14:06:54 | Mittwoch, 29. Oktober 2008
Die paar Politiker und Wirtschaftsgrößen könnten nicht soviel zerstören, wenn die breite Masse wirklich etwas dagegen hätte. Die Welt zahlt die Zeche dafür, daß sie das Christentum ablehnt. Von Sedisvakantinsten-Pater Rolf Hermann Lingen
(kreuz.net) Eines der beherrschenden Themen der jüngsten Zeit war die Verstaatlichung der riesigen Immobilienbanken
Fannie Mae und Freddie Mac durch die US-Regierung.
Ein Kommentar „Pleite verboten“ der ‘Frankfurter Rundschau’
erklärte, daß die Rettung von Fannie und Freddie den US-Steuerzahler locker 300 Milliarden Dollar kosten
kann:
„Klar hätte Amerika seine beiden Immobilienbanken, die gut 5,5 Billionen – oder um es anschaulicher
zu machen 5.500 Milliarden Dollar – an Hypotheken refinanzieren, pleitegehen lassen können. Doch dann
hätten die Banken heute rund um den Globus geschlossen, kämen die Menschen nicht mehr an ihr Geld, die
Firmen nicht mehr an ihre Kredite ran und die Finanzminister weltweit hockten in Krisensitzungen.“
Dieser
Kommentar deckt sich im wesentlichen mit dem, was von anderen sogenannten Experten zu hören ist: Das
Eingreifen der US-Regierung war richtig, und die Börse reagiert darauf positiv.
Es lebe der Sozialismus
Mitte Juni gab es in der ‘Börsen-Zeitung’ einen Kommentar „Der Sozialismus soll siegen“:
„Da heißt
es stets, der Sozialismus sei tot – und nun machen sich ausgerechnet die USA zumindest im Hypothekenmarkt
daran, den Kapitalismus endgültig zu überwinden.“
Noch ein dritter Kommentar des deutschen Boulevardmagazins
‘Focus’:
„Bush stellt Kapitalismus auf den Kopf. Die Börse feiert die Verstaatlichung der US-Hypothekenfinanzierer
Fannie Mae und Freddie Mac – dabei löst der Schritt kein einziges der akuten Probleme.“
Dieser Kommentar
stammt wiederum aus der Zeit unmittelbar nach der Verstaatlichung von Fannie und Freddie:
„Es ist ein
Anachronismus, dass die USA ausgerechnet unter dem früheren Goldman-Sachs-Chef Hank Paulson solche planwirtschaftlichen
Maßnahmen ergreifen.“
Diese ganze Debatte um Kapitalismus und Sozialismus, um Markt- und Planwirtschaft,
ist allerdings ohne klare Begriffe unsinnig bis irreführend.
Zerstörerischer KapitalismusDeshalb
zur Begriffsbestimmung hier einige Ausschnitte aus dem Kapitalismus-Artikel im „Lexikon des katholischen
Lebens“ aus dem Jahr 1952:
„Kapitalismus kann wissenschaftlich nur abgeleitet werden von dem Begriff
des Erwerbskapitals als der Vermögenssumme, die in ein Unternehmen hineingegeben ist und zu deren Verzinsung
und Mehrung das Unternehmen nach Absicht seines Trägers wirtschaftet.
Deutlicher aber läßt sich Kapitalismus
von seinen zerstörerischen Begleiterscheinungen oder Wirkungen her bestimmen.“
Das Lexikon zählt auf:
Herausbildung einer Klasse von Besitzenden neben einer viel größeren Klasse von eigentumslosen Lohnarbeitern,
Absinken der letzteren auf die Stufe des Proletariats, Gefahr der Beherrschung von Wirtschaft und Politik
durch anonyme Geldmächte, Verflüchtigung der persönlichen Verantwortlichkeit, Zerfall der gegebenen
Wertordnung durch Überschätzung der materiellen Werte, in ihrer Folge Glaubensarmut, Genußsucht, Egoismus,
Zersetzung der natürlichen gesellschaftlichen Solidarität, Klassenkampf, allgemeines soziales Unbehagen,
Unsicherheit, Existenzangst.
