17:23:18 | Freitag, 15. August 2008
Offener Brief an Dr. Joseph Goebbels
In den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg organisierten die National-Sozialisten eine systematische Kampagne, um alle Priester als heuchlerische Päderasten und sexulle Triebtäter zu denunzieren. Offener Brief von Dr. Edmund Kaufmann.

Adolf Hitler neben dem Ehepaar Magda und Joseph Goebbels.
Herr Reichsminister!
Sie haben die Freiheit des Wortes und der Schrift vollkommen unterdrückt. Andererseits
haben Sie schon wiederholt erklärt, daß Ihnen Kritik willkommen sei.
Da ich meine Kritik nicht öffentlich
sagen kann, muß ich sie Ihnen brieflich zur Kenntnis geben.
Unmittelbare Veranlassung dazu gibt mir
Ihre gestrige Rede [vom 28. Mai 1937]. Der Kampf gegen die katholische Kirche, gegen ihre Bischöfe und
Priester ist ganz verfehlt. Er ist ein Unrecht und Unglück.
Zu dieser Ansicht komme ich aus folgenden
Gründen:
Aus Gerechtigkeitsgründen: Es gibt sicher niemand – es müßte höchstens selber ein Schweinehund
sein –, der nicht damit einverstanden ist, daß jeder, der sich gegen Sitte und Gesetz vergeht, ohne Rücksicht
auf Person und Stand bestraft wird.
Wer mit hohen Geistesgaben ausgestattet ist und eine verantwortliche
Stellung bekleidet, mag strenger bestraft werden, als der einfache Mann.
Glühender Haß gegen die Kirche
In jedem aber, der noch nicht durch leidenschaftlichen Haß blind und stumpf geworden ist, bäumt sich
das von Natur gesehene Gerechtigkeitsgefühl auf, wenn er sieht, mit welch glühendem Haß die Fehler
der einen breitgetreten, in die Welt täglich hinausgeschrieen und sehr oft stark vergrößert werden,
während die Fehler anderer sehr müde behandelt und die zahlreich vorkommenden Schweinereien, Unterschlagungen,
Amtsmißbräuche, Lügen und Verleumdungen in ihren eigenen Reihen oft gar nicht geahndet, jedenfalls
aber unter Ausschluß der Öffentlichkeit erledigt werden.
In diesem Haß-Fanatismus scheut man sich
nicht, den Weg der planmäßig organisierten Fälschungen zu beschreiten.
Mir sind Fälle bekannt, wo
mit Hilfe von käuflichen Frauenspersonen peinliche Situationen der zu kompromittierenden Personen gemimt
wurden.
Der Kampf gilt nicht der UnsittlichkeitDas Gefühl für Gerechtigkeit und Sauberkeit bäumt
sich aber auch deswegen in jedem anständigen Menschen auf, weil man allzu deutlich sieht, daß der Kampf
nicht der Unsittlichkeit, sondern der Kirche gilt, und weil deshalb der Kampf in dieser Form ein unehrlicher
ist.
Millionen von Volksgenossen kennen zahlreiche Fälle von Unsittlichkeit, Unsauberkeit, Unterschlagungen
und sonstigen Verfehlungen in den Reihen der Partei und deren Organisationen, die ganz anders behandelt
wurden, namentlich die Röhm-Affaire, und empfinden deshalb diese Form des Kampfes als eine Heuchelei.
Sie können reden was Sie wollen. Die Tatsache bleibt doch unauslöschlich bestehen, daß Röhm zum Chef
der SA gemacht wurde, obwohl seine verkehrte Neigung weltbekannt war.
Hitler hat dadurch die Homosexualität –
gewollt oder ungewollt – sanktioniert, mindestens aber bagatellisiert und ignoriert und hat damit eine
ungeheure Verantwortung für die Ausbreitung der Röhm-Seuche auf sich geladen.
Die spätere Erschießung,
die aus ganz anderen Gründen erfolgte, kann diese Tatsache nicht aus der Welt schaffen.
