15:00:09 | Dienstag, 11. November 2008
Ein israelischer Historiker hat gesagt, was moderne – von den Päpsten gelobte – kritische Bibelexegeten und Historiker schon lange wußten. Jetzt ist er sich seines Lebens nicht mehr sicher.

Orthodoxe Juden demonstrieren gegen die Gewalttaten Israels gegen die Palästinenser.
(kreuz.net) Die Palästinenser sind die echten Kinder Israels. Das erklärt der israelische Historiker
Schlomo Sand (62) nach Angaben der Webseite ‘heise.de’.
Sand wurde in Linz als Kind polnischer Juden
geboren. Die Familie emigrierte im Jahr 1948 nach Israel. Jetzt unterrichtet er an der Universität Tel
Aviv.
Seit den 60er Jahren gehört Sand zur israelischen Linken, die dem jüdischen Nationalismus kritisch
gegenübersteht.
Mit seinem neuesten Buch „Wann und wie wurde das jüdische Volk erfunden?“ sorgt er
gegenwärtig für lebhafte Diskussionen. Das Werk steht in Israel auf der Bestsellerliste.
Sand zerpflückt
darin die nationalen und nationalistischen Entstehungsmythen Israels.
Seither versuchen Rollkommandos,
Sands Vorlesungsveranstaltungen zu sprengen. Drohbriefe und Beschimpfungen gehören zum täglichen Brot
des Historikers.
Mythen statt Geschichte?Seine Ausflüge in die israelische Geschichte mußte sich
Sand aufsparen, bis er unkündbarer Ordinarius geworden war: „Man muß einen Preis zahlen im akademischen
Leben Israels, wenn man solche Meinungen vertritt“ – erklärt er.
Nach Sand ist die Entstehungsgeschichte
der Juden nicht mit Dokumenten zu belegen.
Das fängt für ihn mit der biblischen Geschichte vom Auszug
aus Ägypten an.
Dieser im 13. Jahrhundert vor Christus angesiedelte Exodus sei durch keinerlei ägyptische
Chroniken belegt. Palästina gehörte damals zum Verwaltungsgebiet Ägyptens.
Auch für die Existenz
der goldenen Königreiche Davids und Salomos finden sich angeblich keine archäologischen Belege.
Sand
Aussagen stimmen hier völlig mit den Ergebnissen der im protestantischen Raum entstandenen historisch-kritischen
Methode überein, die von den Päpsten – zuletzt von Benedikt XVI. – hochgelobt worden ist.
Im Jahre
70 nach Christus haben nach Sand Aufstände fundamentalistischer jüdischer Sekten gegen die römische
Besatzungsmacht stattgefunden.
Keine Vertreibung der Juden durch die RömerDie anschließende Vertreibung
und Verstreuung der Juden in alle Himmelsrichtungen ist für ihn ebenfalls eine reine Erfindung.
Die
Römer hätten keine Völker ins Exil getrieben – und seien dazu logistisch gar nicht in der Lage gewesen.
Bis auf die Rädelsführer der Aufstände sei niemand außer Landes geschafft worden.
Die meisten Juden
seien als Bauern unter fremder Oberherrschaft im Lande geblieben. Später hätten sie den islamischen
Glauben angenommen und sich mit anderen Völkern vermischt.
Die Nachkommen dieser Juden sind heute somit
jene Palästinenser, die von den Einwanderern und ihrer mächtigen Armee blutig unterdrückt werden.
Das Ergebnis der jüdischen MissionDie Neusiedler haben nach Sand mit den antiken Israeliten nichts
zu tun. Sie sind vielmehr Nachfahren jüdisch missionierter Völker.
Denn zwischen dem ersten Jahrhundert
vor Christus und dem vierten Jahrhundert nach Christus schwärmten jüdische Missionare in alle Regionen
des Mittelmeerraumes aus.
