Als Papst Paul VI. die Kirche vor der Katastrophe rettete
Interview aus dem Jahr 1988 mit dem kürzlich verstorbenen Gründer der mächtigen italienischen Laienbewegung „Comunione e Liberazione“, Don Luigi Giussani.
„Comunione e Liberazione“ – auf Deutsch: „Gemeinschaft und Befreiung“ ist eine große katholische Laienbewegung
in Italien und darüber hinaus. Sie ist besonders in den Universitäten und Medien, sowie in Politik und
in Wirtschaft aktiv.
Frage – Im August 1978 starb Papst Paul VI. Erinnern Sie sich an diesen Augenblick
der Kirchengeschichte?
Don Giussani – O ja. Die Kirche befand sich in einer so schwierigen Lage, daß
mir der Verlust dieses Papstes als äußerst gravierend erschien. Lange Zeit hatte Paul VI. gutgläubig
und wohlwollend auf die Entwicklungen in der Kirche geblickt. Aber seine Liebe für die Kirche war so
echt, daß er an einem gewissen Punkt die Katastrophe erkennen mußte, auf welche die Dynamik der Geschehnisse,
die von ihm gutgeheißen wurden, zusteuerte. Das war der Augenblick, als er sich der Wirklichkeit von
„Comunione e Liberazione“ ganz öffnete. Als der Papst starb, verabschiedete sich jemand, der die Kirche
aus dieser Krise hätte führen können. Der Papst hatte gesehen und begriffen. Er kannte die innersten
Mechanismen des Zerstörungsprozesses. Jetzt war er entschlossen, gegen den Strom zu schwimmen: Paul VI.
war die richtige Person, um das zu tun. Er war der Beste.“
Frage – Wann kam Paul VI. zu seiner Erkenntnis
der Dinge?
Don Giussani – Die Wende geschah mit seinem berühmten „Credo des Gottesvolkes“ vom 30. Juni
1968. Die Enzyklika „Humane Vitae“ und die unerhörten Angriffe, denen er sich plötzlich ausgesetzt sah,
bestärkten ihn in seiner Überzeugung. Der Höhepunkt seiner Enttäuschung war das Referendum über die
Einführung der zivilen Ehescheidung in Italien im Jahre 1974, als ihm die Anführer der „Katholischen
Aktion“ und der katholischen Studenten, die er liebte und in Schutz genommen hatte, den Rücken kehrten.
In diesem Umfeld erkannte der Papst das Erneuerungspotential und die Botschaft, die von „Comunione e
Liberazione“ ausgingen. Ab 1975 zeigte sich immer deutlicher, daß er eine neue und starke Sympathie zu
unserer Bewegung hegte. Am Palmsonntag 1975 rief er die Jugendlichen aller katholischen Gruppierungen
nach Rom. Er rief alle. Doch er fand sich alleine mit 17.000 Mitgliedern von „Comunione e Liberazione.“
Frage – Was geschah dann?
Don Giussani: Als die Palmsonntagsmesse zu Ende ging – es war schon gegen
Mittag – rief mir ein Prälat zu: „Don Giussani, der Papst wünscht sie zu sehen.“ Ich war im Vorschiff
der Peterskirche und hatte den Kelch mit konsekrierten Hostien in den Händen, als ich die Stimme hörte.
In der Aufregung versuchte ich den Kelch einem Gardisten zu übergeben, der sich zurückzog. Schließlich
konnte ich zum Papst hin eilen. Ich erschien vor ihm an der Türe zur Basilika und kniete mich nieder.
Ich war so verwirrt… Ich erinnere mich nur an seine Worte: „Haben Sie Mut, das ist der richtige Weg!
Machen Sie weiter!“
Frage – War das unerwartet?
