15:43:20 | Mittwoch, 2. Juli 2008
Ich befürworte den Dialog nicht, weil man über die Wahrheit des katholischen Glaubens keine ernsthaften Dialoge führen kann. Erzbischof Marcel Lefebvre († 1991) im Interview.

Erzbischof Lefebvre liegt in Ecône begraben.
© fsspx.info(kreuz.net) Im Jahr 1978 sprach ein US-Journalist mit dem Gründer der Piusbruderschaft, Erzbischof Marcel
Lefebvre († 1991). Das Interview durfte aufgrund einer Intervention hoher kirchlicher Kreise nicht veröffentlicht
werden. Hier der siebte Teil des Gespräches.
Warum messen Sie Papst Pius V. mehr Bedeutung zu als Papst
Paul VI.? Es handelt sich doch bei beiden um Päpste. Akzeptieren Sie die Lehre über die päpstliche
Unfehlbarkeit nicht? Glauben Sie, daß dieser Lehrsatz mehr für den einen als für den anderen gilt?
Ich denke, daß Papst Pius V. seine päpstliche Unfehlbarkeit bereits in Anspruch nahm, weil er alle
Begriffe benutzte, welche die Päpste normalerweise verwenden, wenn sie ihre Unfehlbarkeit ausdrücken
wollen.
Papst Paul VI. sagte dagegen, daß er seine Unfehlbarkeit nicht benützen wolle.
Wann?Er tat
das, indem er keinen Glaubenssatz unverfehlbar verkündete, wie das andere Päpste vor ihm taten. Keines
der Dekrete des Zweiten Vatikanums wurde mit dem Gewicht der Unfehlbarkeit verabschiedet.
Außerdem hat
Paul VI. seine Unfehlbarkeit im Hinblick auf die Messe nicht wahrgenommen. Er hat die von Papst Pius V.
verwendeten Ausdrück nicht benützt, als er entschied, daß die Neue Messe den Gläubigen aufgezwungen
worden sollte.
Ich kann die zwei Promulgationsdekrete nicht vergleichen, weil sie komplett verschieden
sind.
Hat Papst Paul VI. jemals erklärt, nicht an die päpstliche Unfehlbarkeit zu glauben?Nein. Er
hat das nie ausdrücklich gesagt. Aber Papst Paul VI. ist ein Liberaler. Er glaubt nicht an die Beständigkeit
der Dogmen. Er glaubt nicht, daß ein Dogma für immer unverändert bleiben muß. Er ist für einige Veränderungen,
die sich nach den Wünschen der Menschen richten. Er ist für Änderungen, die einen laizistischen und
modernistischen Ursprung haben. Das ist der Grund, warum es für ihn so problematisch ist, eine Wahrheit
für immer festzuschreiben. Tatsächlich haßt er es wie die Pest, so etwas zu tun. Er fühlt sich unbehaglich,
wann immer solche Situationen auftauchen. Diese Einstellung spiegelt den Geist des Modernismus wider.
Bis zum jetzigen Augenblick hat der Papst seine Unfehlbarkeit in Glaubens- oder Sittenfragen nie verwendet.
Hat sich der Papst selber als Liberalen oder Modernisten bezeichnet?Ja. Der Papst hat das beim Konzil,
das kein pastoral ausgerichtetes Konzil war, gesagt. Er hat das auch in seiner Enzyklika „Ecclesiam Suam“
deutlich gemacht. Er hat erklärt, daß diese Enzyklika keine Tatsachen definiere, sondern daß er wünsche,
daß sie als Ratschlag angenommen werde und zum Dialog führe.
In seinem „Credo des Gottesvolkes“ sagte
er, daß er nicht wünsche, seine Unfehlbarkeit zu benutzen. Das zeigt klar, wo seine Schwerpunkte liegen.
Erlaubt ihnen nicht gerade seine Offenheit für den Dialog, mit ihm nicht
im letztendlichen Gegensatz zu stehen?Ja. Von einem liberalen Standpunkt aus, muß dieser Dialog erlaubt
werden. Wenn der Papst seine Unfehlbarkeit in Angelegenheiten des Glaubens und der Moral nicht nutzt,
ist man sehr viel freier, über seine Worte und Taten zu diskutieren.
Von meinem Standpunkt aus, bin
ich daran gebunden, mich dem zu widersetzen, was stattgefunden hat, weil es der unfehlbare Lehre der Päpste
der letzten 2.000 Jahren widerspricht.
Ich befürworte einen solchen Dialog nicht, weil man nicht ernsthaft
über die Wahrheit des katholischen Glaubens Dialoge führen kann. Es ist also geradezu ein umgedrehter
Dialog, der mir aufgezwungen wurde.
