Letzten Mittwoch zelebrierte Joseph Kardinal Ratzinger das Requiem für Monsignore Luigi Giussani, den Gründer der internationalen katholischen Bewegung „Gemeinschaft und Befreiung“. Die Worte des Kardinals.
„Die Jünger freuten sich, als sie den Herrn sahen“.
Diese Worte des Evangeliums weisen uns auf den Mittelpunkt
der Person und des Lebens unseres lieben Don Luigi Giussani hin.
Don Giussani wuchs – wie er selbst sagt –
in einem Haus auf, das arm an Brot, aber reich an Musik war. Darum war er von Anfang an berührt, ja sogar
verwundet von der Sehnsucht nach Schönheit. Er gab sich nicht mit irgendeiner banalen Schönheit zufrieden.
Er suchte die Schönheit an sich, die unendliche Schönheit. Deshalb hat er Christus gefunden und in Christus
die wahre Schönheit: den Weg des Lebens, die wahre Freude.
Schon als junger Mann rief Luigi Giussani
mit anderen Jugendlichen eine Gemeinschaft ins Leben, die sich „Studium Christi“ nannte. Das Programm
der Gemeinschaft bestand darin, von nichts anderem als Christus zu sprechen, weil alles andere den Mitgliedern
als Zeitverschwendung erschien. Natürlich hat er es später verstanden, Einseitigkeiten zu überwinden,
aber im Kern blieb ihm erhalten, daß nur Christus unserem Leben Sinn gibt.
Don Giussani hat den Blick
seines Lebens und seines Herzens immer fest auf Christus gerichtet. So hat er verstanden, daß das Christentum
kein intellektuelles System, kein Paket von Dogmen, kein Moralismus, sondern eine Begegnung ist, eine
Liebesgeschichte. Ein Ereignis.
Dieses Sichverlieben in Christus, die Liebesgeschichte, welche sein Leben
gewesen ist, war dennoch weit entfernt von einem leichtfertigen Enthusiasmus und von jeder Art vager Gefühlsseligkeit.
Indem Don Giussani Christus sah, hat er gewußt, daß die Begegnung mit Christus und seine Nachfolge ein
Weg ist, der – wie wir es im Psalm gehört haben – auch die „finstere Schlucht“ durchquert.
Das Evangelium
sprach von der letzten Dunkelheit des Leidens Christi, von der scheinbaren Abwesenheit Gottes, der Finsternis
der Sonne dieser Welt. Don Giussani wußte, daß die Nachfolge Christi darin besteht, eine „finstere Schlucht“
zu durchqueren, das heißt, auf dem Weg des Kreuzes zu gehen und dennoch in der wirklichen Freude zu leben.
Warum ist das so? Christus selbst hat das Geheimnis des Kreuzes, das in Wirklichkeit das Geheimnis der
Liebe ist, in Worte gefaßt, in denen die Wirklichkeit unseres Lebens ausgedrückt ist: „Wer sein Leben
zu bewahren sucht, wer das Leben für sich haben will, wird es verlieren, wer es dagegen verliert, wird
es gewinnen“.
Don Giussani wollte das Leben nicht für sich haben. Er hat das Leben hingegeben. Dadurch
hat er das Leben nicht nur für sich, sondern für viele andere gewonnen. Er hat das verwirklicht, was
wir im Evangelium gehört haben: Don Giussani wollte nicht ein Herrscher sein, sondern er wollte dienen.
Er war ein treuer Diener des Evangeliums.
Er hat den Reichtum seines Herzens verteilt. Er hat die göttlichen
Gaben des Evangeliums, von dem er durchdrungen war, ausgeteilt. Sein Leben hingebend, hat er gedient,
und sein Leben hat reiche Frucht gebracht. Er ist Vater von vielen geworden und hat dadurch, daß er die
Menschen nicht zu sich, sondern zu Christus führte, die Herzen gewonnen. Er hat dazu beigetragen, die
Welt besser zu machen und die Tore der Welt für den Himmel zu öffnen.
Die Zentralität Christi in seinem
Leben gab ihm auch die Gabe der Unterscheidung. Don Giussani verstand es, die Zeichen der Zeit in einer
schwierigen Zeit voller Versuchungen und Irrtümer zu entschlüsseln.
