13:55:45 | Samstag, 21. Juni 2008
„Doch du hast mich, den Gerechten, verschmäht und Dich dem Teufel vermählt.“ Von der Heiligen Hildegard von Bingen († 1179).
(kreuz.net) Wie der Mensch durch den Tod des Eingeborenen Gottes gegen Ende der Zeiten dem Verderben des
Todes entrissen wurde, so wird auch die Synagoge, vor dem Jüngsten Tage durch göttliche Erbarmung erweckt,
ihren Unglauben verlassen und wahrhaft zur Erkenntnis Gottes gelangen.
Geht nicht das Morgenrot der Sonne
voraus? Aber die Morgenröte entweicht, und die Sonnenhelle bleibt.
So tritt auch das Alte Testament
zurück, und die Wahrheit des Evangeliums hat Bestand.
Denn was die Alten in der Beobachtung des Gesetzes
fleischlich vollzogen, das übt das neue Volk im Neuen Bunde geistig. Es bringt im Geiste zur Erfüllung,
was im Fleische vorgedeutet war.
Die Beschneidung ist nicht untergegangen, sondern in die Taufe übergegangen,
damit – wie die Gläubigen des Alten Bundes an einem Gliede besiegelt wurden – die Gläubigen des neuen
Bundes an allen Gliedern besiegelt werden.
Das alte Gesetz ist also nicht aufgelöst, sondern auf eine
höhere Ebene verlegt. So wird auch vor dem Jüngsten Tage die gläubig gewordene Synagoge in die Kirche
übergehen.
Denn als du, o Synagoge, in vielen Sünden den Weg des Irrtums gingst,
so daß du dich mit Baal und andern Götzen beflecktest, als du durch schändliche Sitten die Beobachtung
des Gesetzes zerstörtest und nackt in deinen Sünden dalagst, da tat Ich, was mein Knecht Ezechiel spricht:
„Ich breite meinen Mantel über Dich und bedecke Deine Blöße. Ich tat Dir einen Schwur und ging mit
dir einen Bund ein.“ (Ez 16,8)
Das will besagen: Ich, der Sohn des Allerhöchsten, breitete nach dem
Willen des Vaters über Dich, o Synagoge, den Mantel meiner Inkarnation.
Zu deinem Heile tat Ich es,
um die Sünden, die du in zahllosen Unterlassungen begangen hast, hinwegzunehmen.
Ich reichte Dir das
Heilmittel der Erlösung. Ich offenbarte dir zu deiner Rettung die Pfade meines Bundes, als Ich Dir den
wahren Glauben durch die apostolische Lehre kundtat, damit Du meine Gebote hieltest, wie das Weib der
Gewalt eines Mannes unterworfen sein muß.
Die Härte des nur äußerlichen Gesetzes nahm Ich von Dir
und gab Dir dafür die Milde der geistlichen Lehre.
Durch Mich, den Menschgewordenen, eröffnete Ich
Dir all meine Geheimnisse in geisterfüllten Wahrheiten.
Doch Du hast Mich, den Gerechten, verschmäht
und Dich dem Teufel vermählt.
Aber höre, o Mensch, und verstehe! Wie Samson von seinem Weibe hintergangen
wurde, so daß er seines Augenlichtes beraubt ward, so hat die Synagoge den Sohn Gottes verlassen, als
sie in ihrer Verstocktheit Ihn verachtete und seine Lehre verwarf.
Aber nachdem Samsons Haare wieder
gewachsen waren, das heißt, nachdem die Kirche Gottes erstarkt war, verstieß der Gottessohn die Synagoge
in seiner Kraft und enterbte ihre Kinder.
Der Eifer Gottes zermalmte sie durch Heiden, die Gott zuvor
nicht kannten. Denn sie hatte sich jeglicher Schmach und Spaltung in vielen Verirrungen ausgeliefert und
sich mit Sünden jeder Art befleckt.
Wie aber David sein Weib das er sich vermählt, das sich aber einem
anderen ergeben hatte, schließlich doch wieder zu sich rief, so auch der Sohn Gottes.
Die Synagoge,
die Ihm in seiner zukünftigen Fleischwerdung verbunden war, aber die Gnade der Taufe zurückstieß und
dem Teufel anhing, wird Er am Ende der Zeiten wieder aufnehmen.
Dann wird sie die Irrwege ihres Unglaubens
verlassen und zum Lichte der Wahrheit zurückkehren.
Denn der Teufel entführte die Synagoge ob ihrer
Blindheit und gab sie in vielen Irrtümern der Untreue preis. Er wird mit diesem Treiben auch nicht aufhören,
bis der Sohn des Verderbens kommt.
Aber wie Saul, der David aus seinem Lande vertrieben hatte, auf dem
Berge Gelbeo fiel, so wird auch Satan in der maßlosen Aufgeblasenheit seines Stolzes stürzen, wenn der
Sohn des Verderbens sich an meinen Sohn in seinen Auserwählten heranwagen wird.
Dieser wird den Antichrist
niederschmettern und die Synagoge zum wahren Glauben zurückrufen, wie David nach dem Tode Sauls, seine
erste Gattin wieder zu sich nahm.
Wenn nämlich die Menschen am Ende der Zeiten den, der sie betrogen
hat, besiegt sehen, werden sie mit großer Eile auf den Weg des Heiles zurücklaufen.
Es geziemt sich
nicht, daß die Wahrheit des Evangeliums den Schatten des Gesetzes ankündigte. Denn das Fleischliche
muß vorangehen, das Geistige folgen.
Der Knecht meldet die Ankunft des Herrn. Doch der Herr läuft seinem
Knechte nicht wie ein Sklave voraus. So war die Synagoge Vorläuferin im Schatten sinnbildlicher Bedeutung,
und die Kirche folgte im Lichte der Wahrheit.
Wer Erkenntnis im Heiligen Geist und die Flügel des Glaubens
besitzt, der gehe nicht achtlos an meiner Ermahnung vorüber, sondern er koste, umfange und trage sie
in seiner Seele.
Aus dem Buch: Hildegard von Bingen, Wisse die Wege, SCIVIAS, erstes Buch fünfte Schau,
Titel: Die Synagoge.
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