11:03:25 | Sonntag, 27. Juli 2008
In den 80er Jahren kämpften zwei Priesterbrüder zusammen an der damals schicken linken Front. Jetzt ist einer von ihnen zu Verstand gekommen.

Der abgefallene Franziskanerpater Leonardo Boff.
(kreuz.net) Die Brüder Leonardo (69) und Pater Clodovis Boff (64) liegen einander wegen der Befreiungstheologie
in den Haaren.
Das berichtete der Vatikanist des italienischen Wochenmagazins ‘L’Espresso’, Sandro Magister,
am 14. Juli.
Ein Phänomen der 80er JahreDer abgefallene brasilianische Franziskanerpater Leonardo
Boff galt als einer der prominentesten Vertreter der Befreiungstheologie.
Die Befreiungstheologie war
ein – mehr politisch als religiös interessierter – lateinamerikanischer Versuch, die katholische Glaubenslehre
in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts neomarxistisch umzuinterpretieren.
Doch mit dem Ende des
kommunistischen Ostblocks lief auch die Zeit der Befreiungstheologie ab. Leonardo Boff quittierte Priestertum
und Ordensleben und zog mit einer Frau zusammen.
Sein Bruder Clodovis ist dagegen weiterhin Mitglied
des Servitenordens. Er lebt in der Stadt Curitiba, im Süden Brasiliens, und lehrt an der dortigen päpstlichen
Universität.
Er galt in den 80er Jahren als „theoretischer Vordenker“ der Befreiungstheologie.
Wegen
seiner Verwicklung in die häufig kirchenfeindliche und linkslastige Befreiungstheologie verlor er seinen
Lehrstuhl an der Päpstlichen Universität von Rio de Janeiro und erhielt ein Lehrverbot am Marianum –
der römischen Universität seines Ordens.
Doch in den letzten Jahren begann Pater Boff umzudenken.
„Die Armen“ an der Stelle ChristiIm Oktober 2007 veröffentlichte er in der ‘Revista Eclesiastica Brasileira’ –
der theologischen Zeitschrift der brasilianischen Franziskaner – einen kritischen Artikel zur Befreiungstheologie.
Von 1972 bis 1986 war sein Bruder Leonardo Herausgeber der Zeitschrift.
Pater Boff benennt in seinem
Text den fatalen Denkfehler der Befreiungstheologie: Man habe „die Armen“ an die Stelle Gottes und Christi
gestellt.
Dadurch hätten „die Armen“ den Status eines erkenntnistheoretischen Prinzips erhalten.
Dieser
grundlegende Fehler habe zu unausweichlichen und fatalen Auswirkungen geführt.
Der Glaube werde so politisiert
und auf ein Instrument der sozialen Gleichstellung reduziert. Damit würde die Kirche zu einer Institution
in der Art einer Nichtregierungsorganisation.
Andere Gruppen als „die Armen“ hätten wenig Interesse
an der „Kirche der Befreiung“, weil sie bereits durch andere Nichtregierungsorganisationen vertreten werden.
Für die religiöse Erfahrung sei die soziale Befreiung ungenügend – spricht der Pater das Offensichtliche
aus.
Sein Fazit: Die Befreiungstheologie sei blind für das soziale Ausmaß und die Relevanz der geistlichen
Misere gewesen.
Damit habe sie sich selber als kulturell kurzsichtig, historisch anachronistisch und
ihrer Zeit entfremdet gezeigt – so Pater Boff.
In einem zweiten Teil des Artikels zeigt er auf, wie sich
die Befreiungstheologie angeblich retten kann.
Sie müsse zu ihren Wurzeln zurückkehren, die im Abschlußdokument
der Generalkonferenz der südamerikanischen Bischofskonferenz vom Mai 2007 dargelegt sind.
Die Befreiungstheologie
beginne bei den Armen und ende – angeblich – bei Christus. Die Bischöfe würden genau umgekehrt bei Christus
beginnen und bei den Armen enden.
Christus als Prinzip schließe die Armen immer mit ein. Aber die Armen
als Prinzip würden Christus nicht notwendigerweise beinhalten – resümiert Pater Boff.
Falsch, theologisch
irrig und pastoral gefährlichEnde Mai veröffentlichte Leonardo Boff in derselben Zeitschrift eine
harsche Replik auf die Thesen seines Bruders.
Der Titel seines Beitrags: „Für die Armen und gegen die
Armut der Methode“.
Er behauptet dabei, daß die Darlegungen seines Bruders „falsch, theoretisch irrig
und pastoral gefährlich“ seien.
Leonardo Boff wiederholt seinen inzwischen etwas abgegriffenen und historisch
wenig korrekten Spruch: „Da Gott ein armer Mensch geworden ist, ist der arme Mensch das Maß aller Dinge.“
Gleichzeitig behauptet er, es sei nicht wahr, daß die Befreiungstheologie Gott durch die Armen ersetzt
habe.
Christus selber habe sich aber – angeblich – mit den Armen identifiziert.
Leonardo Boff fürchtet
jetzt, sein Bruder habe den lokalen und römischen Autoritäten die Waffen gegeben, die sie brauchten,
um die längst überholte und inzwischen tote Befreiungstheologie erneut zu verurteilen.
Er will nicht
wahrhaben, daß
gerade „die Armen“ Brasiliens mit der Ankunft der Befreiungstheologie auch damit begonnen
haben, die Kirche, die ihnen geistlich immer weniger zu bieten hatte, in Scharen verlassen, um sich fundamentalistischen
Sekten anzuschließen.
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