Der anglikanische Dekan der Kathedrale von Southwark, Colin Slee, bricht eine Lanze für die Homosexuellen und sorgt sich um den Kurs seiner Kirche unter dem gegenwärtigen Erzbischof von Canterbury, Rowan Williams. Was ist wichtiger, die Einheit der Kirche oder die Forderungen der Homosexuellen? Von Colin Slee, anglikanischer Dekan.
In einem Kommentar in der englischen Tageszeitung „The Guardian“, der am ersten März erschien, äußert
sich Colin Slee, ein Vertreter des linken Flügels der anglikanischen „Kirche von England“, zur Frage
der Homosexualität, welche die weltweite Anglikanische Gemeinschaft zu spalten droht.
Als Rowan Williams
zum Erzbischof von Canterbury ernannt wurde, war ich erfreut. Er ist den anderen Bischöfen der „Kirche
von England“ intellektuell haushoch überlegen und dafür bekannt, schwierige Probleme mit gemäßigter
Überlegtheit zu lösen. Ich warnte meine Gemeinde, daß unsere damaligen „großen Erwartungen“ Bürden
wären, die kein Mensch tragen könnte. Der neue Erzbischof würde eher unsere Loyalität, unser Gebet
und unsere Freundschaft gebrauchen können.
Kurz nach seiner Inthronisierung nahm ich an zwei Anlässen
teil, bei denen er predigte. Als ich die Sankt Paul Kathedrale in London verließ, näherten sich zwei
hermelinbekleidete Vertreter der Stadt und sagten mir, daß sie kein Wort verstanden hätten. Ich antwortete,
daß wir nicht erwarten sollten, den Erzbischof zu verstehen. Wir sollten erwarten, daß er unseren Horizont
erweitern und uns zu Orten bringen würde, von denen wir jetzt nicht einmal wissen, daß sie existieren.
Deshalb müßten wir damit zufrieden sein, die Visionen des Erzbischofs nur vage zu erhaschen. Letzte
Woche fragten mich die gleichen Stadtvertreter, ob ich immer noch so zuversichtlich sei.
Das sind Menschen,
die ein Interesse daran haben, daß die „Kirche von England“ gedeiht. Die meisten von ihnen haben ihre
Hoffnung verzweifelt aufgegeben und sind enttäuscht über die Richtung, welche die Kirche in den letzten
Monaten eingeschlagen hat. Vor Jahren schon haben sie die Themen hinter sich gelassen, welche heute die
Kirche trennen. Die Kirche von England hat vielleicht mehr Freunde außerhalb ihrer Mauern als innerhalb.
Der Erzbischof ist fähig, in Gegensätzen zu denken. Er ist in der Lage, ein Argument bis zum Ende zu
verstehen – er kann den Abscheu eines afrikanischen Erzbischofs angesichts jeder Anpassung an die Homosexuellen
begreifen – und gleichzeitig vermag er die andere Seite des Argumentes verstehen: den Schrei nach Gerechtigkeit,
die Treue einer langjährigen gleichgeschlechtlichen Beziehung, das Faktum, daß es während der ganzen
Kirchengeschichte homosexuelle Priester und Bischöfe gegeben hat. Er kann beide Positionen in Spannung
aushalten und ihre „Integrität“ respektieren. Das ist der Grund, warum er ein so brillanter Theologe
ist.
Theologie hat viel damit zu tun, scheinbar unversöhnliche Widersprüche in einer schöpferischen
Spannung zu halten: „Gott ist drei und Gott ist eins“. Für viele von uns ist das schwierig. Darum wollen
wir die Widersprüche gelöst haben. So handelt die christliche Rechte.
Rowan Williams kämpft mit einem
kulturellen Wandel innerhalb der Anglikanischen Gemeinschaft. Deren traditionelle umfassende Großzügigkeit
ist in Gefahr. Kräfte sind am Werk, die den Gründergenius der Gemeinschaft nicht respektieren, das heißt,
die Fähigkeit, Verschiedenheit in Großzügigkeit zusammenzuhalten. Ich habe große Sympathie für Williams.
Niemand will ein Erzbischof sein, der dem Auseinanderfallen der Kirche vorsteht. Aber wenn Einheit zu
einer absoluten Priorität wird, dann kann sie eine Fortschrittsstrategie aus der Bahn werfen.
In welche
Richtung geht Erzbischof Williams? Er hat es uns nicht gesagt. „Traditionalisten“ verdächtigen ihn zutiefst.
Selbst einige seiner Bischöfe zeigten in einem infamen Offenen Brief, daß sie bereit waren, seine Autorität
gleich zu Beginn zu unterminieren, als sie im Jahre 2003 gegen die Ernennung von Jeffrey John zum Bischof
von Reading opponierten. „Liberale Kräfte“ sind verwirrt, mehr und mehr ungeduldig und wütend. Das Fundament
bröckelt und beginnt auseinanderzufallen, während ‘Einheit’ zu einem Ziel wird, für das – wie mir scheint –
kein Preis zu hoch ist.
