13:44:43 | Mittwoch, 6. August 2008
Entscheidend für den Kurienerzbischof ist, daß er im Zug der Welt sitzt. Wohin die Reise geht, scheint ihm egal zu sein. Den Pornographen, Gotteslästerer und Stalinisten Alfred Hrdlicka lobt er über den grünen Klee.

Unsagbare Blasphemie: Christus während der Geisselung mit eregiertem Geschlechtsteil – ausgestellt im Wiener Dommuseum.
(kreuz.net, Vatikan) Der Präsident des päpstlichen Kulturrates, Erzbischof Gianfranco Ravasi, möchte
auf der Kunstbiennale in Venedig im Jahr 2009 einen Pavillon für den Heiligen Stuhl einrichten.
Das
erklärte er im Gespräch mit der ‘Frankfurter Allgemeinen Zeitung’.
Wo die Ausstellung plaziert werden
soll und welche Werke man zeigen will, hat er noch nicht entschieden:
„Auf keinen Fall soll der Vatikan-Beitrag
als eine Gegen-Biennale aufgefaßt werden“ – wehrt sich der Prälat.
Erzbischof Ravasi glaubt, daß er
sich über das, worauf er sich einläßt, im klaren ist.
So ist es für ihn „durchaus vorstellbar, daß
zur gleichen Zeit, in der wir ausstellen, irgendwo in der Nähe eine Madonna zu sehen ist, die Sperma
weint, wie kürzlich in Bologna, oder eine
Abendmahlszene mit masturbierenden Jüngern, wie jetzt in Wien.“
Der Erzbischof unterschlägt, daß die blasphemische Abendmahlsdarstellung im diözesanen Dommuseum zu
sehen war, das unter der Verantwortung von
Christoph Kardinal Schönborn von Wien steht.
Dafür würdigt
er den Produzenten der Wiener Blasphemie, den Pornographen und Stalinisten Alfred Hrdlicka, als „einen
sehr qualitätsvollen Künstler“.
Sehnsucht nach ElektrokabelnMons. Ravasi bedauert, daß die zeitgenössische
Kunst von der katholischen Kirche bisher – angeblich – kaum beachtet worden sei.
Man habe sich mehr auf
die Architektur konzentriert: „Allerdings ist die Reihe architektonischer Geschmacksverirrungen unter
den modernen Sakralbauten ziemlich lang“ – gesteht er.
Die zeitgenössische, angeblich ernste Musik beurteilt
Mons. Ravasi als „vollkommen vernachlässigt“.

Joseph Beuys „Kreuzigung“
Im Interview bedauert Mons. Ravasi, daß die Kirche in
den sechziger Jahren die sogenannte „Kreuzigung“ von Joseph Beuys nicht gekauft hat.
Es handelt sich
um eine lächerlich-peinliche Konstruktion aus Nadeln, Draht, Papier, Elektrokabeln und Blutkonserven-Flaschen.
Der Kauf wäre für Mons. Ravasi ein „großes Zeichen“ gewesen: Diese angebliche Kreuzigungsgruppe gehöre
„in einen sakralen Raum, nicht ins Museum.“
Ein anderer Vorschlag bestünde darin, daß sich Erzbischof
Ravasi diese mit Kirchengeldern gekaufte Produktion anstelle einer Mitra auf den Kopf setzen würde.
Der Erzbischof findet auch, daß die banalen
Pixel-Fenster von Gerhard Richter im Kölner Dom gut dorthin
passen.
Das Problem liegt bei den AuftraggebernZur Frage des Journalisten, warum bei kirchlichen Aufträgen
heute „meist nur Mittelmäßiges“ herauskomme, antwortet Erzbischof Ravasi: „Die Künstler denken zu viel
darüber nach, was der Kirche wohl gefallen könnte. Das kann nichts werden.“
Ein schwaches Werk verrate
mehr über den Auftraggeber als über den Künstler.
Gleichzeitig fordert der Erzbischof – in Zeiten
der Kirchenschließungen –, daß die zeitgenössische Kunst in neuen Kirchenräumen präsent sein müsse.
Er selber ist mit sich am Heidentum inspirierenden Kirchenarchitekten
Mario Botta persönlich befreundet.
Mons. Ravasi kritisiert, daß die Einrichtung der sakralen Raumes – wenigstens in Italien – dem Pfarrer
überlassen werde:
„Wir schaffen es nicht mehr, neue, überzeugende Kulträume hervorzubringen.“
Chaos bis in die Lektionare hineinErzbischof Ravasi kritisiert auch die
neue Ausgabe des Lektionars der italienischen Bischofskonferenz als „graphisch mißglückt“.
Man habe
lauter Künstler gewählt, die angeblich kirchennah sind – so Mons. Ravasi, der sofort ergänzt – „was
immer das heißt.“
Das Lektionar ist nach den Festen im Jahreskreis in verschiedene Textblöcke geordnet.
Die einzelnen Abschnitte verlangten eine stilistische Geschlossenheit – erklärt der Erzbischof:
„Statt
dessen gibt es ein Durcheinander von abstrakten, halbabstrakten und figürlichen Zeichnungen. Es wurde
auf jedes Kompositionsschema verzichtet.“
Er habe „wirklich sehr“ für dieses neue Lektionar gekämpft.
Herausgekommen sei ein fades Kunstgewerbe.
Kritik an der kirchlichen Schaumsprache?Der Erzbischof ortet
im Interview auch „ein großes Problem mit der Sprache“: „Welche Sprache sollen wir sprechen? Die Worte
erscheinen heute alle abgenutzt und unbrauchbar.“
Wer keine lebendige Sprache besitze, könne keinen
Dialog führen – so Mons. Ravasi.
Die Kirche sei angeblich „sehr“ in sich verschlossen und habe angeblich
eine „gewisse“ Furcht, sich mit der Welt der Vernunft einzulassen.
Unfähig zum SchönenIn der zeitgenössischen
Kunst sieht der Erzbischof zwei Dinge, die schieflaufen.
Erstens suchten die sogenannten Künstler nicht
mehr das ästhetisch Schöne: „Im Gegenteil, man will das Unästhetische.“
Zweitens
würden die sogenannten Künstler die letzten Fragen, etwa nach dem Göttlichen und der Transzendenz ausschließen.
Es gebe kein Schuldgefühl mehr: „Ohne das Gefühl der Schuld wäre das gesamte Werk von Dostojewskij
nicht denkbar.“
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