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Samstag, 5. März 2005 15:10
„Ich habe Juden angesiedelt“
„Im Glauben, die Ehre unseres Ortes tausendfach zu mehren, habe ich Juden angesiedelt“, verkündete Bischof Rüdiger von Speyer im Jahre des Herrn 1084. Es herrschte das tiefste Mittelalter.
(kreuz.net, Speyer) Der Bischof beließ es nicht mit der Ehre für seine Stadt, die künftig eine jüdische Gemeinde beherbergen sollte. Er räumte den neuen Mitbewohnern auch eine rechtliche Position ein, die der Stellung vieler christlicher Bürger überlegen war.

In seinem Schutzbrief schrieb der Bischof, er habe „den Juden ein Gesetz verliehen, das besser ist, als es das jüdische Volk in irgendeiner anderen Stadt des Deutschen Reiches besitzt“.

Zwanzig Jahre später, im Jahre 1104, weihte die jüdische Gemeinde in Speyer ihre Synagoge ein. Das nimmt das Historische Museum der Pfalz in Speyer jetzt – 900 Jahre später – zum Anlaß für eine Ausstellung. Sie ist nach einem Bericht von „Die Welt“ noch bis zum 20. März geöffnet.

Speyer ist eine deutsche Stadt südlich von Mannheim, die heute vor allem für ihren Dom bekannt ist.

Die Stadt Speyer besaß eine der bedeutendsten Judengemeinden des Mittelalters. Bei ihrer Gründung durch den Bischof von Speyer, Rüdiger Huozmann, erhielten die Juden eine rechtliche und wirtschaftliche Sonderstellung. Bereits 1096 entstand ein zweiter jüdischer Wohnbereich in der Kernstadt.

Die Juden, die auf Fernhandel und Geldgeschäfte spezialisiert waren, trugen sehr zur Entwicklung der Stadt Speyer bei. Trotz dieser günstigen Vorzeichen existierten schon zur Zeit der Gründung dieser Wohnbereiche antijüdische Vorbehalte in der Bevölkerung.

Nach Übergriffen auf Speyerer Juden verlagerte sich die Gemeinde in den jüngeren jüdischen Wohnbereich innerhalb der Kernstadt. Dort entstand zu Beginn des 12. Jahrhunderts das neue Gemeindezentrum, von dem heute noch Gebäude erhalten sind.

Unter dem Schutz des Bischofs und der Kaiser sowie Könige erlebte die Speyerer Judengemeinde im 12. und frühen 13. Jahrhundert eine wirtschaftliche und geistige Blütezeit. Die jüdischen Talmudgelehrten trugen mit ihren Schriften, sowie ihrer Dichtung und Musik wesentlich zur Entstehung und Verbreitung des aschkenasischen Ritus der Synagogenliturgie bei. Jüdische Frömmigkeitsbewegungen des Mittelalters sind ebenfalls mit dem Wirken der Speyrer Religionsgelehrten verbunden.

Seit der Mitte des 13. Jahrhunderts verschlechterte sich die rechtliche und wirtschaftliche Situation der Speyerer Juden.

Im Jahr 1349 forderte die durch den Ausbruch der Pest ausgelöste Judenverfolgung auch in Speyer einige hundert Opfer und führte zur vorläufigen Zerschlagung der Gemeindestrukturen. Drei Jahre später erfolgte die Wiederansiedlung von Juden auf Initiative der Freien Reichsstadt Speyer.

Auch wenn die Juden Speyers in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts wieder eine bedeutende Rolle in der Geldwirtschaft der Region erlangten, so erreichte ihre Gemeinde nicht mehr die frühere Bedeutung.

Die stete Verschlechterung der wirtschaftlichen und rechtlichen Bedingungen beschleunigte im 15. Jahrhundert die Abwanderung von Juden nach Italien und Osteuropa, sowie in die ländlichen Gebiete der Region.

Die Speyrer Ausstellung im „Historischen Museum der Pfalz“ dokumentiert nicht nur das Leben der Juden im mittelalterlichen Deutschland, sondern in ganz Europa zwischen dem 9. und dem 16. Jahrhundert.

Das angeblich finstere Mittelalter ist – so versucht die Ausstellung zu zeigen – mit Blick auf das Zusammenleben zwischen Juden und Nicht-Juden oft weniger finster gewesen, als unsere Vorurteile zu wissen glauben.

Nicht nur Bischof Rüdiger von Speyer, sondern viele europäische Machthaber schätzten die Juden oder hatten zumindest ein ambivalentes Verhältnis zu ihnen.

Die größten jüdischen Gemeinden lagen zunächst auf der iberischen Halbinsel und im Süden Frankreichs, dem sogenannten Sepharad, sowie im rheinischen Gebiet und entlang der Donau, dem Aschkenas.

Die Juden waren eine intellektuelle, wirtschaftliche und wissenschaftliche Elite. Im Gegensatz zum größten Teil der mittelalterlichen Bevölkerung erlernten sie aus religiösen Gründen Lesen und Schreiben.

Das Hebräische als Lingua franca unter den Juden in aller Welt prädestinierte sie für den Fernhandel. Entlang der Handelswege transportierten sie nicht nur Waren, sondern auch Kenntnisse aus dem Vorderen Orient und dem Mittelmeerraum in das vergleichsweise unterentwickelte Mitteleuropa.

Das medizinische und pharmazeutische Wissen der Antike war in Europa weitgehend in Vergessenheit geraten. Viele jüdische Ärzte sorgten dafür, daß sich diese Kenntnisse über die arabische Medizin im Umkreis ihrer Gemeinden verbreiteten. Juden waren die bevorzugten Heilkundigen jener Zeit.