Don Giussani – Absolut. Doch das waren keine improvisierten
Worte der Ermutigung. Dafür lieferte mir Kardinal Benelli, welcher ein enger Mitarbeiter von Paul VI.
war, Jahre später den Beweis. Er sagte mir, daß sich der Papst in den letzten Jahren seines Pontifikates,
bei jedem seiner Besuche nach „Comunione e Liberazione“ erkundigte. Der Papst habe ihm auch gesagt: „Eminenz,
das ist der Weg.“ Benelli kommentierte: „Hätte Paul VI. noch ein Jahr gelebt, hätten alle kirchlichen
Probleme gelöst werden können.“ Paul VI. hätte den Mut gehabt, die Dinge auszusprechen und in die Tat
umzusetzen.
Eine wichtige Bestätigung der Richtungsänderung von Paul VI. war übrigens die Ablösung
seines engen Freundes, Monsignore Franco Costa, als geistlichen Leiter der „Katholischen Aktion“. Monsignore
Costa hatte den Kurs der kirchlichen Vereinigungen in den letzten Jahrzehnten bestimmt.
Frage – Wollte
Kardinal Benelli mit diesen Worten auch ein Urteil über die Kirche abgeben?
Don Giussani – Das Zeugnis
des Kardinals war eine Bestätigung dafür, daß der Papst das Charisma von „Comunione e Liberazione“
als wertvoll für die Kirche betrachtete. Das geschah angesichts der damaligen katholischen Vereinigungen
in Italien, deren Anführer im Referendum über die Einführung der zivilen Ehescheidung in Italien nicht
im Sinne des Papstes abstimmten und abstimmen ließen. Die bewußte Wahl einer diffusen religiösen Ausrichtung
hatte die katholischen Vereinigungen dazu geführt, Zuflucht bei der politischen Linken zu suchen. Dort
hatte man keine Probleme damit, auch die Ehescheidung zu propagieren.
Frage – Seit Jahren bemühen Sie
sich darum, die Worte von Paul VI. zu verbreiten, die er am 8. September 1977 an seinen Freund Jean Guitton
richtete. Der Papst erwähnt ein „unkatholisches Denken“ und den Widerstand einer kleinen Herde. Warum
sind Ihnen diese Worte wichtig?
Don Giussani – Weil sie stimmen. Ich bitte sie diese Worte zu lesen.
Frage – Bitteschön: „In Welt und Kirche gibt es in diesem Augenblick ein großes Durcheinander. Was
in Frage gestellt wird, ist der Glaube. Es geschieht, daß sich in mir der dunkle Satz Jesu aus dem Lukasevangelium
wiederholt: ‘Wenn der Menschensohn wiederkommt, wird er dann auf dieser Erde noch Glauben finden?’ Es
werden Bücher publiziert, in denen der Glaube in wichtigen Punkten auf dem Rückzug ist. Die Bischöfe
schweigen dazu. Man findet an diesen Büchern nichts Ungewöhnliches. Wenn ich die katholische Welt betrachte,
bin ich betroffen, daß im Herzen des Katholizismus manchmal ein unkatholisches Denken vorzuherrschen
scheint. Es könnte geschehen, daß dieses unkatholische Denken im Herzen des Katholizismus morgen die
Vorherrschaft ergreifen wird. Aber dieses Denken wird nie das Denken der Kirche sein. Es muß sein, daß
eine kleine Herde übrigbleibt, mag sie noch so klein sein.“
Don Giussani – Das sind Worte des Papstes,
welche die Lage und das Schicksal der Kirche zusammenfassen. Daran schließt sich die Öffnung des Papstes
für „Comunione e Liberazione“ an.
Frage – Gibt es bei Paul VI. eine Lehre, die Sie für sein Pontifikat
für besonders wichtig halten?
Don Giussani – Ja, die ganz und gar unkonventionelle Erklärung der Kirche
als „ethnische Einheit eigener Natur“. Paul VI. machte diese Aussage am 23. Juli 1975 während der Generalaudienz
am Mittwoch. Paul VI. sprach über die Identität der Kirche. Wir waren fast die einzigen, die auf diese
Aussage hingewiesen haben. Der Papst fühlte die Zerstörung der katholischen Präsenz in der Gesellschaft.
Diese Präsenz suchte sich zu verstecken.
An die Stelle der katholischen Präsenz in der Welt trat ein
immer müderes und abstrakteres Sich Einschließen in die Büros der katholischen Organisationen. Zugleich
folgte das konkrete Leben derselben Jugendlichen immer mehr dem Zeitgeist.