Denken wir auch an das bewegte
Jahr 1968 und die Folgejahre, als eine erste Gruppe der Seinen nach Brasilien zog und sich dort mit extremster
Armut und tiefstem Elend konfrontiert sah.
Was war zu tun? Wie antworten?
Die Versuchung war groß,
zu sagen: Jetzt müssen wir für einen Augenblick von Christus absehen, von Gott absehen, weil es Dringenderes
zu tun gibt.
Wir müssen zunächst anfangen, die äußeren Umstände zu verändern. Wir müssen zuerst
die Welt verbessern. Dann können wir auch den Himmel finden.
Es war die große Versuchung des Augenblicks,
das Christentum in einen gutgemeinten Moralismus zu verwandeln – und den Moralismus in Politik: „Glauben“
durch „Tun“ zu ersetzen.
Was kann „Glauben“ schon bewirken? Man konnte in diesem Augenblick versucht
sein zu sagen: Wir müssen etwas tun!
Doch wenn man den Glauben durch einen Moralismus ersetzt, verliert
man sich in Einzelheiten. Man verliert vor allem die Kriterien und Punkte, an denen man sich orientieren
kann. Am Ende baut man nicht auf, sondern man spaltet.
Monsignore Giussani hat mit seinem unerschütterlichen
Glauben gewußt, daß auch in dieser Situation die Begegnung mit Christus im Zentrum steht. Wer nicht
Gott gibt, gibt zu wenig. Wer nicht hilft, Gott im Antlitz Christi zu finden, baut nicht auf, sondern
zerstört, weil er – wie wir nur zu gut gesehen haben – bewirkt, daß menschliches Tun sich in falschen
Ideologien verliert.
Don Giussani bewahrte Christus im Zentrum. Auf diese Weise hat er mit sozialen Werken
und seinem Dienst in dieser schwierigen Welt, in der die Verantwortung der Christen für die Armen sehr
groß und drängend ist, geholfen.
Wer glaubt, muß – so haben wir gesagt – auch die „finstere Schlucht“
durchqueren. Das sind die finsteren Schluchten der Unterscheidung. Sie sind auch die Schluchten der Widrigkeiten,
Widersprüche, ideologischen Abneigungen, bis hin zu Drohungen, Mitglieder seiner Bewegung umzubringen,
um sich von der anderen Stimme zu befreien, die sich nicht mit Tun zufrieden gibt, sondern eine größere
Botschaft verkündet, und damit auch ein größeres Licht.
Monsignore Giussani hat diese dunklen Schluchten
in der Kraft des Glaubens unerschütterlich durchquert. Natürlich hatte er wegen der Neuheit, die er
mit sich brachte, auch innerhalb der Kirche Schwierigkeiten.
Immer wenn der Heilige Geist gemäß den
Bedürfnissen der Zeit das Neue hervorbringt, das in Wirklichkeit die Rückkehr zu den Ursprüngen ist,
ist es schwierig, sich zu orientieren und das friedliche Miteinander der großen Gemeinschaft der universalen
Kirche zu finden.
Die Liebe Don Giussanis zu Christus war auch eine Liebe für die Kirche. So ist er
immer ein treuer Diener geblieben: treu dem Heiligen Vater und treu seinen Bischöfen. Mit seinen Gründungen
hat er auch das Geheimnis der Kirche neu gedeutet.
Die von Don Giussani gegründete weltweite „Gemeinschaft
und Befreiung“ läßt uns an die große Entdeckung der modernen Zeit denken: die Freiheit. Das erinnert
uns an das Wort des heiligen Ambrosius „Ubi fides est libertas“ – Wo Glaube ist, da ist Freiheit.
Giacomo
Kardinal Biffi, der frühere Erzbischof von Bologna, hat darauf hingewiesen, daß dieses Wort des heiligen
Ambrosius und die Bewegung „Gemeinschaft und Befreiung“ einander sehr nahe sind. Ambrosius bezeichnet
die Freiheit als eine Gabe, die dem Glauben eigen ist. Damit sagt er uns auch, daß Freiheit eine Gemeinschaft
benötigt, um wahre menschliche Freiheit – eine Freiheit in Wahrheit – zu sein.