Neben unzähligen jüdischen Minderheitsgemeinschaften wurden ganze Königreiche
zum Judentum bekehrt – zum Beispiel das Reich Himya im Gebiet des heutigen Jemen.
Ein anderes missioniertes
Königtum befand sich im heutigen Kurdistan.
Im sechsten nachchristlichen Jahrhundert entstand im Maghreb
ein jüdisch bekehrtes Berberreich, dessen Überreste in den folgenden Jahrhunderten die iberischen Kalifate
wesentlich beeinflußt haben.
Ungefähr zur selben Zeit übernahm das halbnomadische Turkvolk der Chasaren
den mosaischen Glauben.
Das Chasarenreich erstreckte sich über das Gebiet der heutigen Ukraine.
Als
die Mongolen das Reich der Chasaren auslöschten, vermischten sich die Chasaren mit jüdisch missionierten
Slawen und angeblich mit deutsch-jüdischen Flüchtlingen der Pogrome von Mainz und Worms.
Die Ostjuden
sind nach Sand ebenso wenig Nachkommen einer jüdischen Diaspora aus Palästina wie die spanischen Sepharden
oder die mosaischen Jemeniten.
Keine neuen ErgebnisseDiese Tatsachen sind vor Sand durchaus nicht unbekannt
gewesen.
Sogar führende jüdische Nationalisten wußten, daß die Palästinenser die Nachkommen der
Israeliten sind.
Der aus der Ukraine stammende Yitzhak Ben-Zvi († 1963) – später zweiter Präsident
des Staates Israel – erklärte im Jahr 1929:
„Die überwältigende Mehrheit der Kleinbauern haben ihren
Ursprung nicht bei den arabischen Eroberern, sondern eher, vor diesen, in den jüdischen Bauern, die reich
an Zahl waren und die Mehrheit beim Aufbau des Landes stellten.“
Auch daß die Chasaren keine völkischen
Juden waren, ist allgemein bekannt.
Noch bis zur Zeit des Nationalismus galt das Judentum darum als ein
rein religiöses Phänomen.
Das jüdische Volk entstand in der Epoche des NationalismusAls jedoch in
Deutschland der Nationalismus an Boden gewann, verschoben sich auch in der jüdischen Gemeinschaft die
Akzente.
In Deutschland formierte sich der Nationalstaatsgedanke, der untrennbar mit der Vorstellung
einer homogenen Herrenrasse verbunden war.
In den USA formierte sich entsprechend die Auffassung, die
nationale Herrenrasse in Nordamerika sei die Nordic Race, bestehend aus blonden, blauäugigen Nachkommen
der Engländer, Deutschen und Skandinavier.
Diese vom US-Rassentheoretiker Madison Grant († 1937) formulierte
Auffassung floß ein in die Einwanderungs-, Sterilisierungs-, Apartheids- und Heiratsverbotsgesetze der
Vereinigten Staaten.
Die Radikalisierung des Nationalstaatsgedankens wurde von der jüdisch nationalistischen
Gemeinschaft übernommen.
Der deutsch-jüdische Historiker Heinrich Graetz († 1891) deutete das Judentum
zunehmend als nationalistische Bewegung.
Blüte biologischer RassentheorienSand konstatiert einen seit
den 60er Jahren stärker werdenden Biologismus in der israelischen Debatte über ein angebliches jüdisches
Nationalvolk:
„Die »Herkunft der Völker« ist inzwischen ein akzeptiertes und beliebtes Forschungsfeld
der Molekularbiologie.“
Die offiziell festgeschriebene Definition der israelischen Demokratie als „jüdisch“
hindere so mindestens ein Fünftel der Staatsbürger daran, sich mit Israel zu identifizieren.
Hier ist
nach Sand eine Spannung programmiert, die der kleine Staat auf Dauer nicht aushalten werde. Israel verfüge
über keine Existenz als jüdischer Staat:
„Wenn das Land nicht eine offene, multikulturelle Gesellschaft
wird, ist ein Kosovo in Galiläa zu befürchten“ – so Sand.
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