09:43:10 | Freitag, 3. Oktober 2008
Benedikt XVI.
„Ich beschreibe ihm das Haus und sage ihm, daß es dort sehr schön ist. Das ist ein Teil der Heimat, auf die er jetzt verzichten muß.“ Prälat Georg Ratzinger im Interview.

Benedikt XVI. nach seiner Wahl zum Papst.
(kreuz.net) Am vergangenen Montag gewährte Prälat Georg Ratzinger – der Bruder von Papst Benedikt XVI. –
der italienischen Tageszeitung ‘Il Giornale’ ein großes Interview.
Dabei wurde ihm auch die Frage gestellt,
ob er die Wahl seines Bruders zum Papst erwartet hätte. Die Antwort: „Ich muß eingestehen, daß ich
das nicht erwartet habe und ich ein bißchen enttäuscht war…“
„Angesichts der bevorstehenden schweren
Verpflichtungen war mir klar, daß sich unsere Kontakte beachtlich einschränken würden“ – erinnert sich
der Prälat:
„Doch hinter der menschlichen Entscheidung der Kardinäle steht der Wille Gottes, zu dem
wir ja sagen müssen.“
Nach der letzten Papstwahl ist für Prälat Ratzinger vieles anders geworden:
„Früher verbrachte mein Bruder einige Wochen in seinem Haus in Pentling, wenige Kilometer von Regensburg.
Das kann er jetzt nicht mehr tun.“
Prälat Ratzinger erinnert sich an den letzten Papstbesuch in Bayern:
„Im September 2006 war mein Bruder für einige Stunden dort.“

Benedikt XVI. mit seinem Bruder, Prälat Ratzinger, im Sommerurlaub.
Ansonsten besucht Prälat Ratzinger das
Haus alleine: „Am Sonntag fahre ich häufig zum Haus in Pentling und gehe durch die Zimmer. Dann rufe
ich Joseph an und beschreibe ihm das, was ich mit meinen geschwächten Augen noch sehen kann.
Ich beschreibe
ihm das Haus und sage ihm, daß es dort sehr schön ist. Das ist ein Teil der Heimat, auf die er jetzt
verzichten muß.“
Die ersten WorteAn die ersten Worte, die Joseph seinem Bruder Georg nach der Papstwahl
sagt, kann sich Prälat Ratzinger nicht mehr erinnern:
„An diesen Tagen läutete das Telephon und die
Hausglocke ohne Unterbrechung. Es war schrecklich. Ich antwortete nicht mehr am Telephon.
Als der frisch
gewählte Papst dann telephonierte, antwortete meine Haushälterin, Frau Heindl. Mein Bruder wollte natürlich
mit mir sprechen. Aber Frau Heindl war die erste, die ihm zu seiner Wahl gratulierte.“
Sommerferien in
Südtirol„Wir haben oft in Brixen die Ferien verbracht und wohnten dabei im Priesterseminar, wo wir
auch dieses Jahr den Urlaub verbrachten.
Früher konnten wir hinausgehen, uns in aller Ruhe in der Stadt
bewegen und die Kirchen besuchen. Jetzt, wo mein Bruder Papst ist, ist das alles nicht mehr möglich.
Deshalb mußten wir im Haus bleiben und unsere Spaziergänge im Garten des Priesterseminars durchführen.
Diese Spaziergänge waren dennoch schön, obwohl mir das Gehen beschwerlich ist: Ich habe große Probleme
mit den Augen und Beinen.“
Versöhnt mit dem SchicksalPrälat Ratzinger glaubt, daß sich sein Bruder
daran gewöhnt hat, Papst zu sein:
„Ja, ja, er hat sich schnell an seine neuen Umstände gewohnt. Er
muß zu der neuen Ordnung der Dinge einfach ja sagen. Er lebt das alles als Wille Gottes und setzt sich
mit allen seinen Fähigkeiten ein.“
„Benedikt wäre ein schöner Name für einen Papst“Für den Namen
„Benedikt“ gab es in den Familie Ratzinger keine Präferenzen. Doch vor Jahren sagte mir mein Bruder einmal:
»Benedikt wäre ein schöner Name für einen Papst«.
Prälat Ratzinger fügt hinzu, daß sich der jetztige
Papst nicht mehr an diese Aussage erinnern kann: „Aber ich weiß es genau.“
Von dem Namen „Panzerkardinal“,
der dem früheren Präfekten der Glaubenskongregation angehängt wurde, hält sein Bruder nicht viel:
„Ich glaube, daß dieser Ausdruck ihn schlecht beschrieb und nicht der Wirklichkeit entspricht.
Er war
nie ein harscher Mensch und hatte nie die Absicht, andere zu verletzen. Die Meinung anderer hat er immer
sehr respektiert. Oft produzieren die Medien falsche Vorstellungen von Personen.“
Nach Aussage von Prälat
Ratzinger war Papst Johannes Paul II. der Papst, den sein Bruder am meisten geschätzt hat:
„Mein Bruder
war ihm eine große Hilfe und dank seiner theologischen Kenntnisse konnte er ihn gut beraten.
Zwischen
den beiden gab es eine solide Übereinstimmung, eine gemeinsame Ausrichtung. Ihre Sicht des Glaubens hat
dazu geführt, daß sie die Dinge beim Namen nannten.“
Prälat Ratzinger erzählt auch, daß der spätere
Papst Johannes Paul I. († 1978) den damaligen Erzbischof von München besuchte, als dieser seine Ferien
in Brixen verbrachte:
„Luciani war ein Mensch mit einem großen Herzen, sehr fähig. Mein Bruder schätzte
seine Menschlichkeit.“
Auswirkungen und KonsequenzenDie Tatsache, daß Prälat Ratzinger der Bruder
des Papstes ist, hat nach seinen Angaben eine „Situation mit Auswirkungen und Konsequenzen“ geschaffen:
„Wenn ich in die Stadt gehe, begegne ich immer Personen, die sich freundlich an mich wenden – besonders
italienische Touristen. Sie nennen mich ‘Fratello del Papa’ und grüßen mich freundlich.“
Diese Situation
hat sich Prälat Ratzinger nie erträumt: „Nein, ich habe das nicht erwartet und ich hätte mir das nicht
erwarten können.
Es war äußerst ungewöhnlich, daß ein Deutscher Papst werden würde. Seit Jahrhunderten
hat es keine deutschen Päpste gegeben.
Wir haben nie gedacht, diese Ehre zu erhalten. Das war völlig
außerhalb unserer Erwartungen.“
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