11:12:36 | Donnerstag, 7. August 2008
Die Liturgie wird nicht mehr zelebriert oder Gott dargebracht – sondern kurzerhand verschiedenen potentiellen Milieus „angeboten“.

Milieumesse mit Tongefäßen für die Alt-68er?
(kreuz.net) In den Pfarreien des Bistums Mainz geht was weiter. Hervorstechend ist bereits die Gemeinde
in Bensheim, wo der
turnschuhtragende Krawatten-Pfarrer Thomas Groß seinen Valentinsgottesdiensten vorsteht.
Zeigen lassen kann sich auch die Gemeinde Sankt Marien in Viernheim. Dort beschimpft
Dekan Ronald Givens
die Leute von der Kanzel.
Jetzt mausert sich die nächste Zentralpfarrei des Bistums: die Gemeinde Sankt
Ludwig in Darmstadt.
Es handelt sich um die wichtigste katholische Kirche der Stadt mit einem großen
klassizistischen Rundbau, der im Jahr 1827 eingeweiht wurde.
Damals war Sankt Ludwig die erste katholische
Pfarrei nach der Reformation in Darmstadt und in der ganzen protestantisch geprägten Region von Rüsselsheim
bis in den westlichen Odenwald.
Im Jahr 2006 wurde die Kirche für mehrere Millionen Euro umgebaut. Dabei
wurden die Altarinsel tiefergelegt, der Altar verkleinert, die Beichtstühle entfernt, der Tabernakel
bis zur Unkenntlichkeit verkleinert und aus der Mitte weggerückt.
Jetzt möchte der Bischof von Mainz,
Karl Kardinal Lehmann, anhand von Sankt Ludwig offenbar zeigen, wie er sich die künftige Seelsorge im
Bistum Mainz vorstellt.
Einen Vorgeschmack davon liefert die Neugestaltung der Gottesdienstordnung, auf
die der neue Pfarrer von St. Ludwig, Hw. Thomas Krenski (46), im Sommer-Pfarrbrief hingewiesen hat.
Titel
mit Ausrufezeichen: „Wir verlieren nichts, sondern gewinnen! Eine neue Gottesdienstordnung für St. Ludwig“.
Das Ziel der Änderungen besteht darin, zukünftig verschiedene Milieus zu bedienen.
Man verstehe die
neue Ordnung als einen „Gewinn für die Gemeinde“, heißt es:
„Sie will verschiedene Milieus »innerhalb«
und »außerhalb« unserer Gemeinde ansprechen und zur Teilnahme an unserem gottesdienstlichen Leben einladen.“
Man werde als Innenstadtgemeinde werktags „Gottesdienstformen anbieten“, die verschiedene Generationen
und Bevölkerungsgruppen in ihren Bedürfnissen ansprechen wollten:

Kardinal Lehmann in der Pfarrei St. Ludwig
„Neben einem morgendlichen Seniorengottesdienst
mit anschließendem Frühstück im ‘Jugendhaus’ bieten wir künftig einen abendlichen Taizégottesdienst
und einen ‘After-Work-Gottesdienst’ am späteren Abend an, zu dem wir insbesondere Berufstätige und Ruhesuchende
einladen.“
Weiterhin wird wöchentlich eine Eucharistiefeier im Alten- und Pflegeheim St. Josef stattfinden.
Die Maßnahmen erinnern an ein Wort des Mainzer Kardinals aus dem Jahre 2005, daß man im Bistum Mainz
ohnehin viel zu sehr auf die Eucharistie fixiert sei.
In Sankt Ludwig wurden die Werktagsmessen kurzerhand
bis auf zwei abgeschafft.
Bei den Sonntagsmessen hat man sich für „einen Wechsel zwischen der Hochliturgie
des Hochamtes und einem Gemeindegottesdienst“ entschieden.
Bei letzterem soll auch der Chorraum für
die Kinder geöffnet werden, damit sie die Möglichkeit bekommen, „das Abendmahl Jesu aus nächster Nähe
mitzufeiern.“
Dabei werde sich ein entsprechender Ritus entwickeln und sich zu einer „tragfähigen Form
des Gottesdienstes“ auswachsen – hofft der Pfarrbrief.
Während des Hochamtes wird weiterhin ein paralleler
Kindergottesdienst im Saal des pfarreilichen Jugendhauses stattfinden.
Außerdem wird die Vorabendmesse
am Samstag gestrichen, um diesen Tag für die „Pastoral an den Lebenswenden“ freizuhalten. Denn: „Unsere
Gemeinde ist größer als die Gottesdienstgemeinde.“
Viele – offensichtlich nicht praktizierende – Menschen
würden um die „Feier und Deutung der für sie entscheidenden Lebenswenden“ bitten.
Die „Pastoral an
den Lebenswenden“ besteht in der Begleitung von Taufbewerbern, die Feier der Trauung, Krankensalbung,
Beichten und der Wiederaufnahme in die Kirche.
Als Schutzpatrone des neuen Gottesdienstplanes wird der
Heilige Kirchenlehrer Thomas von Aquin zitiert. Er sei der Auffassung gewesen, daß man für solche Veränderungen
nicht nur zu beten, sondern insbesondere zu arbeiten habe.
Als zweiter Schutzpatron erwähnt der Pfarrbrief
den Liedermacher und DDR-Bürgerrechtler Wolf Biermann, der die Platitüde zu bedenken gab, „daß nur
wer sich verändert, sich – und in diesem Fall dem Projekt St. Ludwig – treu bleibt.“
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RJH 11:25:08 | Donnerstag, 7. August 2008