Kampf mit ungleichen
WaffenEndlich bäumt sich das Gerechtigkeitsgefühl auch deswegen auf, weil hier mit ungleichen Waffen
gekämpft wird.
Ihnen steht der Riesenapparat einer willigen Presse und des Rundfunks zur Verfügung,
während den anderen jede Möglichkeit einer wirksamen Verteidigung genommen ist.
Deshalb ist es hier,
wie es immer und überall war: Die Sympathien [der Weltöffentlichkeit] wenden sich dem Verfolgten zu,
weil und solange er sich nicht frei vor aller Öffentlichkeit verteidigen kann.
Aus grundsätzlichen
Gründen: Ich bin ein entschiedener Gegner des Bolschewismus. Sie behaupten, dies auch zu sein. Warum
aber bekämpfen Sie dann die Kirche?
Warum stellen Sie dann die in der Kirche vorkommenden Fehler vor
der ganzen Weltöffentlichkeit in das grellste Scheinwerferlicht?
Warum übertreiben Sie dann die in
der Kirche vorkommenden Fehler? Warum stellen Sie es so hin, als ob diese Fehler in der Kirche ganz allgemein
seien und als ob die Kirche als solche korrupt und verseucht sei?
Mit den Bolschewiken unter einer Decke
Herr Reichsminister! Sie kämpfen unter falscher Flagge! Jedem waschechten Bolschewisten muß ja das
Herz im Leibe lachen, wenn er sieht, wie Sie die Geschäfte der Kommunisten viel besser besorgen, als
es je ein [Ernst] Thälmann [KPD-Vorsitzender, 1944 im KZ-Buchenwald hingerichtet] gekonnt hätte!
Ich
muß deshalb das, was heute in Deutschland vorgeht, schon allein darum mißbilligen, weil das Bolschewismus,
niemals aber Faschismus ist.
Ich hätte mich wirklich nicht gewundert, wenn sich nach Ihrer gestrigen
Rede der bolschewistische Mob auf den Weg gemacht hätte, um Kirchen und Klöster in Flammen aufgehen
zu lassen.
Aus taktischen Gründen: „Hier werden Kriegserklärungen angenommen.“ An dieses frevelhafte
Wort der Herbstmonate 1914 muß ich immer wieder denken, wenn ich die heutigen Geschehnisse verfolge.
Keine Freunde mehrDeutschland hat heute in der Welt kaum einen wirklichen Freund. Fast alle großen
Völker sind gegen Deutschland eingestellt. Da wäre es klug, wenn man wenigstens im Innern alle Volksgenossen
zusammenhalten würde.
Statt dessen stoßen Sie einem immer größeren Kreis von Volksgenossen vor den
Kopf.
Da ist die Weltmacht der Juden. Da ist die Weltmacht des Katholizismus. Da ist ein großer Teil
der Evangelischen, die sich zur Bekenntniskirche zählen.
Da ist der Bolschewismus, der zwar nicht aus
ideologischen, aber aus Machtgründen unser Gegner ist und in Deutschland noch verteufelt stark ist.
Da sind die Millionen, die aus irgendwelchen Gründen verstimmt sind: die Röhm-Anhänger, die früheren
Gewerkschaftler, die Abgebauten, die Anhänger der Opfer des 30. Juni 1934.
Da sind die vielen, welche
die Unterdrückung der Freiheit des Wortes und der Schrift und der Person als eine Schmach empfinden.
Da sind die vielen Geschäftsleute, Landwirte, Arbeiter, Handwerker, die wegen des schlechten Geschäftsganges
oder wegen der vielen Abzüge, der Sammlungen und Zwangsbeiträge, wegen der Rigorosität des Steuereinzuges
oder sonstiger unbequemer Zwangsmaßnahmen die Faust in der Tasche machen.
Da sind die vielen, denen
das Blut in den Kopf steigt, wenn sie an die unglaubliche Vergewaltigung des Rechts und der Rechtsprechung
denken. Herr Reichsminister! Wie viele Gegner wollen Sie denn noch sammeln?