Die katholische Gegenwart
in der Welt wurde ferner durch intellektuelle Interpretationen ersetzt. Es entstanden elitäre Theorien,
die eine für die Mission der Kirche selbstmörderische Vorstellung des Glaubens voraussetzten.
An dritter
Stelle begann man, die Positionen der Kirche im Rahmen einer politischen oder diplomatischen Klugheit
darzulegen. Ich glaube, daß die Nachrichten über die katholischen Universitäten, Institute und theologischen
Fakultäten entscheidend dazu beitrugen, daß Paul VI. den offenen Abgrund erkannte, auf den sich der
Körper der Kirche hinbewegte.
Frage – Einige halten das Pontifikat von Paul VI. für gescheitert.
Don
Giussani – Das war eines der größten Pontifikate! Im ersten Teil seines Lebens zeigte Paul VI. ein unglaubliches
Gespür für die Problematik der von Angst bedrohten Existenz des Mensch und der Gesellschaft. Und er
hat eine Antwort gefunden! Diese Antwort gab er in den letzten zehn Jahren seines Lebens. Dieses Pontifikat
kann nur der für gescheitert halten, der das Ende der Amtszeit von Paul VI. außer Acht läßt.
Frage –
Paul VI. hat das Zweite Vatikanische Konzil zum Abschluß gebracht.
Don Giussani – Gewiß. Man müßte
die Geschichte seiner konziliären Interventionen nachzeichnen, welche die falsche Demokratie mutig und
ohne Rücksicht auf Popularität aufgehalten haben, die zweideutige Glaubenslehre, welche viele Konzilsväter
unter dem Vorwand eines Demokratismus durchsetzen wollten.
Frage – Wie ist Paul VI. angesichts der Auflösung
des katholischen Volkes und der Verirrung der Massen vorgegangen?
Don Giussani – Er benützte die Methode
des „Credo“, das heißt, der authentischen und klaren Proklamierung des Dogmas ohne Zusätze und der Gegenwart
der Kirche in der Welt, wie aus seiner Ansprache während der Generalaudienz am 23. Juli 1975 deutlich
wird.
Frage – Paul VI. wurde angegriffen, weil er den Teufel als Akteur im menschlichen Alltag wieder
ins Spiel brachte. Er wurde auch von seinen Bischöfen alleine gelassen.
Don Giussani – Paul VI. bemerkte
die Katastrophe, in welche die Kirche schlitterte, als er den Formalismus erkannte, durch den das Übernatürliche
eingefaßt und wiederholt wurde. Darum brachte seine Rede über die Gegenwart des Teufels in der Welt
einen Mut zum Ausdruck, den man in ihm angesichts seines Temperamentes nicht vermutet hätte. Diese Rede
war eine Herausforderung für die Welt und die Theologie, auch die katholische, die sich mehr und mehr
an die Welt anpaßte.
Frage – Was wünschten sie sich für die Kirche im August 1978 als Paul VI. starb?
Don Giussani – Einen Mann, der die Tragödie, in welcher sich die Kirche befand, weiterhin im Blick behalten
würde, der aber zugleich die einzig mögliche Heilung nicht aus den Augen verlieren würde: die Rückkehr
zum Glauben an das Übernatürliche, dem entscheidenden Faktor im Leben der Kirche, und zur Authentizität
der Tradition.
Ich erwartete einen Papst, der den Weg, den Paul VI. in seinen letzten Jahren auf so spektakuläre
Weise gewiesen hatte, weitergehen würde. Schließlich erschien Johannes Paul II., ein Papst der die Inkarnation
dessen ist, was die letzten Zehn Jahre von Paul VI. erkannt und ausgedrückt hatten.
Das ganze Interview,
aus dem hier Teile, publiziert sind, erschien am 9. August 1988 in der politischen Wochenzeitung ‘Il Sabato’.
‘Il Sabato’ war ein politisches Magazin, das der Bewegung „Comunione e Liberazione“ nahestand und in Rom
publiziert wurde.