Eine isolierte Freiheit,
die nur dem Ich dient, ist eine Lüge und würde die menschliche Gemeinschaft zerstören. Die Freiheit
braucht die Gemeinschaft, um wahr und damit auch leistungsfähig zu sein. Sie braucht aber nicht irgendeine
Gemeinschaft, sondern die Gemeinschaft mit der Wahrheit und Liebe selber, mit Christus, mit dem Dreifaltigen
Gott. So baut man eine Gemeinschaft auf, die Freiheit schafft und Freude schenkt.
Die zweite Gründung
von Don Giussani, ist die Gemeinschaft der „Memores Domini“. Es handelt sich um geweihte Männer und Frauen,
die ehelos in der Welt arbeiten und Zeugnis ablegen. „Memores Domini“ bedeutet: „jene, die sich des Herrn
erinnern“. Das läßt uns erneut an das Evangelium von heute denken: Das Gedächtnis, das der Herr uns
in der heiligen Eucharistie gegeben hat, ist ein Gedächtnis, das nicht nur Erinnerung des Vergangenen
ist, sondern welche Gegenwart schafft.
Im Geheimnis der Eucharistie gibt Christus sich selber in unsere
Hände und in unsere Herzen und läßt uns finstere Schluchten durchschreiten.
In der letzten Etappe
seines Lebens mußte Don Giussani die finstere Schlucht der Krankheit, des Gebrechens, des Schmerzes und
des Leidens durchschreiten. Auch hier war sein Blick auf Christus gerichtet. So blieb er in allem Leiden
wahr. Indem er Jesus sah, konnte er sich freuen. Ihm war die Freude des Auferstandenen, der auch im Leiden
der Auferstandene ist, gegenwärtig. Dieser Auferstandene gibt uns das wahre Licht und die wahre Freude.
Während Don Giussani dieses Tal durchschritt, verstand er die Worte des Psalms: „Ich fürchte kein Unheil;
denn du bist bei mir und im Haus des Herrn darf ich wohnen für lange Zeit“. Dies war seine große Kraft
zu wissen: „Du bist bei mir“.
Meine lieben Gläubigen, vor allem, meine lieben Jugendlichen, nehmen wir
uns diese Botschaft zu Herzen. Verlieren wir Christus nicht aus den Augen. Vergessen wir nicht, daß man
ohne Gott nichts Gutes aufbaut und daß Gott ein Rätsel bleibt, wenn er nicht im Antlitz Christi erkannt
wird.
Jetzt ist euer lieber Freund Don Giussani in der anderen Welt angekommen. Wir sind überzeugt,
daß sich die Tür des Hauses des Vaters geöffnet hat. Wir sind überzeugt, daß sich dieses Wort vollständig
erfüllt: Die Jünger freuten sich, daß sie den Herrn sahen. Er freut sich mit einer Freude, die ihm
niemand nehmen kann. In diesem Augenblick wollen wir dem Herrn danken für das große Geschenk dieses
Priesters, dieses treuen Dieners des Evangeliums, dieses Vaters.
Vertrauen wir seine Seele der Güte
seines und unseres Herrn an. Amen.
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6 Lesermeinungen
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Sorry Sorry Ich habe nicht verstanden! Bonifaitus: was meintest du genau mit deinem Zitat? Könntest du
bitte expliziter sein? Was hat dann die Rederei über die Geburtenrate mit dieser Predigt vom Kardinal
Ratzinger und mit dem Leben Giussanis zu tun? Bitte um Erläterung?
was ich nicht verstehe: Warum hat das katholische Italien eine der niedrigsten Geburtenraten der Welt,
warum wird in diesem Land immer weniger geheiratet? Ist’s vielleicht so, dass die Lamentiererei katholischer
Kirchenvertreter schlicht nicht die tatsächlichen Verhältnisse trifft, in denen die Menschen leben?
Immerhin: wenn man moraltheologische Literatur aus verschiedenen Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts liest,
finden sich immer die gleichen Klagen – und es tut sich die Frage auf, welche Interessen da tatsächlich
vorliegen könnten?
#1 bonifatius 13:21:23 | Sonntag, 27. Februar 2005
libertas „ Eine isolierte Freiheit, die nur dem Ich dient, ist eine Lüge und würde die menschliche Gemeinschaft
zerstören“. Wie wahr in unserer libertinistischen egozentrischen Zeit!