16:00:31 | Donnerstag, 29. Mai 2008
„So bewunderte die Synagoge die neue Braut, die Kirche, weil sie einsah, daß sie selber nicht von gleichen Tugendkräften umschirmt ist.“ Von der Heiligen Hildegard von Bingen († 1179).
(kreuz.net) Danach sah ich eine weibliche Gestalt. Sie war vom Scheitel bis zur Leibesmitte schattenhaft,
von der Leibesmitte bis zu den Füßen schwarz, und an den Füßen blutrot.
Eine blendendweiße, ganz
reine Wolke umschwebte ihre Füße. Aber sie war der Augen beraubt.
Die Hände hielt sie unter den Achseln.
Sie stand neben dem Altare, der vor den Augen Gottes ist. Aber sie berührte ihn nicht.
In ihrem Herzen
stand Abraham, in ihrer Brust Moses, in ihrem Schoße die übrigen Propheten. Alle wiesen ihre Kennzeichen
auf und schauten mit Bewunderung auf die Schönheit der neuen Braut.
Das Weib war groß wie ein gewaltiger
Stadtturm und trug auf seinem Haupte einen Stirnreif, der wie Morgenrot leuchtete.
Wiederum hörte ich
die Stimme vom Himmel. Sie sprach zu mir:
Das Volk des Alten Bundes stellte Gott, da er von Abraham die
Beschneidung verlangte, unter die Strenge des Gesetzes. Später verwandelte Er diese Strenge in die Milde
der Gnade.
Durch seinen Sohn gab Er den Glaubenswilligen die Wahrheit des Evangeliums
und salbte sie, die sich an dem Joch des Gesetzes wundgetragen hatten, mit dem Öle der Barmherzigkeit.
Du siehst daher eine weibliche Gestalt, schattenhaft vom Scheitel bis zur Leibesmitte.
Es ist die Synagoge,
die Mutter der Inkarnation des Sohnes Gottes. Von ihrem Entstehen an – in ihren ersten Söhnen – bis zu
ihrer vollen Entfaltung sah sie die geheimen Pläne Gottes in schattenhafter Erkenntnis voraus.
Aber
sie konnte sie nicht vollkommen auftun.
Sie selber war ja nicht das leuchtende Morgenrot, das sie deutlich
verkündete, sondern sie erschaute es staunend von ferne, wie es im Hohenlied von ihm heißt:
„Wer ist
die, die dort heraufsteigt aus der Wüste, von Wonne überströmt und auf ihren Geliebten gestützt?“
(Hl 8,5).
Das heißt: Wer ist die Braut, die erfüllt von guten Werken, aus der Wüste der Heidenvölker
heraufsteigt, der Völker, welche die Gesetzesvorschriften der göttlichen Weisheit verlassen und Götzen
anbetet?
Wer ist die, die zu himmlischem Verlangen sich erhebt, überfließend von Wonne durch die Gaben
des Heiligen Geistes, lechzend vor Eifer und sich stützend auf ihren Bräutigam, den Sohn Gottes?
Diese
ist es – die Kirche –, die, vom Sohn des Allerhöchsten ausgestattet, in herrlichen Tugenden erblüht
und überfließende Nahrung findet an den Bächen der Schrift.
Auf die Söhne der neuen Braut schaut
die Synagoge mit Staunen voraus und fragt meinen Knecht Isaias: „Wer sind diese, die wie Wolken fliegen
und wie Tauben zu ihren Taubenschlägen?“ (Is 60,8).
Das besagt: Wer sind diese, die sich geistesmächtig
über die irdischen und fleischlichen Begierden erheben, voll Verlangen und Hingabe dem Himmlischen zufliegen,
in Taubeneinfalt und ohne bittere Galle die Sinne ihres Körpers zügeln und der sicheren Zufluchtstätte
auf dem festesten Felsen – dem Eingeborenen Gottes – mit brennendem Tugendeifer entgegeneilen?
Es sind
die, die aus Liebe zum Göttlichen irdische Reiche mit Füßen treten und himmlische Reiche suchen.
So
bewunderte die Synagoge die neue Braut, die Kirche, weil sie einsah, daß sie selber nicht von gleichen
Tugendkräften umschirmt ist.
Denn Engelsschutz umgibt die Kirche, damit der Teufel sie nicht zerstöre
und niederreiße. Aber die Synagoge ward von Gott verlassen und liegt darnieder in ihren Lastern.
Aus
dem Buch: Hildegard von Bingen, Wisse die Wege, SCIVIAS, erstes Buch fünfte Schau, Titel: Die Synagoge.
Nächstes Mal: Die Synagoge sank zu Boden. Da stand die Kirche auf
Sie haben eine Meinung zu diesem Artikel? Dann verfassen Sie einen Beitrag. Bleiben Sie in Ihrem Kommentar sachlich und bemühen Sie sich um eine erträgliche Diskussionsatmosphäre. Bedenken Sie, daß Ihr Beitrag noch über Jahre hinweg abrufbar und durch Suchmaschinen im Internet auffindbar ist.
Die Redaktion übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der Leserbeiträge. Sie behält sich das Recht vor, Beiträge zu löschen oder Leser aus der Debatte auszuschließen.