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3 Lesermeinungen
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Masonist Ich schließe mich Dolfuß an und beschuldige Montini der bewußten Kirchenzerstörung, die er
konsequent und akribisch während seines gesamten Pontifikates betrieb und in Gang setzte. Sein niederträchtiger
Charakter ist offenbar. Man lese nur das Gedächtnisprotokoll seines Gesprächs mit EB Lefebvre und erkenne,
daß das Ziel dieses Papstes die Zerstörung der Kirche war. Daas dürfte auch auf den jetzigen zutreffen,
übrigens …
nicht anklagen, retten Mir scheinen viel interessanter die Antworten über den Ausweg aus der Krise: Nicht
so sehr die eine oder die andere Interpretation, sondern viel mehr – die Proklamierung des Dogmas ohne
Zusätze, – die Gegenwart der Kirche als „Etnische Einheit eigener Natur“ und -der Rückkehr zum Glauben
an das Übernatürliche, dem entscheidenden Faktor im Leben der Kirche. Gerade heute reden alle darüber,
was die Kirche werden soll. Das reicht nicht. Die Kirche beinhaltet schon, jetzt und hier!, eine des Menschlichen
vollendendende Gegenwart, die nie enden kann. Wie Pèguy schrieb: Jesus klagte die Welt nicht an. Er rettete
die Welt. Wo findet jemand heute Spuren davon? Ich bitte um Erkündigung.
Ein mysteriöser Papst Was Paul VI. nun wirklich wollte, ist wirklich schwierig zu ergründen. Er wirkt
ehrlich und tatsächlich besorgt um das Wohl der Kirche. Trotzdem war er sichtlich überfordert, und in
wesentlichen Dingen tatsächlich auf dem Holzweg, um es deutlich zu sagen, weil er sich gegen die Päpste
der Vergangenheit stellte – besonders in seinem irrwitzigen Kampf gegen die Messe des hl. Pius V. Ansonsten
muß dieser Hl. Vater tatsächlich mit einer sagenhaften Blindheit geschlagen gewesen sein, um die Logen
so fleißig werken zu lassen, von der Abschaffung des Antimodernisteneides ganz zu schweigen. Paul machte
sich die Jahre hinweg zu einem Vorkämpfer gegen die Rechtgläubigen in der Kirche und zu einem Schutzherrn
der Modernisten und Freimaurer. Der Ausschluß der +80-Cardinäle von der Wahl seines Nachfolgers diente
ja genau diesem Ziel. Das alles soll Paul VI. wirklich nicht durchschaut haben? Es scheint so, wenn man
an die Zeugnisse seiner Rechtgläubigkeit denkt, die berühmten Verweise auf den Teufel, Humanae vitae
etc. Die ehrliche Verzweiflung über das Kirchendesaster, aber das Fortschreiten auf seinen Holzwegen
machen sein Pontifikat wohl tatsächlich zur größten Katastrophe der Kirchengeschichte und Paul der
wohl tatsächlich viele heiligmäßige Tugenden besaß gleichzeitig zu einem der größten Mysterien in
der Kirchengeschichte. Fast sieht es so aus, als hätte Gott Seinem Stellvertreter wesentliche Gnaden
vorenthalten, um die Kirche und die Menschen zu geißeln. Inwiefern Paul VI. für Millionen irregeleitete
Seelen persönlich Rechenschaft ablegen muß, das weiß auch nur Gott alleine. Das veröffentlichte Interview
ist stellenweise ein bißchen seltsam, von der Geschichte mit dem Allerheiligsten an den Gardisten, bis
zum begeisterten Urteil über Paul VI. Ansonsten erscheint das Wojtyla-Pontifikat in vielem tatsächlich
als eine Verlängerung des Montini-Pontifikates, die Kirche ist in einem noch schrecklicheren Zustand
als 1978. Und das macht auch Johannes Paul II. recht mysteriös. Wieder so viele heiligmäßige Tugenden
in der Person Seiner Heiligkeit, bei gleichzeitigen unglaublicher Vorkommnisse unter seiner Führung,
besonders in seinem extremen Ökumenismus.