevor er sich an mir verging. Da war die Dienststelle, die den Pfarrer plötzlich in das hinterste Dorf einer weit entfernten Diözese versetzte (es handelte sich um einige menschenverlassene Dörfer, in der gleich eine ganze Reihe aussortierter Priester der Diözese lebten).

Bei einigen war es der Alkohol, bei anderen stelle ich nur Vermutungen an. Was war mit meinen Kollegen unter den Oberministranten, die sich über Nacht zurückzogen und sich nach kurzer Zeit in Kirchenhasser verwandelten?

Was war mit dem Priester, der mit meinem Mißbraucher befreundet war, dessen Nähe ich suchte, der mich aber kühl zurückwies? Warum wurde ich, als ich um Laisierung ersuchte, nie mit meinem Mißbraucher konfrontiert?

Warum hat mich überhaupt niemand etwas mündlich gefragt? Warum fühlte mir niemand auf den Zahn? Meine Anschuldigungen waren doch ungeheuerlich genug. Ich habe Namen genannt.

Wollte es niemand genau wissen, niemand mich der Lüge überführen?

Der Beitrag erschien ursprünglich im ‘Vatican Magazine’.

Nächstes Mal: Das Fazit eines Mißbrauchten

© Titelbild: Flickr-Benützer „DB BLAS“, CC
Der Artikel ist Teil der folgenden Reihe:
8. Die Verwüstungen meiner Seele waren tiefgreifend
Alle Lesermeinungen anzeigen 6 von 9 Lesermeinungen:
Montag, 19. Mai 2008 10:32
Nachtlaterne: petrusbrief:
2 Sorgt als Hirten für die euch anvertraute Herde Gottes, nicht aus Zwang, sondern freiwillig, wie Gott es will; auch nicht aus Gewinnsucht, sondern aus Neigung;

3 seid nicht Beherrscher eurer Gemeinden, sondern Vorbilder für die Herde!

4 Wenn dann der oberste Hirt erscheint, werdet ihr den nie verwelkenden Kranz der Herrlichkeit empfangen.

5 Sodann, ihr Jüngeren: ordnet euch den Ältesten unter! Alle aber begegnet einander in Demut! Denn Gott tritt den Stolzen entgegen, den Demütigen aber schenkt er seine Gnade.

6 Beugt euch also in Demut unter die mächtige Hand Gottes, damit er euch erhöht, wenn die Zeit gekommen ist.

7 Werft alle eure Sorge auf ihn, denn er kümmert sich um euch.

8 Seid nüchtern und wachsam! Euer Widersacher, der Teufel, geht wie ein brüllender Löwe umher und sucht, wen er verschlingen kann.

9 Leistet ihm Widerstand in der Kraft des Glaubens! Wißt, daß eure Brüder in der ganzen Welt die gleichen Leiden ertragen müssen!

10 Der Gott aller Gnade aber, der euch in (der Gemeinschaft mit) Christus zu seiner ewigen Herrlichkeit berufen hat, wird euch, die ihr kurze Zeit leiden müßt, wiederaufrichten, stärken, kräftigen und auf festen Grund stellen.

11 Sein ist die Macht in Ewigkeit. Amen.

12 Durch den Bruder Silvanus, den ich für treu halte, habe ich euch kurz geschrieben; ich habe euch ermahnt und habe bezeugt, daß dies die wahre Gnade Gottes ist, in der ihr stehen sollt.

13 Es grüßen euch die Mitauserwählten in Babylon und mein Sohn Markus.

14 Grüßt …
Sonntag, 18. Mai 2008 19:29
Protopsaltis †: Von der Redaktion entfernt
Freitag, 16. Mai 2008 18:05
Wenn meine Bank ausgeraubt wird, soll sie das auch lieber für sich behalten, sonst werden wieder dutzendweise potentielle Räuber falsch verdächtigt, und ich kriege Angst. Das nützt ja keinem.
Und wer über die Umtriebe von uns Freimaurern Bescheid weiß, behält es besser auch für sich! Wie stehen wir sonst da, z.B. in Foren wie diesen. (Ich muss mich ja sogar vom Mann meines Lebens beschimpfen lassen – aber ich tu es gern. Seid geduldig in Trübsal!)
Freitag, 16. Mai 2008 15:35
zum Glück katholisch: warum solche Artikel?
Auch wenn er Schreckliches erlebt hat (wie wir ja schon des öfteren gelesen haben) sollte er seine Erlebnisse für sich behalten. Denn die Mehrzahl der Luete verallgemeinert solche Vorfälle immer ungemein. Denn wenn es nach der Meinung der Leute geht, sind alle Priester entwede schwul, haben Kinder, sind pädophil usw…
Mit solchen artikeln zieht man den ganzen Klerus durch den Dreck, was einfach nicht recht und dazu noch unverschämt ist…
Warum erscheinen solche Artikel überhaupt im „Vatican-Magazin“? geht es in dieser Zeitschrift um die Kirche oder darum, solche Geschichten zu veröffentlichen?!
Freitag, 16. Mai 2008 14:49
Hochmut: Missbrauchsopfer gibt es unendlich viel mehr, als Sie und ich uns vorstellen können.
Vor allem Mädchen werden als Objekte und nicht als Menschen behandelt – von Vätern, Brüdern, Verwandten, Nachbarn, später Arbeitgebern und nicht selten vom eigenen Ehemann missbraucht, vergewaltigt, dadurch verstört, aus der Bahn geworfen, Verhaltensstörungen und Ängste entwickelnd lernen sie sich und das Leben zu hassen.

Mütter, Nachbarn, Pädagogen wissen, ich betone WISSEN was vor sich geht. Warum das Kind plötzlich ängstlich wird etc. (Besuch kommt…)
Freitag, 16. Mai 2008 14:34
Statt hier über Schmutz zu philosophieren, solltest du lieber beten gehen.
Ich habe allerdings den eindruck, du suhlst dich recht gerne.
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