[ « 473 474 475 476 477 » ]
Donnerstag, 3. März 2005 15:35
Reisen Sie mal nach Lateinamerika!
Bischof Amédée Grab im Gespräch mit der Wochenzeitschrift „Schweizer Illustrierte“. Die in der Schweiz seit Jahrzehnten von der Basis geforderte und von den Bischöfen geförderte Laienpredigt beurteilt er vieldeutig: „Derzeit geht es einfach nicht anders.“
(kreuz.net, Chur) Mons. Amédée Grab hat viele Ämter gesammelt. Der Benediktiner ist Bischof der Südostschweizer Diözese Chur, zu der Zürich, der bevölkerungsreichste Teil der Schweiz, gehört. Er ist Präsident der Schweizerischen Bischofskonferenz und außerdem Präsident des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen. Am 3. Februar wurde Mons. Amédée Grab OSB 75 Jahre alt. Auf dieses Datum hin unterbreitete Mons. Grab dem Papst wie vom Kirchenrecht vorgesehen seinen Rücktritt. Der Papst lehnte ab. Mitte Februar sprach Bischof Grab mit dem Boulevardmagazin „Schweizer Illustrierte“.

Die Ablehnung seines Rücktrittsgesuches habe ihn nicht ganz überrascht: „Ich war auf alles gefaßt.“ Der Papst brauche ihn noch, also mache er weiter. Aber das sei selbstverständlich kein „Müssen“.

Auf die besorgte Frage, ob vielleicht der Papst in seinem Zustand zurücktreten sollte, meint der Bischof: „Ich staune immer wieder, wie fremde Menschen zu wissen scheinen, was für andere gut und richtig ist. Der Papst kann zurücktreten, er muß aber nicht. Und ich werde ihm sicher nicht dazu raten.“

Der Zustand des Papstes sei aber irgendwie symptomatisch für den Zustand der katholischen Kirche. Altersschwach und gebrechlich: „So sieht Kirche bei uns tatsächlich manchmal aus“, erklärt Bischof Grab: „Aber reisen Sie mal nach Lateinamerika! Dort ist Kirche lebendig, lebens- und farbenfroh. 49 Prozent aller Katholiken leben dort. Und die Hälfte davon ist unter 20 Jahre alt. Das läßt hoffen.“

Wie er gedenke, diese katholische Lebensfreude auch in die Schweiz zu importieren? „Wenn unsere Gesellschaft eine gesunde Struktur hat, stellt sie sich von selber ein. Der Schauspieler Gérard Depardieu las kürzlich in der Notre Dame in Paris aus dem heiligen Augustinus vor und gab zu, daß er viel Kraft aus der heiligen Schrift schöpft. Die Kathedrale war voll…“

Er wolle damit sagen, daß man nicht einfach Kirchensteuern bezahlen und dann erwarten dürfe, daß einem dafür etwas geboten werde. Kirche sei etwas Gemeinsames: „Da steht einer wie Dépardieu hin und öffnet seine Seele – und es passiert etwas. Es entstehen Emotionalität, Tiefe und Weite. Die Kirche ist kein Unternehmen. Die Frage ist nicht, wer macht wo und wie Werbung, wo sind die Sponsoren – und ich bin nicht Verwaltungsratspräsident.“

Wie der Bischof sich den angeblich enorm hohen Zulauf von Freikirchen und Sekten erkläre? „Junge Menschen müssen neue, vermeintlich spannende Dinge ausprobieren. Ich glaube aber, daß die Botschaft Christi in keiner Freikirche und in keiner Sekte so deutlich ist, wie in unserer Kirche.“

Dennoch bereite es ihm Sorgen, daß sich so viele Menschen von der Kirche abwenden. Der Jugendarbeit komme deshalb eine große Bedeutung zu: „Für mich ist es wichtig, was die Jungen denken, was sie belastet, was ihnen an unserer Kirche nicht gefällt. Ich will ihre Sorgen kennen. Und es gibt derzeit sehr viele. Nicht nur Jugendarbeitslosigkeit. Psychiater haben heute schon mehr zu tun als Zahnärzte!“

Zur Frage der seit Jahrzehnten in der Schweiz bischöflich geförderten Laienpredigten erklärte Mons. Grab: „Unsere derzeitige Praxis entspricht nicht dem, was die kirchlichen Regelungen vorsehen. Ich weiß nicht, ob die anderen tatsächlich immer alle Kirchenregeln einhalten. Vielleicht ist das so. Wir tun hier nichts Gotteslästerliches. Derzeit geht es einfach nicht anders.“

Die Kritik, welche die Schweizer Bischöfe angeblich anläßlich ihres Ad-Limina-Besuches Anfang Februar in Rom einzustecken hatten, bezeichnete Bischof Grab als „hochintelligent“: „Wir dürfen die derzeitige Praxis nicht zum Standard werden lassen, damit bin ich völlig einverstanden. Wir stecken derzeit in einer Notsituation. Es handelt sich nicht um eine Änderung der Ideologie.“
Keine Lesermeinungen
Die Redaktion übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der Beiträge. Sie behält sich das Recht vor, Beiträge zu löschen sowie Leser aus der Debatte auszuschließen.
Copyright © 2008 kreuz.net