Menschenverstand und guter WillePapst Pius XII. erwähnte in einer Ansprache
vom 27. April 1941 die Sozialenzyklika „Quadragesimo Anno“ seines Vorgängers Pius XI.:
„In den rechten
Grenzen erlaubt auch die Kirche die Verstaatlichung. Sie sagt, daß gewisse Gruppen von Gütern rechtmäßigerweise
der Staatsgewalt vorbehalten bleiben können, nämlich jene, die mit solcher Macht ausgestattet sind,
daß sie nicht an einzelne übertragen werden können, ohne das Gemeinwohl in Gefahr zu bringen.
Aber
diese Verstaatlichung zur normalen Regel der öffentlichen Organisation der Wirtschaft zu machen, hieße
die Ordnung der Dinge verkehren.“
Aufgabe des öffentlichen Rechts sei es, dem privaten Recht zu dienen,
nicht, es zu absorbieren – so der Papst:
„Die Wirtschaft ist, wie übrigens ein jeder andere Zweig menschlichen
Wirkens, nicht wesentlich eine staatliche Einrichtung, sondern im Gegenteil das lebendige Produkt freier
Initiative von einzelnen und von frei gebildeten Gruppen.“
Viele Industrielle hätten bei verschiedenen
Gelegenheiten ausdrücklich erklärt, daß nur die Lehre der Kirche imstande sei, die wesentlichen Elemente
zur Lösung der sozialen Frage zu liefern:
„Ausführung und Anwendung dieser Lehre kann natürlich gewiß
nicht von heute auf morgen geschehen. Von allen fordert ihre Verwirklichung ein vorausschauendes und klarsichtiges
Verhalten, eine große Dosis gesunden Menschenverstands und guten Willens.“
Sie fordere vor allem, daß
man mit allen Mitteln der Versuchung widerstehe, den eigenen Vorteil zu suchen, sei es auf Kosten der
anderen, sei es zum Schaden des Gemeinwohls:
„Sie fordert endlich jene Uneigennützigkeit, die nur aus
echter christlicher Tugend kommen kann, die von der Hilfe und Gnade Gottes gestützt ist.“
Blinde Selbstsucht
So lustig die Diskussion um die Verstaatlichung von Fannie und Freddie oder um Kapitalismus und Sozialismus
ist: Im Endeffekt bleibt das Wesentliche ungesagt.
Die paar Politiker und Wirtschaftsgrößen könnten
nicht soviel zerstören, wenn die breite Masse wirklich etwas dagegen hätte. Die Welt zahlt die Zeche
dafür, daß sie das Christentum ablehnt.
Zuwenige bemühen sich um echte christliche Tugend. In blinder
Selbstsucht wird weiterhin zu jeder Form von Rücksichtslosigkeit gegriffen: „Ich nehme, was ich kriegen
kann, und nach mir die Sintflut.“
Besser an den Tod denkenDer dabei herrschende Grundsatz „Wenn jeder
an sich denkt, ist an alle gedacht“, läßt sich aber nicht charakterisieren als ein „vorausschauendes
und klarsichtiges Verhalten, eine große Dosis gesunden Menschenverstands und guten Willens“.
Wenn wir
uns nicht vom Gift der Unersättlichkeit und von rücksichtslosen Gier verderben lassen wollen, müssen
wir auf das Kreuz schauen.
Wir können uns nicht verbissen an diese materielle Welt klammern. Denn früher
oder später werden wir sie ohnehin loslassen müssen.
Sie haben eine Meinung zu diesem Artikel? Dann verfassen Sie einen Beitrag. Bleiben Sie in Ihrem Kommentar sachlich und bemühen Sie sich um eine erträgliche Diskussionsatmosphäre. Bedenken Sie, daß Ihr Beitrag noch über Jahre hinweg abrufbar und durch Suchmaschinen im Internet auffindbar ist.
Die Redaktion übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der Leserbeiträge. Sie behält sich das Recht vor, Beiträge zu löschen oder Leser aus der Debatte auszuschließen.