Schon bald wird die „Kirche von England“ vielleicht nicht mehr so weit und breit
sein. In der letzten Volkszählung deklarierten sich 73% der Bevölkerung als Christen. Von ihnen gaben
sich 52% als Anglikaner aus. Davon sind gemäß kirchlicher Statistiken nur etwas 4% – 1 Million – regelmäßige
Kirchgänger.
Millionen Menschen, die sich als Anglikaner verstehen, haben aufgegeben. Ersparen wir uns,
die Nation zu evangelisieren. Die „Kirche von England“ würde sich viel Gutes antun, wenn sie begreifen
würde, warum so viele Christen verschwunden sind. Sie könnte viele Male größer sein, als sie heute
ist, ohne eine einzige Seele zu bekehren.
Das Dilemma des Erzbischofs in einem unmöglichen Amt besteht
darin, daß seine Aufmerksamkeit in die entgegengesetzte Richtung blickt. Er ist der Primas von England
und gleichzeitig der Primus inter pares in der Anglikanischen Gemeinschaft. Wir können ihm nicht helfen,
weil wir nicht wissen, wohin er gehen will. Es ist bekannt, daß die Kommunikation undurchsichtig geworden
ist.
Ich habe oft für offene Türen im Lambeth Palace – dem Londoner Sitz des Erzbischofs von Canterbury –
plädiert, auch dafür, daß uns die Möglichkeit gegeben wird zu verstehen, wohin Williams uns führen
will. Ich glaube und vertraue seiner Vision und daß er weiß, wohin die Reise geht. Aber ich bin zutiefst
beunruhigt, daß uns die Gelegenheit, unsere Horizonte zu erweitern, entgleiten könnte – ohne daß Williams
selber daran schuld wäre. Wir würden dann eine geeinigte Kirche haben, die aber beschränkt und eng
wäre und einige wenige Texte und ausgewählte wörtliche Auslegungen dazu benützen würde, um zu verurteilen,
während sie den großzügigen, offenen, liebenden Geist des ganzen Evangeliums ignoriert.
Die Stellungnahme
der Versammlung Anglikanischer Erzbischöfe in Nordirland letzte Woche sprach es aus, das müde Zauberwort:
„Menschen, deren Gefühle sich auf Menschen des gleichen Geschlechtes ausrichten zu Sündenböcken zu
machen oder geringzuschätzen, ist bei uns Anathema.“
Solche Formulierungen haben freilich immmer weniger
Gewicht. Toleranz ist eine negative Tugend mit einer Tendenz zur Selbstgerechtigkeit. Die Großzügigkeit
widerspiegelt das Evangelium viel vollständiger. Das ist eine positive Tugend, die den Geber etwas kostet.
Die Menschen lernen nicht aus der Geschichte, die voll von Beispielen gescheiterter Toleranz ist. Wir
haben im Januar den 60. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz begangen, wo Homosexuelle verbrannt wurden.
Die Weimarer Republik tolerierte die Extreme der Einheit zuliebe. Es genügt nicht, aus den Homosexuellen
keine Sündenböcke zu machen.
Die Kirche muß sich dagegen auflehnen. Weniger zu tun, bedeutet, die
Homophobie zu unterstützen und „moralisch“ zu rechtfertigen. Es ist nötig, daß wir uns die Wahrheitsliebe
etwas kosten lassen. Menschen werden als Homosexuelle in den Entwicklungsländern routinemäßig unterdrückt,
während HIV und Aids wie eine Flutwellenkatastrophe wöchentlich das Leben von Menschen in Afrika fordert.
Das muß ein heterosexuelles Problem sein, weil wir versichert werden, daß es in Nigeria, Uganda oder
sonstwo „keine Homosexuellen“ gibt.
Der Erzbischof von Canterbury hat den Auftrag, die Anglikanische
Gemeinschaft zusammenzuhalten, aber er steht in einem moralischen Dilemma, das von einem tiefen geistlichen
Ernst gekennzeichnet ist: „Ist es richtig, etwas Gutes anzustreben und dabei schlechte Mittel zu benützen?
Wer wird unterwegs geopfert?“ In unserem eigenen kleinen Leben wissen wir alle um dieses Dilemma. Für
Williams bewegt sich das Problem auf einer weltumspannenden Skala und ist deshalb um so gespenstischer.
Vielleicht könnten die Millionen Menschen, welche die „Kirche von England“ aufgegeben haben, ihre Gebete
für Erzbischof Williams mobilisieren. Er hat die meinen.
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