Die sephardischen Juden in Spanien und Portugal hatten weit weniger berufliche Einschränkungen hinzunehmen. Sie waren Handwerker, Landwirte, ja Politiker wie ihre christlichen Nachbarn auch.

Überhaupt fristeten die jüdischen Gemeinden bis ins 15. Jahrhundert hinein zumeist kein isoliertes Dasein, ihre Wohnbereiche lagen vielfach an den wichtigsten Straßen und Plätzen. Das erste Ghetto wurde 1462 in Frankfurt am Main eingerichtet. Damit wurde der Ausschluß der Juden aus dem Alltagsleben mit Gewalt durchgesetzt.

Doch auch die Jahrhunderte davor waren keine Epoche der ungetrübten Toleranz. Die Liste der Ausschreitungen und Mordnächte ist schier endlos.

Zwölf Jahre nachdem Bischof Rüdiger die Ansiedlung einer jüdischen Gemeinde als Ehre für Speyer bezeichnet hatte, mußte sein Nachfolger, Bischof Johannes, die Juden in seiner Burg vor den Bürgern der Stadt schützen. Diese betrachteten, von der Propaganda für den Ersten Kreuzzug aufgeputscht, die Juden als Mörder Christi. In Worms und Mainz starben Hunderte von Menschen. Gleiches geschah vor dem Zweiten Kreuzzug 1146 und nach dem Scheitern des Dritten 1195/96.

Als im Jahre 1348 die Pest Europa heimsuchte, galten die Juden als Schuldige. Ihre Gemeinden wurden zum ersten Mal nahezu von Mitbürgern ausgelöscht, mit denen sie über 250 Jahre zusammengelebt hatten.

In Spanien und Portugal hatten jüdische Mathematiker und Naturwissenschaftler die Navigations-Instrumente der Seefahrer so verbessert, daß immer gewagter Forschungsreisen möglich wurden. Doch im gleichen Jahr 1492, als Columbus Amerika entdeckte, wurden die Juden aus Spanien, fünf Jahre darauf aus Portugal vertrieben.

Hundert Jahre zuvor hatte sie Frankreich des Landes verwiesen. Zweihundert Jahre früher hatten sie England verlassen müssen. So wanderten die Juden schließlich immer weiter nach Osten, nach Polen und Litauen. Im Jiddischen konservierten sie bis zum heutigen Tag jenes mittelalterliche Deutsch, das ihre Vorfahren während der ersten deutsch-jüdischen Kulturgemeinschaft erlernt hatten.

Vom 23. April bis 28. August ist die Ausstellung im Deutschen Historischen Museum in Berlin.
3 Lesermeinungen:
Montag, 9. Mai 2005 16:10
Laurentius2: Danke !
Lieber Athanasius,
eine gute kleine Apologie, die z.B. als Leserbrief eine prominentere Stelle verdient hätte. Die Kirche droht in den pseudo-historischen Staubsauger „3.Reich“ zu geraten, wenn sie diese Wahrheiten, die neben dem Anti-Judaismus einer Minderheit eben auch zu unserer Geschichte gehören, nicht viel offensiver verbreitet ! Pius XII. und seine Kirche haben mehr Juden gerettet als das Rote Kreuz, die neutralen Länder (Schweden, Schweiz etc.) und wer auch immer zusammengenommen (Quelle: Pinchas Lapide, jüd. Wissenschaftler in „Rom und die Juden“).
Laurentius
Montag, 7. März 2005 19:42
GerdEric: Lieber Athanasius
wo her weisst Du,
dass Franz Gajowniczek ein Jude war?
ich habe darüber nixhts in Erfahrung bringen können.
Über einen Link oder sonstige Hinweise wäre ich Dir dankbar.
Sonntag, 6. März 2005 01:08
Ein schönes Beispiel gegen die Standardargumente bestimmter liberalen Jüdischen Kreisen und anti-kirchlicher Gruppen, dass die Kirche „anti-semitisch“ gewesen wäre „vor dem Konzil“.

Wie viele päpstlichen Bullen die sich der Verfolgung jüdischer Bürger widersetzen und sogar mit Exkommunikation diesen drohte, die Juden verfolgten oder ihre Geschäfte plünderten. (Wobei die Päpste aber auch konsistent davor warnten, dass man den Jüdischen Mitbürgern die moralisch unlogische Herrschaft über Christen zugestehen würde.)

Man vergisst auch schnell, dass Pius XII. von Golda Meir „der größte Freund des jüdischen Volkes in der Zeit der größten Beprüfungen“ genannt wurde, auch wenn Pius XII. z.B. niemals den Staat Israël anerkannte und er deutliche Kritik gegen die Politik bestimmter Juden gezeigt hat.

Und die Traditionalisten der Priesterbruderschaft Sankt Pius X. wären „Katholische Nazis“ hört man öfters von linker Seite, wo man vergißt, dass der Vater Erzbischof Marcel Lefebvres in einem Nazi-Konzentrationslager, Sonnenburg, ums Leben kam. (Und man vergisst die Priesterkandidaten jüdischer Herkunft und die Verehrung des hl. Maximillian Kolbe – auch so ein „anti-Semit“ der sein Leben für einen jüdischen Familienvater gab…)

Es ist nicht so, dass eben weil man die Politischen Spielereien einzelner jüdischen Gruppen kritisiert oder ablehnt, dass man „anti-semitisch“ ist.

Ich bin ebensowenig „anti-Deutsch“, weil ich Gerhard Schröder und seine Politik ablehne.

Ich bin „Fan“ des größten Juden aller Zeiten…Benedictus sit sanctissimum Nomen ejus.
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