14:18:52 | Freitag, 6. Juni 2008
Die kirchliche Flucht aus dem Symbol ist eine Illusion: „Sogar die nichtssagendste Betonskulptur hat eine Botschaft – und sei es die, daß sie für Sinnentleerung, Sprachlosigkeit, Selbstaufgabe steht.“

Palmsonntagsmesse 2008 in einer Pfarrei in Minneapolis.
(kreuz.net) „Prachtvolle Moscheen stechen karge Kirchen aus“. Unter diesem Titel verfaßte der Journalist
Dankwart Guratzsch (68) am 23. Mai in der deutschen Tageszeitung ‘Die Welt’ einen Artikel.
Der Journalist
sieht einen erheblichen Unterschied zwischen dem modernen Kirchen- und Moscheebau:
Prächtige Moscheen
gegen Schuhschachteln„Prächtige neue Moscheen zeugen vom wachsenden Selbstbewußtsein des Islams in
Deutschland. Neue Kirchen hingegen gleichen hierzulande eher Schuhschachteln und Bunkern.“
So wolle sich
das Christentum dem weltlichen Geschmack anpassen: „Das aber schadet der Religion.“
Guratzsch interpretiert
die zahlreichen Moscheen, die zur Zeit in Deutschland geplant und gebaut werden, als Zeichen für Kraft
und Selbstbewußtsein des Islam:
„Es geht um den unaufhaltsamen Umbruch und Identitätswandel ganzer
Städte.“
Das Selbstverständnis der Mehrheitsgesellschaft sei teilweise bereits so ausgehöhlt, daß
diese sich in ihren geistigen Fundamenten erschüttert und nicht mehr konkurrenzfähig fühle.
Guratzsch
verweist auf das „Kulturwissenschaftliche Institut“ in Essen, das die Frage nach Sakralbauten und Moscheekonflikte
zum Thema eines Kongresses machte und dabei speziell die Rolle der Architektur für die „Formgebung religiöser
Freiheit“ auszuloten versuchte.
Der Kongreß beschäftige sich auch mit der Frage, ob es nicht ein leichtes
wäre, die Moschee-Architektur durch Entsinnlichung und Aushöhlung der Symbole zu entschärfen.
Es entstünden
bereits weltweit Alternativen zu Minarett und Kuppel, die sich von der traditionellen Symbolik lösten –
versuchten die Kongreß-Veranstalter zu suggerieren.
„Aber mit dieser Sichtweise blieben sie ganz in
der sich selbst mahlenden Mühle aufgeklärten Denkens gefangen“ – so Guratzsch.
Gleichschaltung durch
EntsymbolisierungDie dahinterstehende Utopie sei die alte Glaubensformel der Moderne: „Gleichheit durch
Entsymbolisierung. Man kann auch sagen: durch Entschärfung.“
Wenn aus einer Kirche eine Kiste werde,
seien die Inhalte austauschbar und würden ihre spirituelle Eigenmacht verlieren.
Die Kirchen hätten
mit ihrem „Schielen nach mehr Weltlichkeit“ lange auf diese Vorstellung von Integration in die Gesellschaft
gebaut:
„Gotteshäuser sind zu Schuhschachteln und Bunkern, Schneckenhäusern und Glaspyramiden geworden,
ihren Architekten führte der Hang zu inhaltsleerer Theatralik und staubtrockener Sachlichkeit den Zeichenstift.“
Fade Belanglosigkeit„Erst jetzt scheint die Einsicht aufzukommen, daß solches Kokettieren mit dem
weltlichen Geschmack den Glauben heimatlos gemacht hat, daß sinnstiftende Metaphorik gegen fade Belanglosigkeit
eingetauscht wurde“ – so Guratzsch:
Diese Mangelempfindung steigere sich in der Konfrontation mit dem
Islam zur Verlusterfahrung: „Kehrt es jetzt aus dem Orient mit der ganzen Verführungskraft eines lange
entbehrten Genußmittels in das Abendland zurück?“
Der Gegenzauber der fremden Bildwelten treffe die
aufgeklärte Moderne an einer verwundbaren Stelle:
Sich selber verloren„Während die Verteidiger des
Moscheebaus die »Offenheit« und »Transparenz« ihrer Gotteshäuser proklamieren und zu deren Besuch,
zur Benutzung der Bibliotheken und Lehreinrichtungen auch durch Christen und Atheisten aufrufen, vermögen
sich Architekten und Kirchenvertreter »modern-westlicher« Provenienz nur noch zu einem
»Spiel mit Ambivalenz«
zu bekennen“.
Die Flucht aus dem Symbol sei nichts als pure Illusion: „Auch noch die nichtssagendste
Betonskulptur hat eine Botschaft – und sei es die, daß sie für Sinnentleerung, Sprachlosigkeit, Selbstaufgabe
steht.“
Guratzsch sieht die christlichen Kirchen vor einer gewaltigen Aufgabe der Selbstfindung:
„Dürftigkeit,
Kleinmut und Rückzugsmentalität, die den christlichen Kirchenbau heute wie ein Auslaufmodell erscheinen
lassen, haben das Bild der Kathedrale jenem des Himmels so weit entfremdet, daß es unkenntlich geworden
ist.“
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#6
Vineta 17:34:12 | Freitag, 6. Juni 2008
#1
iustus 14:38:15 | Freitag, 6. Juni 2008