09:59:10 | Freitag, 1. August 2008
Im Juli 2007 versuchte die Glaubenskongregation „Verwirrung und Zweifel“ zu beseitigen, die im Zusammenhang mit der subsistit-in-Lehre des Zweiten Vatikanums entstanden. Aber ist das geglückt? Von Dr. Wolfgang Schüler.

Papst Benedikt XVI. bei seinem Besuch in Washington.
(kreuz.net) Ist die katholische Kirche die Kirche Christi? Fast zweitausend Jahre lang hat die Kirche
diese Frage bejaht.
Man kann die Gleichung „Kirche Christi = Katholische Kirche“ als das Zentrum des
Selbstverständnisses der katholischen Kirche bezeichnen.
In der Theologischen Vorbereitungskommission
zum Zweiten Vatikanum wurde darum gerungen, ob sich das Pastoralkonzil diese Gleichung zueigen machen
sollte.
Aus ökumenischen Gründen entschied man sich schließlich dazu, nicht mehr zu sagen, daß die
katholische Kirche die Kirche Christi ist – lateinisch:
est.
Man wählte statt dessen die Formulierung,
daß die Kirche Christi in der katholischen Kirche subsistiert – lateinisch:
subsistit in.

Buchautor Wolfgang Schüler
Was ist mit
vollständig identisch gemeint?Die
Erklärung der Glaubenskongregation vom 10. Juli 2007 nimmt – unter
der Überschrift: „Antworten und Fragen zu einigen Aspekten bezüglich der Lehre über die Kirche“ – zu
dieser Problematik Stellung.
Man liest darin, daß die Formulierung
subsistit-in „die vollständige Identität
der Kirche Christi mit der katholischen Kirche besagt“.
Aber mit „vollständig identisch“ ist keineswegs
die exklusive Identität gemeint, die das
est zum Ausdruck bringt, sondern lediglich eine sogenannte substantielle
Identität.
Dazu bemerkt nämlich der Kommentar, welcher der Erklärung der Glaubenskongregation beigefügt
ist:
„Weil die von Christus gewollte Kirche tatsächlich in der katholischen Kirche weiterbesteht (
subsistit
in), besagt die Fortdauer der Subsistenz eine substantielle Identität zwischen dem Wesen der Kirche Christi
und der katholischen Kirche.“
In der Antwort auf Frage 2 wird der Begriff „Subsistenz“ wie folgt erläutert:
„In der Nummer 8 der dogmatischen Konstitution ‘Lumen gentium’ meint Subsistenz jene immerwährende historische
Kontinuität und Fortdauer aller von Christus in der katholischen Kirche eingesetzten Elemente, in der
die Kirche Christi konkret in dieser Welt anzutreffen ist.“
Besteht die Kirche aus Elementen?Wie man
sieht, meint die Wendung „vollständig identisch“ in der Erklärung vom 10. Juli 2007 nicht, daß die
Kirche Christi und die katholische Kirche exklusiv identisch, das heißt, ein und dasselbe sind – wie
es Pius XII. († 1958) in seiner Enzyklika ‘Humani generis’ ausdrückt.
Es meint lediglich eine Identität
in einer bestimmten Hinsicht, nämlich in Bezug auf die Heilselemente, die nur die katholische Kirche
in Vollzähligkeit besitzt.
Den anderen christlichen Gemeinschaften billigt die Erklärung in Übereinstimmung
mit dem Pastoralkonzil zu, ebenfalls kirchliche Elemente zu besitzen, wenn auch nicht alle.
Kann man
im Sinne dieser Erklärung den Unterschied zwischen der katholischen Kirche und den anderen christlichen
Gemeinschaften daran festmachen, daß erstere
alle Heilselemente besitzt, während die anderen christlichen
Gemeinschaften sie nur in unvollständiger Weise besitzen?
Die Antwort lautet: Ja. Denn Johannes Paul
II. stellt in seiner Enzyklika ‘Ut unum sint’, auf die sich die Erklärung beruft, fest:

Das Buch zum Thema von Wolfgang Schüler
„Viele und bedeutende
(
eximina) Elemente, die in der katholischen Kirche zur Fülle der Heilsmittel und der Gnadengaben gehören,
welche die Kirche ausmachen [
fit Ecclesia], finden sich auch in den anderen christlichen Gemeinschaften.“
Artikel 3.1 des Ökumenismusdekrets des Konzils, auf das sich die Erklärung ebenfalls bezieht, bestätigt,
daß die katholische Kirche aus Elementen besteht.
Das wird in der Formulierung gesagt, „daß die Kirche
insgesamt genommen aus Elementen oder Gütern erbaut und belebt wird.“
Sind die Protestanten apostolischen
Ursprungs?Allerdings könnte man einwenden, daß außer dem Unterschied hinsichtlich des Besitzes kirchlicher
Elemente – vollständiger Besitz oder unvollständiger Besitz –, auch noch der Unterschied besteht, daß
die katholische Kirche seit apostolischer Zeit besteht, wogegen die anderen christlichen Gemeinschaften
erst im Laufe der Jahrhunderte zu existieren begannen, und zwar durch Abspaltungen von der katholischen
Kirche.
Diesem Argument entzieht aber Artikel 3.1 des Ökumenismusdekrets den Boden.
Dort heißt es:
„In [!] dieser einen und einzigen Kirche Gottes sind schon von den ersten Anfängen an manche Spaltungen
aufgekommen“.
Danach handelt es sich – im Widerspruch zur traditionellen Ekklesiologie – bei der Entstehung
der anderen christlichen Gemeinschaften nicht um
Abspaltungen von der katholischen Kirche, sondern sie
sind durch Spaltungen
in ihr existent geworden.
Wenn das richtig wäre, dann wären auch die nicht-katholischen
christlichen Gemeinschaften seit den Aposteln existent.
Sie wären somit – obwohl sie kirchliche Elemente
bei der Spaltung eingebüßt haben – Fortsetzungen der ursprünglich vorhandenen Kirche.
Insbesondere
wären dann die protestantischen Gemeinschaften apostolischen Ursprungs.
Der Autor ist Oberstudienrat
für Mathematik, Physik und Philosophie. Er hat an der Universität München bei Professor Reinhard Lauth
promoviert. Zum Thema hat er das Buch ‘Benedikt XVI. und das Selbstverständnis der katholischen Kirche:
Eine Analyse seiner Verlautbarungen zur subsistit-in-Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils’ geschrieben.
Sie haben eine Meinung zu diesem Artikel? Dann verfassen Sie einen Beitrag. Bleiben Sie in Ihrem Kommentar sachlich und bemühen Sie sich um eine erträgliche Diskussionsatmosphäre. Bedenken Sie, daß Ihr Beitrag noch über Jahre hinweg abrufbar und durch Suchmaschinen im Internet auffindbar ist.
Die Redaktion übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der Leserbeiträge. Sie behält sich das Recht vor, Beiträge zu löschen oder Leser aus der Debatte auszuschließen.