Was würde geschehen, wenn der Papst plötzlich seine Unfehlbarkeit
benützte, um ihnen zu befehlen, ihm zu gehorchen?In dem Maß, in dem der Papst seine Unfehlbarkeit
als Nachfolger Petri in einer feierlichen Weise verwenden würde, glaube ich, daß der Heilige Geist ihm
nicht erlauben würde, in diesem Moment im Irrtum zu sein. Natürlich würde ich dem Papst dann folgen.
Aber wenn sich der Papst auf seine Unfehlbarkeit berufen würde, um jene Änderungen zu unterstreichen,
die Sie jetzt so stark ablehnen, wie wäre Ihre Einstellung dann?Die Frage stellt sich nicht, weil der
Heilige Geist glücklicherweise immer hier ist und sicherstellen würde, daß der Papst seine Unfehlbarkeit
nicht für etwas verwenden würde, das der Lehre der katholischen Kirche widerspricht. Deshalb kann der
Papst seine Unfehlbarkeit nicht benutzen, weil der Heilige Geist nie erlauben würde, daß solche Änderungen
unter dem Siegel der Unfehlbarkeit stattfinden.
Aber wenn es doch so kommen sollte?Das ist undenkbar.
Aber sollte es doch so kommen, würde die Kirche aufhören zu existieren. Das würde heißen, daß es
keinen Gott gibt. Denn Gott würde sich dann selber widersprechen. Das ist unmöglich.
Aber ist die Tatsache,
daß Papst Paul VI. auf dem Stuhl Petri sitzt, für Sie nicht genug, um alles zu befolgen, was der Stellvertreter
Christi von Ihnen verlangt – genauso, wie es andere Katholiken machen?Das ist leider ein Fehler und
eine falsche Auffassung von der päpstlichen Unfehlbarkeit. Denn der Papst war schon vor dem Ersten Vatikanischen
Konzil – bei dem das Dogma der Unfehlbarkeit verkündet wurde – unfehlbar. Das war keine plötzliche Erfindung.
Die Unfehlbarkeit wurde damals viel besser verstanden als heute, weil man gut begriff, daß der Papst
nicht in allem, was sich unter der Sonne ereignet, unfehlbar ist.
Er ist nur in sehr spezifischen Angelegenheiten
des Glaubens und der Moral unfehlbar.
Zu dieser Zeit taten viele Kirchenfeinde alles, um dieses Dogma
der Kirche ins Lächerliche zu ziehen und Falschauffassungen zu verbreiten. Die Kirchenfeinde sagten beispielsweise
zu den Unwissenden und Naiven, daß ein Hund eine Katze sei, wenn der Papst das so sage, und es Pflicht
eines Katholiken sei, diese Position blind zu akzeptieren, ohne sie zu hinterfragen.
Natürlich war das
eine absurde Interpretation und die Katholiken wußten das.
Jetzt – da es ihren Zwecken nützt – arbeiten
dieselben Feinde der Kirche sehr daran, daß alles, was der Papst sagt, fraglos als unfehlbar angenommen
wird, fast so, als ob seine Worte von unserem Herrn Jesus Christus selbst geäußert würden.
Dieser
Eindruck ist – obwohl sehr stark verbreitet trotzdem völlig falsch.
Die Unfehlbarkeit ist sehr stark
beschränkt. Sie kommt nur bei sehr speziellen Fällen zur tragen, die das Erste Vatikanum sehr gut und
detailiert definiert hat.
Man kann nicht sagen, daß der Papst immer, wenn er spricht, unfehlbar sei.
Heute ist es eine Tatsache, daß der Papst ein Liberaler ist und daß es am Zweiten Vatikanischen Konzil
diese liberalen Bewegungen zur Zerstörung der Kirche entstanden sind – eine Zerstörung, von der man
erwartet, daß sie jeden Tag eintrifft.
Nachdem die liberalen Ideen in die Seminarien, in den Katechismus
und in alle Erscheinungsformen der Kirche eingedrungen sind, werde ich aufgefordert, mich nach diesen
liberalen Ideen zu richten. Weil ich mich nicht hinter diese liberalen Ideen gestellt habe, welche die
Kirche zerstören, gibt es Versuche, mein Priesterseminar aufzulösen. Deshalb wurde ich aufgefordert,
keine Priester mehr zu weihen.
Es wird ein extremer Druck auf mich ausgeübt, mich anzupassen und diese
zerstörerische Ausrichtung der Kirche zu akzeptieren. Doch ich werde diesem Weg nicht folgen.
Ich kann
nicht akzeptieren, mit dem im Widerspruch zu sein, was die Päpste seit zwanzig Jahrhunderten gelehrt
haben. Ich und alle, die mich unterstützen, gehorchen den Päpsten, die vor uns waren – oder wir gehorchen
dem gegenwärtigen Papst.
Wenn wir dem gegenwärtigen Papst gehorchen, dann sind wir gegenüber allen
vorhergehenden Päpsten ungehorsam.
Schlußendlich enden wir im Ungehorsam gegenüber dem katholischen
Glauben und Gott.
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