14:48:15 | Samstag, 24. Mai 2008
Die reißenden Wölfe sind schon längst in die katholische Kirche eingedrungen. Nicht wenige von ihnen tragen Priesterkragen. Von einem Ex-Priester.
(kreuz.net/
‘Vatican Magazin’) Wenn ich nach all den Leiden und in Liebe etwas sagen darf, so meine ich:
1. Das Falscheste, was die Kirche heute tun könnte, wäre am Priesteramt in der klassischen Gestalt
zu zweifeln und den grundsätzlichen Link zwischen Zölibat und Priestertum zu schwächen. Im Kern sind
die Zusammenhänge von stupender Einfachheit, wie übrigens bei allen großen Dingen: Der Priester repräsentiert
Jesus. Punkt. Gewiß, Jesus mochte Frauen. Er schätzte die Ehe.
Dennoch lebte er das große mystische,
Welt überwindende Zeichen eheloser Liebe zu Gott. Wer Jesus für die Gemeinde darstellt und in seinem
Auftrag und an seiner Stelle agiert, soll seine Form der Liebe leben. Er soll allen gehören können,
weil er nur dem Einen gehört.
2. Wir haben nicht zu wenige Priester, wir haben zu viele. Wahrscheinlich
haben wir zu wenig Gläubige. Wir haben jedenfalls genau so viele echte Priester (und Ordensleute), wie
wir echte Gläubige haben. Das ist ein mystisches Gesetz in der Kirche.
Gott läßt seine Kinder nicht
alleine, niemals! Mit überreicher Hand sät er Berufungen über uns aus. Sie sind da, in ausreichender
Menge. Er berührt die Herzen von Menschen, die auf einem ganz anderen Trip sind. Er zieht an sich. Er
ruft.
Wir meinen bloß, wir müßten mehr Priester haben, weil wir an der Fiktion einer machtvollen Kirche
festhalten, die es längst nicht mehr gibt.
Es ist so viel Kirche in der Welt, so viel Kirche in den
Herzen ist. Wir irren, wenn wir das, was die Kirche ist, zuerst an einer Jahrtausende alten Geschichte,
an der Menge ihres Grundbesitzes, an den riesigen Bauten, an den Kristallisationen der Kunst, am mächtigen
Kirchensteueraufkommen und den weit reichenden Verbindungen festmachen.

Novemberausgabe des ‘Vatican-Magazin’
In Wahrheit sind wir ganz klein.
Wir sind ein paar Leute, die sich für das Evangelium frikassieren lassen. Das genügt. Wir sind ganz
und gar nicht ohne Hoffnung. Im lebendigen Glauben an Gott ist man niemals ohne Hoffnung. Venceremos!
Wir werden siegen! Nicht, weil wir so gut sind.
Wenn uns etwas gelingt gegen den mainstream der Gottesvergessenheit,
so ist es Gott selbst, der durch uns seine Sache betreibt.
Wenn wir nur leer genug sind, daß er sein
Leben in uns führen kann, wenn wir nur fein genug sind, daß er uns als seine Werkzeuge gebrauchen kann.
3. Wo die Priester der Zukunft herkommen? Sie kommen aus kollektiver Hingabe. Wo sich die ereignet, dort
wachsen Berufungen wie Maiglöckchen im Januar. Wo Gruppen von Christen – Männer und Frauen, Kinder und
alte Menschen – den Glauben verbindlich leben und tendenziell bereit sind, überall hinzugehen, alles
zu machen, unbegrenzt bereit zu sein – dort geschehen die herrlichsten aller Wunder, die der Nachfolge.
Berufungen (übrigens auch solche zur Familie oder zu bestimmten Charismen) werden dort entdeckt, wo Feuer
ist. Dort gibt es durchbetete Nächte. Dort wird gefastet. Dort wird geteilt. Dort ist Hingabe. Dort ist
Erleuchtung. Dort ereignen sich Wunder.
Lieber Heiliger Vater, gestatten Sie, daß ich mich danach direkt
an Sie wende. In aller Demut möchte ich Sie hier an jene Stelle aus der Apostelgeschichte erinnern, von
der ich weiß, wie kostbar sie Ihnen ist, denn Sie haben sie am Beginn Ihres Pontifikates verlesen lassen:
„Gebt acht auf euch und auf die ganze Herde, in der euch der Heilige Geist zu Bischöfen bestellt hat,
damit ihr als Hirten für die Kirche Gottes sorgt, die er sich durch das Blut seines eigenen Sohnes erworben
hat. Ich weiß: Nach meinem Weggang werden reißende Wölfe bei euch eindringen und die Herde nicht schonen“
(Apg 20,28-29).
„Betet für mich, daß ich nicht furchtsam vor den Wölfen fliehe!“ haben Sie uns danach
in Ihrer ersten Predigt am 24.April 2005 zugerufen. Das tun wir: Wir beten für Sie!
Die reißenden Wölfe
sind aber dennoch schon längst in die katholische Kirche eingedrungen. Nicht wenige von ihnen tragen
Priesterkragen. Das Zeugnis für unseren Herrn, welches das Angesicht der Erde verändern soll, wird überall
in der Welt beschmutzt von kinderschänderischen Priestern und verkommenen Klerikern und denen, die ihr
schändliches Tun noch decken.
Führen Sie die überfällige Scheidung der Geister herbei! Jagen Sie
die Mißbraucher aus dem Amt – und diejenigen, die ihre Taten schönreden, gleich hinterher. Gewiß gibt
es eine notwendige Solidarität des Hirten zu den Mithirten.
Doch um wie vieles wichtiger ist die Solidarität
des Hirten zu Schafen, zu den Kleinen, den Wehrlosen, den Opfern, von den es bei Matthäus heißt: „Wer
einen von diesen Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt, für den wäre es besser, wenn er
mit einem Mühlstein um den Hals ins Meer geworfen würde.“ (Mt 9,42).
Im Namen dieser Kleinen bitte
ich Sie: Räumen Sie auf! Haben Sie keine Angst vor dem Skandal. Er wird nur größer durch falsches Schweigen.
Nicht die Wahrheit erschüttert die Kirche, sondern die Lüge. Die Wahrheit wird uns frei machen.
Ich
bitte Sie auch im Namen der vielen Priester, Seminaristen und Ordensleute, die in Mithaftung genommen
werden für die Schandtaten der Frevler. Lassen Sie deren Ehre nicht zuschanden werden und ihre Arbeit
mit Füßen treten. Zuletzt bitte ich Sie für die nächste Generation Christen, die zu Ihnen aufschaut.
Unter ihnen sind viele, die ihr Leben geben möchten für die Neuevangelisierung Europas. Sie brauchen
Priester, die sie lieben können: Menschen, für die sie durchs Feuer gehen, weil sie ihnen die Gegenwart
Christi verkörpern.
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