Fanatischer Haß gegen die
KircheAus deutschem Ehrgefühl heraus: In Ihrem fanatischen Haß gegen die Kirche scheinen Sie ganz
zu übersehen, daß diejenigen, deren Schmutz Sie täglich in der Presse und im Rundfunk in Riesenaufmachung
waschen, Deutsche sind.
Durch die Art, wie die Öffentlichkeit in Deutschland und in der Welt über unsittliche
und namentlich homosexuelle Vorkommnisse unterrichtet wird, in Verbindung mit der Kenntnis, daß auch
evangelische Pfarrer und namentlich auch Parteikreise diese Seuche ergriffen hat, wird der Anschein erweckt,
als ob Deutschland ein großer Schweinestall sei.
Während man in ausländischen Zeitungen nichts von
solchen Dingen lesen kann, weil man dort so klug ist, die überall anfallende schmutzige Wasche in aller
Stille zu waschen, berichten die deutschen Zeitungen und der deutsche Rundfunk Tag für Tag in größter
Aufmachung von homosexuellen Schweinereien.
Sie brauchen sich daher nicht wundern, daß die Homosexualität
in der Welt schon längst eine deutsche Krankheit genannt wird.
Haben Sie denn gar kein Gefühl dafür,
daß man sich als Deutscher schämen muß, wenn die deutsche Presse und das Radio fortwährend solche
Vorkommnisse in einer derart schamlosen Aufmachung breitschlagen?
Homo-Propaganda in den MedienWas
würden Sie vom englischen oder französischen Volk denken, wenn Ihnen die englische oder französische
Presse, der englische oder französische Rundfunk Tag für Tag solche Kost in sensationellster Aufmachung
servieren würde?
Würden Sie nicht ein Volk verachten, das seinen Schmutz derart vor der Welt ausbreitet?
Warum denken Sie nicht an die deutsche Ehre?
Aus Liebe zu unserer deutschen Jugend: Das ist mir das Wichtigste.
Haben Sie doch wenigstens Mitleid mit unserer deutschen Jugend! Die Schulkinder müssen in der Schule
Aufsätze schreiben über das Thema: Was liesest du in der Zeitung? – Und Sie lassen eine solche Kost
der Jugend in der Zeitung vorsetzen!
Und was ist es, was die Jugend im Radio hört! Ihr Kampf gegen die
Autorität der Kirche muß notwendigerweise zur Vernichtung eines jeden Autoritätsglaubens überhaupt
führen.
Wenn die Bischöfe und Priester so schlecht sind, wie Sie es jahrelang gepredigt haben, wenn
die früheren Politiker und Wirtschaftler solche Lumpen waren, wie Sie und Hitler sie in fast jeder Rede
hingestellt haben, und wenn auch der vordem so gepriesene Röhm und dessen Freunde sich schließlich als
Schufte erwiesen haben: Woraus soll dann noch die Jugend ihren so notwendigen Glauben an die Autorität
schöpfen?
So wird die deutsche Jugend naturnotwendig zum Anarchismus treiben, der letzten Endes alles
verschlingen und vernichten wird.
Wenn Sie in Ihrem „Kampf gegen die Unsittlichkeit“ weiterhin Tageszeitungen
und Rundfunk für einen pornographischen Anschauungsunterricht mißbrauchen, dann wird sich bei unserer
heranwachsenden Generation der Anarchismus mit der Lasterhaftigkeit paaren.
Und dann kann ich nichts
anderes mehr sehen als – Finis Germaniae!
Der Brief wurde am 29. Mai 1937 von Dr. Edmund Kaufmann in
Mainz unter dem Pseudonym Michael Teutonicus veröffentlicht. Kaufmann war vor 1933 Bürgermeister der
Stadt Singen am Hohentwiel im Landkreis Konstanz und Zentrumsabgeordneter. Der Brief erhielt eine riesige
Verbreitung auch in der internationalen Presse. Er zog zahlreiche Verhaftungen nach sich. Den Verfasser
selber konnten die National-Sozialisten nicht aufspüren.
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