Kommunismus
Opfer – nicht Täter
Vor rund einer Woche tauchten in Ungarn Listen mit den Namen kommunistischer Spitzel auf. Unter den angeblichen Denunzianten finden sich Kardinäle, Erzbischöfe, Bischöfe, Äbte und Priester. Jetzt hat die Ungarische Bischofskonferenz mit einer Stellungnahme reagiert: Die Spitzel seien keine Täter, sondern die Opfer des kommunistischen Erpressungssystems gewesen.
(kreuz.net, Budapest) Katholische Kleriker, die während der kommunistischen Diktatur mit dem Regime kollaborierten, seien Opfer des damaligen unmenschlichen Systems gewesen, erklärte die Ungarische Bischofskonferenz in einer Stellungnahme. Die eigentlichen Verantwortlichen für dieses System seien zum Teil noch immer in einflußreichen politischen Positionen.

Der hochrangigste katholische Prälat auf der Liste der Polizeispitzel ist der ehemalige Erzbischof von Esztergom, László Kardinal Paskai (77). Auch der gegenwärtige Präsident der Ungarischen Bischofskonferenz und Erzbischof von Eger, István Seregély (77), soll der kommunistischen Geheimpolizei zu Diensten gestanden sein.

Die Ungarische Bischofskonferenz betont, daß die Liste mit den Spitzeln seltsamerweise erst 15 Jahre nach dem Untergang des Kommunismus ans Licht gekommen sei. Es ist auch allgemein bekannt, daß ein großer Teil der Dokumente, welche die Aktivitäten der Geheimpolizei festhielten, im Jahre 1989 vernichtet wurde. Darum ist die historische Auswertung und Beurteilung der Listen mit den angeblichen Spitzeln schwierig.

„Während des Kommunismus wurde jeder Teil der Gesellschaft überwacht. Selbst unterste Führungskräfte wurden genötigt, sogenannte ‘Berichte über das Klima’ zu schreiben.“ Offiziell habe man diese Maßnahmen damit begründet, daß sie der Sicherheit des Volkes dienten, so die Bischöfe.

„Die kommunistische Partei führte ihr Beobachtungssystem auch unter Priestern und Ordensleuten ein. Diese wurden als die größten ideologischen Feinde betrachtet.“ Zur Errichtung des Spitzelnetzwerkes seien alle möglichen Formen von psychologischer und körperlicher Gewalt benützt worden.

„Es gab zahlreiche Menschen, die sich heroisch gegen den politischen Zwang stellten und dabei oftmals ihr Leben opferten. Die Kirche ehrt die vielen Laien, Ordensleute und Priester für ihren Mut.“

„Andere verließen das Land oder zogen sich in die Seelsorge einer Landpfarrei zurück. Einige brachen unter der drückenden Last des Kommunismus zusammen und stimmten der Kooperation zu. „Sie wurden“ – so der Text – „Opfer eines unmenschlichen Systems.“

Unter den Denunzianten habe es mit Sicherheit Priester, Ordensleute und katholische Laien gegeben. Sie hätten sich gegen ihre Brüder versündigt: „Wir entschuldigen uns für ihre Handlungen den Verratenen und Gott gegenüber“

Viele der früheren klerikalen Spione hätten ihre Tätigkeit gegenüber ihren Mitbrüdern öffentlich zugegeben und ihr Gewissen auf diesem Weg befreit. Andere hätten sich nach dem Zusammenbruch des Kommunismus bei ihren Opfern entschuldigt: „Obwohl es einige gibt, die diese Entschuldigung bis auf den heutigen Tag nicht geleistet haben, dürften wir sie im Geist der Liebe Christi nicht verurteilen: Richtet nicht, dann werdet auch ihr nicht gerichtet werden.“

Heute würden die Kleriker, die ins Spitzelsystem der Kommunisten eingebunden wurden, manchmal mit den kommunistischen Politikern verglichen, welche die Verantwortung für ihre Untaten nicht übernehmen wollen.

Dabei werde aber vergessen, so die Bischöfe, daß die Kleriker keine Täter, sondern Opfer der kommunistischen Erpressungspolitik waren. Durch die Veröffentlichung ihrer Namen würden sie erneut zu Opfern gemacht.
      
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